Fachkräftemangel

So sollen Menschen für das Handwerk begeistert werden

Handwerker werden in Brandenburg gesucht. Wie versucht wird, junge Menschen dafür zu gewinnen und ihnen beim Start zu helfen.

Metallbaumeister Fritz Kasseck (Mitte) mit Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (l.) und Potsdams Handwerkskammerpräsident Robert Wüst.

Metallbaumeister Fritz Kasseck (Mitte) mit Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (l.) und Potsdams Handwerkskammerpräsident Robert Wüst.

Foto: Katrin Starke

Kleinmachnow. Mit Schwung lässt Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) den schweren Hammer auf den Amboss niedersausen. Doch die Spitze des glühend heißen Stahlstiftes bleibt platt und krumm. Anders bei Robert Wüst, dem Präsidenten des brandenburgischen Handwerkskammertages, der an einem zweiten Amboss mit dem Minister um die Wette schmiedet. Mit jedem Schlag wird der von Wüst bearbeitete Stahlstift vorn spitzer, wie es sich für einen Nagel gehört.

Wüst ist vom Fach, ist gelernter Metallbauer. Der Minister dagegen, von Haus aus Chemie-Ingenieur, muss ansonsten ganz andere Eisen schmieden – beispielsweise den Strukturwandel in der Lausitz voranbringen. Aber zu seinen Aufgaben gehört es auch, sich ums Handwerk zu kümmern. Erst im April hat er eine neue Richtlinie in Kraft gesetzt, die den Zugang zur Meistergründungsprämie erleichtert.

Kooperation mit Kleinmachnower Waldorfschule

Regelmäßig stehen Besuche bei Handwerkern in Steinbachs Kalender – wie der bei Metallbaumeister Fritz Kasseck aus Kleinmachnow (Potsdam-Mittelmark). Nicht in seiner eigenen Werkstatt empfängt der 27-Jährige den Minister und den Handwerkskammerpräsidenten, sondern in der Lehrschmiede der Kleinmachnower Waldorfschule, mit der Kasseck kooperiert. Schmieden steht hier ganz regulär auf dem Stundenplan, zusätzlich bietet Kasseck eine – gut besuchte – Schmiede-AG an. Er hoffe, auf diese Weise mehr junge Menschen für einen Metallberuf zu begeistern, sagt der Schmied.

Denn bei ihm wurde so seinerzeit die Liebe zum Eisen entfacht. „Das war in der zehnten Klasse, da habe ich ein Schülerpraktikum im Metallbau gemacht“, erzählt Kasseck. Nach der mittleren Reife absolvierte er eine Ausbildung zum Metallbauer. Mit 23 Jahren hatte er den Meisterbrief in der Tasche, machte sich selbstständig. „Ich wollte mein eigener Herr sein“, so Kasseck. Noch ist „Fritz Metall“ ein Ein-Mann-Betrieb. Aber im nächsten Jahr wolle er einen Lehrling einstellen. Für einen weiteren Angestellten reiche es noch nicht.

Handwerker sind gefragte Experten

Wobei Kasseck über einen Mangel an Arbeit nicht klagen kann. Die Stahlmöbel, die er in seiner nur 45 Quadratmeter großen Werkstatt im Teltower Gewerbegebiet gestaltet, kommen an. Auch als Restaurator von Schmiedearbeiten ist er ein gefragter Experte. Dennoch werde er wohl einer der Letzten seiner Zunft sein, schätzt Kasseck ein. „Mein Handwerk wird aussterben.“ Was nicht nur an fehlendem Nachwuchs liege. In der Umgebung kenne er allein drei Schlossereien, die einen Nachfolger suchten. Problem sei aber, dass mit der Übernahme der Bestandsschutz für deren Werkstätten erloschen wäre, sagt Kasseck. „Niemand will mehr Schlosser im Ort.“

