Jubiläum

30 Jahre Mauerfall: So feiert Brandenburg

Ausstellungen, Feste, Filme, Zeitzeugen-Projekte: Landesregierung und Landtag präsentieren das landesweite Jubiläumsprogramm.

An der Glienicker Brücke findet am 10. November die zentrale Gedenkveranstaltung statt.

An der Glienicker Brücke findet am 10. November die zentrale Gedenkveranstaltung statt.

Foto: Ralf Hirschberger / dpa

Potsdam. Das von der Obrigkeit misstrauisch beäugte Pfingstbergfest in Potsdam im Juni 1989 hat Bernd Blumrich mit der Kamera festgehalten. Ebenso den Polizeieinsatz gegen Potsdamer Demonstranten am 4. Oktober des gleichen Jahres sowie die Grenzöffnung in Dreilinden und Teltow im November, als Leute spontan zu Schaufel und Spaten griffen, um den Soldaten zu helfen. Der gebürtige Wilhelmshorster dokumentierte kurz darauf die Besetzung der Potsdamer Stasi-Zentrale im Dezember und die erschütterten Gesichter derjenigen, die 1990 zum ersten Mal das geöffnete MfS-Untersuchungsgefängnis „Lindenhotel“ in Augenschein nahmen.

Blumrich, der heute in Kleinmachnow lebt, gilt als der Wende-Chronist Brandenburgs schlechthin. Speziell seine Fotos vom Potsdamer Gefängnis Lindenstraße aus der Phase des gesellschaftlichen und politischen Umbruchs will die Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße in diesem Jahr ausstellen.

Großes Interesse an Lebensgeschichten

Es ist nur eine von zahlreichen Veranstaltungen, die anlässlich des Mauerfalls vor 30 Jahren geplant sind. Am Donnerstag stellten Landesregierung und Landtag in Potsdam das landesweite Jubiläumsprogramm vor. „Vorgesehen sind Zeitzeugen-Projekte, Theateraufführungen, Film-Dokumentationen, Diskussionsrunden und diverse Ausstellungen“, kündigt Kulturministerin Martina Münch (SPD) an. Der subjektive Blick stehe dabei im Vordergrund.

Erfreulich sei, dass ein neues Interesse an den Geschehnissen der Wendezeit und den Lebensgeschichten vor dem Mauerfall entstanden sei. „Das ist umso wichtiger, als wir heute ganz schön weit weg sind von den großen Gefühlen von damals“, sagt die Ministerin. Zugleich gebe es eine junge Generation, die diese Zeit nicht mehr aus eigenem Erleben kenne. „Hier gilt es, historisch-politische Bildungsangebote zu stärken“, betont Münch.

Erinnerung auch an die Wiedergründung Brandenburgs

Eine besondere Rolle spielten hierbei Orte wie das ehemalige DDR-Militärgefängnis in Schwedt oder die Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus, die konkret und unmittelbar an individuelle Schicksale erinnern und über die Machtstruktur der DDR informieren. Es gelte aber auch zu zeigen, dass Menschen jenseits der Staatspropaganda ein erfülltes Leben leben konnten, wie es das Dokumentationszentrum Alltagskultur in der DDR in Eisenhüttenstadt vermittelt.

Gefeiert wird auch noch im gesamten kommenden Jahr. Denn: „2020 soll zugleich an die Wiedergründung Brandenburgs im Jahr 1990 erinnert werden“, erklärt Landtagspräsidentin Britta Stark (SPD). Nach der Auflösung Preußens war das Land Brandenburg erstmals 1947 aus der Taufe gehoben worden. Der Wiedergründung Brandenburgs im Jahr 1990 wird sich die Leitausstellung des Hauses der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte unter dem Motto „30 Themen – 30 Orte – 30 Menschen“ ab Oktober 2020 widmen.

Damit nicht genug: Auch der offizielle Festakt und das Bürgerfest zum 30. Jahrestag der deutschen Einheit am 3. Oktober 2020 werden diesmal in Potsdam begangen. Das Fest zum bundesweiten Feiertag wird jährlich in der Hauptstadt des Bundeslandes ausgerichtet, das zu dem Zeitpunkt die Präsidentschaft im Bundesrat innehat – und die übernimmt Brandenburg in diesem November.

Zentrale Gedenkveranstaltung am 10. November

700.000 Euro steuert das Land Brandenburg für den Festmarathon bei. Der 10. November 2019 ist als Termin für die zentrale Mauerfall-Gedenkveranstaltung gesetzt. Um 18 Uhr wurde an jenem Tag vor 30 Jahren die Glienicker Brücke für den grenzüberschreitenden Verkehr geöffnet. Los geht es in diesem Jahr bereits um 16 Uhr mit einer Andacht von Bischof Markus Dröge in der evangelischen Nikolaikirche auf dem Alten Markt in Potsdam, wo anschließend ein von Brandenburgs Diktaturbeauftragter Maria Nooke moderiertes Podium mit Bürgerrechtlern diskutiert. Von dort aus geht es zur Glienicker Brücke.

Bereits vom 25. bis 29. September legt das Filmmuseum Potsdam das „Moving History Filmfestival“ auf. Gezeigt werden thematisch passende Dokumentar- und Spielfilme aus den vergangenen drei Jahrzehnten. Das Museum Schloss Lübben bereitet derzeit ein Sonderausstellungsprojekt mit Zeitzeugen vor, das sich mit dem Alltag der Menschen im Jahr 1989 und den Veränderungen in den Folgejahren auseinandersetzt. Der Geschichts- und Heimatverein Gusow-Platkow (Märkisch-Oderland) plant eine Ausstellung und ein internationales Zeitzeugenprojekt mit Interviews zu den Erfahrungen und Erlebnissen in der Wendezeit aus deutscher, polnischer und österreichischer Sicht. In Luckau organisiert der Verband Cartoonlobby eine Schau zum Thema „Politische Wende und 30 Jahre Mauerfall“.

Neben Feierlaune gibt es auch Forderungen

Bei aller Würdigung und Feierlaune geht es Staatskanzlei-Chef Martin Gorholt (SPD) im Jubiläumsjahr auch um nachdenkliche Töne. „Es ist klar, dass wir bisher nicht alles erreicht haben, was wir uns 1989/90 vorgenommen haben. Auch nach drei Jahrzehnten kann auf wichtigen Gebieten wie Löhnen oder Renten nicht von gleichwertigen Lebensverhältnissen in Ost und West die Rede sein“, erklärt Gorholt. Die Frage nach der ostdeutschen Repräsentanz in bundesdeutschen Gremien müsse ebenfalls kritisch diskutiert werden.