Fotoausstellung

Szenen aus dem DDR-Alltag

Leben, Arbeit, Freizeit: Die Fotoausstellung „Voll der Osten“ in Potsdam zeigt Aufnahmen von Harald Hauswald aus der DDR der 80er-Jahre.

Die Fotografien wirken spontan aufgenommen, sind aber oft inszeniert.

Die Fotografien wirken spontan aufgenommen, sind aber oft inszeniert.

Foto: © Harald Hauswald/OSTKREUZ/Jaron Verlag

Potsdam. „Stand der täglichen Planerfüllung“ steht in großen Lettern auf der Tafel. Doch hinter den Namen der Kollegen, die untereinander aufgelistet sind, fehlen die Eintragungen. Und es sieht nicht danach aus, als würden die Leistungen der sechsköpfigen Brigade, die sich vor der Tafel postiert hat, jemals wieder dort eingetragen. Die fünf Frauen mit den blauen Kitteln wirken ernst. Der Blick des Jungen, der sich vor den Frauen hingesetzt hat, geht ins Leere – fast so, als würde er gar nicht wahrnehmen, dass er abgelichtet wird.

Der Mann, von dem dieses Foto stammt, ist Harald Hauswald. Aufgenommen hat er es im Oderbruch, irgendwann Anfang 1990. Jetzt ist es zu sehen im Rahmen der Ausstellung „Voll der Osten. Leben in der DDR“, die bis Ende Mai in der brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung gezeigt wird.

Kleine Szenen des Alltags, die oft übersehen wurden

Dennoch gehört es nicht zu der Wanderschau mit Schwarz-Weiß-Fotos des Fotografen Harald Hauswald aus der DDR der 1980er-Jahre, sondern zählt zum Bonusmaterial, das nur in Potsdam ausgestellt ist: Fotos aus den Monaten zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung – und zudem in Farbe, obwohl der in Berlin lebende Hauswald gerade für seine Schwarz-Weiß-Aufnahmen bekannt ist.

Hauswald hat in der DDR in Bildern festgehalten, was andere Fotografen vielfach übersehen haben: kleine Szenen des Alltags, einsame und alte Menschen, verliebte junge Pärchen, Rocker und junge Leute, die sich in der Kirche für Frieden und Umweltschutz einsetzten.

Hinterhof, Faschingsfeier und Kneipe

Genau das war es aber, was die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur zeigen wollte. „Eine ungeschminkte DDR-Realität, an die sich heute selbst Zeitzeugen kaum mehr erinnern“, umschreibt es Anna Kaminsky, Geschäftsführerin der Stiftung. Für die gemeinsam mit der Fotografen-Agentur Ostkreuz präsentierten Ausstellung hat der Historiker Stefan Wolle mehr als 100 Hauswald-Fotos ausgewählt und mit Begleittexten versehen.

Es sind insbesondere die Menschen, für die sich Hauswald interessiert. Bei einem Fest in einem Hinterhof in Prenzlauer Berg hat er sie abgelichtet, bei einem Open-Air-Konzert, auf einer Faschingsfeier in einer Kneipe. Kinder, die auf dem Weihnachtsmarkt 1987 in Ost-Berlin eine Runde im Panzerwagen drehen, hat er mit seiner Kamera eingefangen. Hauswald fragt die Menschen nicht, ob er sie fotografieren darf. Sein Selbstverständnis ist ein anderes: „Man nimmt ein Bild auf und gibt ein Bild zurück.“ Schließlich fotografiere er „für die Menschen, die auf den Fotos drauf sind.“

Das Auslösen wird Auslöser für zwischenmenschlichen Kontakt

Nicht selten sei das Klicken des Auslösers auch der Auslöser gewesen, mit den Leuten in Kontakt zu kommen. Der Gesellschaft wolle er mit seinen Bildern einen Spiegel vorhalten, sagt der 1954 im sächsischen Radebeul geborene Hauswald. Nie böse oder sarkastisch, eher satirisch-lustig. Hauswalds Fotos sind nicht gestellt, wohl aber inszeniert.

