Brandenburg

Reiseregion Fläming setzt auf Schwarmfinanzierung

Vier Projekte im Fläming wurden mit Crowdfunding realisiert. Das soll auch in anderen Regionen umgesetzt werden.

Christophe Boyer in einem Zimmer seines Schlafwagenhotels in Rehagen.

Christophe Boyer in einem Zimmer seines Schlafwagenhotels in Rehagen.

Foto: Katrin Starke

Rehagen. Christophe Boyer ist ein Mann, der vor Herausforderungen nicht zurückschreckt. Das bewies er das erste Mal, als er 2010 mit seiner Frau Manja den heruntergekommenen Bahnhof Rehagen (Teltow-Fläming) an der stillgelegten Strecke der Königlich-Preußischen Militäreisenbahn kaufte.

Und er bewies es ein zweites Mal, als er 2015 drei Eisenbahnwagen erwarb, die vor 30 Jahren in der DDR für die Transsibirische Eisenbahn gebaut, aber durch die Wirren der Wendezeit nicht mehr ausgeliefert wurden. Mehr als 600.000 Euro investierte der gebürtige Franzose in den Bahnhof, um ihn in ein Restaurant und eine Event-Location für Tanzkurse, Konzerte und Lesungen zu verwandeln.

Tourismusverband Fläming hat Crowdfunding-Wettbewerb ins Leben gerufen

Noch mal 140.000 Euro legte er für die Bahnwaggons auf den Tisch, die bei Jüterbog vor sich hin rotteten, und richtete darin ein Schlafwagenhotel ein. Was in den umgebauten Abteilen allerdings fehlte: eine Heizung. „Eine Gastherme, Wasserboiler für jedes Zimmer und ein Gasanschluss mussten her“, erzählt Boyer. Aber schon wieder investieren? Da kam dem 43-Jährigen der Crowdfunding-Wettbewerb „FlämingSchmiede“ gerade recht, den der Tourismusverband Fläming vor zwei Jahren ins Leben rief.

Über die Internet-Plattform Startnext bewarb er sein Vorhaben, bat um Spenden. 8000 Euro würde er brauchen, schätzte er ein. 15.060 Euro kamen letztlich zusammen. Eingezahlt von 288 Unterstützern, die er als Dankeschön mit Kaffee und Kuchen, mit Rabatten auf eine Übernachtung und sogar der Ausrichtung einer Feier belohnte.

Fläming ist erste Reiseregion, die Crowdfunding einsetzt

Boyer ist einer von vier Teilnehmern, die erfolgreich aus dem Crowdfunding-Wettbewerb hervorgegangen sind. „Endlich zeigen Brandenburger mal Mut“, lobt Wirtschaftsminister Jörg Steinbach deren Engagement. Der Sozialdemokrat machte sich jetzt vor Ort ein Bild davon, was mit Hilfe der Schwarmfinanzierung auf den Weg gebracht worden ist. Als erste Reiseregion in Deutschland setzte der Fläming dieses Instrument ein.

„Ursprünglich starteten 14 touristische Anbieter in den Wettbewerb“, sagt Daniel Sebastian Menzel. Dass letztlich nur vier ihr Finanzierungsziel erreichten, bedeute aber nicht, dass die anderen Projekte gescheitert seien, so der Geschäftsführer des Tourismusverbandes. Der Forellenhof Rottstock beispielsweise wollte eine Fischakademie mittels Crowdfunding aufziehen, in Zesch am See sollten mongolische Jurten errichtet werden. „Vielfach war die Summe, die eingeworben werden sollten, zu hoch angesetzt.“ Crowdfunding sei kein Wundermittel, sondern eher geeignet, um Finanzierungslücken von maximal 15.000 Euro zu schließen.

Auch Rheinhessen hat vor Kurzem ein solches Projekt gegründet

Diese Erfahrung konnte Menzel mittlerweile ersten Nachahmern weitergeben: Die Region Rheinhessen hat vor Kurzem unter dem Titel „IdeenReich“ ebenfalls ein Crowdfunding-Projekt gegründet.

Auch im übrigen Brandenburg soll das, was der Fläming losgetreten hat, Schule machen. „Ab Jahresende planen wir Ideenwerkstätten in allen märkischen Reiseregionen“, kündigt Andreas Zimmer, Clustermanager bei Brandenburgs Tourismus-Marketing-Gesellschaft, an. Wie sich der Fläming durch den Wettbewerb als Kreativregion positioniert habe, stehe die Uckermark dann vielleicht für Nachhaltigkeit oder das Ruppiner Land für Wassertourismus.

Unterm Strich sei die Resonanz auf den Crowdfunding-Wettbewerb für ihn fast wichtiger gewesen als das eingesammelte Geld, sagt Hotelier Boyer. „Es sind viele Leute auf uns aufmerksam geworden.“

Ähnlich sieht es Volker Link, der in einem ehemaligen Hotel in Dahnsdorf eine Eventlocation mit Übernachtungsmöglichkeiten eingerichtet hat. Entdeckt hatte der Berliner das „Haus Fläming“, als er einen Ort für eine große Familienfeier suchte – für „unseren 100. Geburtstag“. Er wurde 45, seine Frau 40, die Kinder zehn und fünf Jahre alt.

Aus Wasserrohren wurden Regale, aus Baugerüsten Betten

Der Ingenieur und Architekt witterte das Potenzial des Gebäudes, kaufte es im Rahmen einer Zwangsversteigerung. Nach und nach gestaltete er die Zimmer um. Mit gebrauchten Materialien. Aus Wasserrohren baute er Regale, aus Baugerüsten und Europaletten entstanden Betten, eine alte Gasflasche wurde zum Lampenschirm. Sechs der 26 Zimmer hatte er schon nach dem Upcycling-Prinzip aufgehübscht, als er bei der „FlämingSchmiede“ antrat. 7500 Euro wollte er einnehmen, am Schluss waren es 65 Euro mehr. Genug, um von einem Designer mit altem Holz ein „Scheunenzimmer“ gestalten zu lassen.

Die meisten Unterstützer waren Leute aus dem Ort

Bei Gabriele Hiller kam genug zusammen, um die Remise hinter ihrem Haus in Wildenbruch zu einem Atelier auszubauen. Hier bietet die Künstlerin Malkurse an, vermietet den lichtdurchfluteten Raum zudem für Firmenmeetings. Die meisten ihrer 288 Unterstützer waren Leute aus dem Ort. „Das habe ich als Zeichen der Wertschätzung angesehen“, sagt die Berlinerin, die seit 2011 in Wildenbruch lebt.

Eher Einheimische als Gäste nutzen auch den „Kranich-Express“. Der Elektroshuttle fährt seit dem 1. April sieben Mal täglich Sehenswürdigkeiten rund um Trebbin an, unter anderem das Naturparkzentrum am Wildgehege Glauer Tal, das Schloss Blankensee und den Aussichtsturm auf dem Löwendorfer Berg. Vor vier Jahren habe die Stadt ein Klimakonzept verabschiedet, erklärt Bürgermeister Thomas Berger. Eigentlich habe man einen Elektrobus kaufen wollen. Doch weil es für die Anschaffung keine Fördermöglichkeiten gab, drohte das Projekt zu scheitern. „Mit dem Geld aus dem Crowdfunding konnten wir nun einen Kleinbus leasen“, sagt Berger. „Die Leasingraten für drei Jahre sind gesichert.“