Unterwegs mit Fontane

Bereits 1899, nur ein Jahr nach Fontanes Tod, wurde in Neuruppin über die Errichtung eines Denkmals zu seinen Ehren diskutiert. 1906 begann der Bildhauer Max Wiese mit der Arbeit daran, 1907 wurde es enthüllt. Jedes Jahr am 30. Dezember, zum Geburtstag Fontanes, findet hier eine Gedenkveranstaltung statt.

Bereits 1899, nur ein Jahr nach Fontanes Tod, wurde in Neuruppin über die Errichtung eines Denkmals zu seinen Ehren diskutiert. 1906 begann der Bildhauer Max Wiese mit der Arbeit daran, 1907 wurde es enthüllt. Jedes Jahr am 30. Dezember, zum Geburtstag Fontanes, findet hier eine Gedenkveranstaltung statt.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Am Anfang stand eine ungewöhnliche Idee: Unser Fotograf Maurizio Gambarini wollte mit Theodor Fontane (1819-1898) ein paar Tage lang durch Berlin und Brandenburg reisen. Dazu besuchte er zuerst das Märkische Museum. In dessen großer Halle steht Max Kleins um 1910 angefertigtes Fontane-Denkmal. Passenderweise zeigt es Theodor Fontane, wie wir ihn uns auf seinen Streifzügen durch die Mark Brandenburg vorstellen dürfen: mit Wanderstock und Hut. Maurizio Gambarini fotografierte es, ließ einen Pappaufsteller anfertigen und machte sich auf den Weg.

Dabei war dem Fotografen klar, dass er nur einen winzigen Bruchteil der von Theodor Fontane geschilderten Stationen würde ansteuern können. Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ sind ein gewaltiges Projekt, die in den fünf Bänden enthaltenen Texte erschienen über einen Zeitraum von 27 Jahren, zwischen 1862 und 1889. Heutige Druckausgaben können, je nach Satzspiegel, schon einmal 2500 Seiten umfassen. Mit der ihm eigenen Ironie nannte Fontane seine „Wanderungen“ einmal „Plaudereien und Feuilletons“, obwohl sie doch so viel mehr waren und immer noch sind: anschauliche, detailgesättigte, oft ergreifende Landschaftsbeschreibungen, historische Tiefenbohrungen und vor allem eine große Liebeserklärung an seine Heimatregion, der so viel schriftstellerische Zuwendung niemals zuvor zuteil geworden war. Die märkische Landschaft und ihre Geschichte hatten zwar in den Romanen von Willibald Alexis (1798-1871) schon eine wichtige Rolle gespielt, Fontane aber verließ das Fach des Fiktiven und widmete sich seiner ganz eigenen Form der Realitätsbeschreibung.

Und auch wenn er selbst gern den Eindruck des Flaneurs erweckte, dem seine Beobachtungen nur so zuflogen, so stand dahinter doch harte Arbeit, akribische Recherche und die manchmal zähe Suche nach historischen Quellen. Fontane sichtete Familienarchive, studierte Stammbäume und Memoiren, Sagen und Romane, führte unentwegt Gespräche mit den Zeitgenossen, besuchte Klöster, Schlösser, nahm Landschaften in Augenschein. Fast verblüfft notierte er einmal: „Ich bin die Mark durchzogen und habe sie reicher gefunden, als ich zu hoffen gewagt habe. Jeder Fußbreit Erde belebte sich und gab Gestalten heraus … wohin das Auge fiel, alles trug den breiten historischen Stempel.“

Die Idee dazu war Fontane wahrscheinlich im Jahr 1856 gekommen, weit von seiner Heimat entfernt, in England. Der damals 36-Jährige hatte es bereits sieben Jahre zuvor aufgegeben, als Apotheker in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und sich der freien Schriftstellerei und dem Journalismus zugewendet. Von 1855 bis 1859 hielt er sich als Korrespondent der könglichen „Centralstelle für Preßangelegenheiten“ in London auf – mit dem Auftrag, regierungsnahe Korrespondenzen zu verfassen. In seinem Tagebuch heißt es am 19. August 1856 stichpunkthaft: „Einen Plan gemacht. ,Die Marken, ihre Männer u. ihre Geschichte. Um Vaterlands- u. künftiger Dichtung willen gesammelt u. herausgegeben von Th. Fontane.’ Die Dinge selbst geb’ ich alphabetisch. Wenn ich noch dazu komme, das Buch zu schreiben, so hab’ ich nicht umsonst gelebt u. kann meine Gebeine ruhig schlafen legen.“

Ursprünglich dachte er offenbar an eine Art Enzyklopädie. Wie mächtig die Idee in ihm arbeitete, zeigt sich an einer zwei Jahre später verfassten Notiz. Im Sommer 1858 begab er sich auf eine sommerliche Reise durch Schottland, woraus sein 1860 erschienener Bericht „Jenseits des Tweed“ hervorgehen sollte. Er stand vor der malerischen Burgruine des Loch Leven Castle, aber er dachte, vielleicht vom Heimweh ein wenig melancholisch gestreift, an Schloss Rheinsberg in Brandenburg. Seine Heimat sei doch „nicht minder schön“ als die schottische, schrieb er später: „Je nun, so viel hat Mark Brandenburg auch. Geh’ hin und zeig’ es.“

Und er ging hin und zeigte es – und unter seinen Augen wurde die flache, oft auch karge Landschaft Brandenburgs zur historischen Schatzkammer. Mahnend wandte er sich im Vorwort der „Wanderungen“ an seine Leser: „Wer, unvertraut mit den Großtaten unserer Geschichte, zwischen Linum und Hakenberg hinfährt, rechts das Luch, links ein paar Sandhügel, der wird sich die Schirmmütze übers Gesicht ziehn und in der Wagenecke zu nicken suchen; wer aber weiß, hier fiel Froben, hier wurde das Regiment Dalwigk in Stücke gehauen, dies ist das Schlachtfeld von Fehrbellin, der wird sich aufrichten im Wagen und Luch und Heide plötzlich wie in wunderbarer Beleuchtung sehn.“

„Wie in wunderbarer Beleuchtung“: Genau so erscheint bei Theodor Fontane die Mark Brandenburg. Seine „Wanderungen“ sind deshalb auch eine sehr unterhaltsame Ermunterung, aufmerksam durch das Leben zu gehen, sich um historisches Verständnis zu bemühen und die Perspektiven auch jener Menschen nachzuvollziehen, die nicht mehr unter uns sind. Das macht sie so wertvoll.