Sein wohl bekanntestes Bild hat Hauswald 1986 in einer U-Bahn in Ost-Berlin geschossen: Drei Männer, müde, auf dem Weg von der Schicht nach Hause. Sieben- oder achtmal habe er auf den Auslöser gedrückt, doch nur ein Bild sei brauchbar gewesen, erzählt Hauswald in einem Video. Über QR-Codes auf den Ausstellungstafeln lassen sich via Handy verschiedene Videos ansteuern, in denen der Fotograf darüber berichtet, wie und in welchem Kontext die jeweiligen Fotos entstanden sind.

Eine Frau erkennt ihren 1987 verstorbenen Vater wieder

Das Foto der drei Männer habe er geschossen, als er mit seiner Freundin auf der Rückfahrt von einer Veranstaltung war. Dass der Mann rechts auf dem Foto damals als Nachtwächter arbeitete, erfuhr er erst Jahre später. „Eine Frau aus Süddeutschland schrieb mir, dass das ihr 1987 verstorbener Vater sei. Sie wollte gern wissen, von wann das Bild stammt.“ Hauswald schickte ihr daraufhin einen Handabzug. Und die Frau meldete sich noch einmal bei ihm: „Sie sagte mir, sie habe geweint, als sie das Bild in Händen hielt.“ In der Ausstellung steht das Bild unter der Überschrift „Traurigkeit“ – so wie alle Fotos Rubriken zugeordnet sind wie „Heiterkeit“, „Ordnung“, „Rebellion“ oder „Verfall“.

Ob die Männer wirklich traurig gewesen seien – Hauswald weiß es nicht. Aber es sei schon alles ziemlich trist gewesen in der DDR, ergänzt er. So wie der Westen mit seinem knalligen Bunt, so habe im Osten „das Grau geknallt“, was in den Schwarz-Weiß-Aufnahmen noch eindrücklicher wird.

1990: Eine Welt zwischen nicht mehr und noch nicht

Die brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung hat die Potsdamer Ausstellung um eine Reihe von Farbfotos ergänzt. „Sie zeigen eine skurrile Welt zwischen nicht mehr und noch nicht in unvergleichbarer, teils tragikomischer Art und Weise“, beschreibt Martina Schellhorn, die die Zusatzschau kuratiert hat.

„Der rasante Verfall der Mauer ist so ein Beispiel. Das Bauwerk, das fast 30 Jahre lang Berlin und Deutschland entscheidend prägte, zieren auf einmal anarchistische Graffitis.“ Oder Schilder mit der Aufschrift „Achtung! Betriebsgelände. Beschädigung der Mauer verboten“.

Endpunkt sind Aufnahmen für eine „Geo“-Reportage

Mit dem Titel „Zeitsprünge“ sind Hauswalds Impressionen aus dem Oderbruch überschrieben. Zum Beispiel die Aufnahme des alten Hauses mit dem abplatzenden Verputz. Die Rollläden vor der Holztür sind halb heruntergelassen. Nur der geschwungene Schriftzug „Wilhelm Lehmann Fleischermeister“ erinnert daran, dass sich hier mal eine Metzgerei befand. „Hat ihm schon die sozialistische Planwirtschaft oder erst die neue Westkonkurrenz den Garaus gemacht?“, fragt Historiker Wolle im Text auf der Begleittafel. Wie auch immer: „Jedenfalls gibt es jetzt alles billiger im Supermarkt.“ Warum diese Fotos farbig sind: Für Auftragsarbeiten lege er schon mal einen Farbfilm ein, sagt Hauswald. Und da seien damals von einer „Geo“-Reportage noch ein paar übrig gewesen.

Die Ausstellung ist bis 31. Mai zu sehen in der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung, Heinrich-Mann-Allee 107, Haus 17, in Potsdam. Geöffnet: Montag bis Mittwoch von 9 bis 18 Uhr und Donnerstag bis Freitag von 9 bis 15 Uhr. Der Begleitband (mit den Schwarz-Weiß-Fotos) ist erschienen im Jaron-Verlag: Harald Hauswald/Stefan Wolle, „Voll der Osten. Leben in der DDR / Totally East. Life in East Germany“, 12 Euro.