Handwerk mit Lärm, Staub und Gerüchen verbunden

Denn das Handwerk sei mit Lärm verbunden, mit Geruchs- und Staubbelastung. Also entschied sich Kasseck für eine Neugründung – mit allen damit verbundenen Kosten. „Eine Bohrmaschine kostet um die 5000 Euro, ein Schweißgerät an die 3000 Euro“, dazu kommen Esse, Amboss, Stahlsägen. „Ohne Werkzeug kannst du ja nichts bauen.“ Da sei ihm die Meistergründungsprämie gerade recht gekommen. Die hat das brandenburgische Wirtschaftsministerium vor dreieinhalb Jahren eingeführt.

„Meisterinnen und Meister, die einen Betrieb im Land Brandenburg gründen, eine Beteiligung eingehen oder ein Unternehmen im Handwerk übernehmen, können eine einmalige Basisförderung von maximal 8700 Euro erhalten“, erklärt Minister Steinbach. „Wer danach zusätzlich einen neuen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz schafft, kann noch einmal bis zu 3300 Euro bekommen.“ 267 märkische Handwerker haben mittlerweile von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht, 2,3 Millionen Euro hat sich das Land Brandenburg die Unterstützung bislang kosten lassen. Die meisten Prämien gingen an Meister aus dem Kraftfahrzeugbereich, gefolgt vom Heizungs-, Lüftungs- und Sanitärgewerbe, von Zimmermeistern und Dachdeckern.

Weniger Frauen als Männer mach sich selbstständig

Bei den weiblichen Handwerkern sind es vornehmlich Friseurmeisterinnen, die eine Prämie erhalten haben. Noch immer würden sich aber deutlich weniger Frauen als Männer selbstständig machen, sagt Steinbach. Ihr Anteil beträgt etwa ein Drittel. „Mit der Änderung unserer Förderrichtlinie wollen wir ausdrücklich Handwerksmeisterinnen ermutigen, den Schritt in die Selbstständigkeit zu gehen“, sagt der Wirtschaftsminister.

Bisher galt, dass die Prämie binnen drei Jahre nach Abschluss der Meisterprüfung beantragt werden musste. Diese Frist gibt es für Meisterinnen und Meister, die einen bestehenden Betrieb übernehmen, nun nicht mehr. „Für Handwerksmeisterinnen entfällt die Frist generell – also auch, wenn sie einen neuen Betrieb gründen.“

Märkische Handwerk setzt jährlich knapp 14 Milliarden um

Das böte weitere Anreize für den Start in die Selbstständigkeit, sagt Peter Dreißig, Präsident der Handwerkskammer Cottbus. Er denkt dabei aber zuallererst an das Thema Unternehmensnachfolge. Allein in Südbrandenburg würden mehr als 2500 Betriebe in den kommenden Jahren einen Nachfolger brauchen. Betroffen seien rund 10.000 Arbeitsplätze und Umsätze von knapp einer Milliarde Euro.

Insgesamt setzt das märkische Handwerk jährlich knapp 14 Milliarden Euro um. Mit seinen fast 160.000 Beschäftigten in nahezu 40.000 Betrieben sei die „Wirtschaftsmacht von nebenan“ ein echtes Schwergewicht in Brandenburg, betont der Wirtschaftsminister. Und wirbt dafür, in diesem Bereich eine Existenz zu gründen: „Handwerker werden überall gesucht.“

Metallbaumeister Kasseck nickt zustimmend. Er freut sich, dass die Jungen und Mädchen, die er in der Waldorfschule Kleinmachnow unterrichtet, Feuer und Flamme für das Schmiedehandwerk sind. „Es sollten sich viel mehr Schulen mit dem Handwerk auseinandersetzen und zeigen, welch vielfältige Möglichkeiten es gibt, auch ohne Abitur seinen Berufsweg zu gehen – und aufzusteigen“, sagt der Schmied. Wobei vielfach gar nicht die Schüler überzeugt werden müssten, sondern eher die Eltern.