Hobby

Eine märchenhafte Kutschen-Sammlung

Jürgen Bohm restauriert seit Jahren historische Kutschen. Mehr als 100 Holzkarossen stehen in seinen Scheunen in Groß Schönebeck.

Groß Schönebeck.  Um zu verstehen, was Sammler Jürgen Bohm so begeistert, braucht ein Besucher nur einen Blick in mehrere große Scheunen in Groß Schönebeck zu werfen. In dem Ortsteil von Schorfheide im Kreis Barnim stehen auf mehreren Etagen Kutschen, Schlitten und Leiterwagen, die früher alle von Pferden gezogen worden waren. Da liegt auch der Ursprung von Bohms ungewöhnlicher Sammlung.

„Ich bin hier auf dem Bauernhof groß geworden, führe ihn in fünfter Generation“, sagt der gelernte Fernmeldetechniker, der auch Gemeindearbeiter in Schorfheide ist. In seiner Familie sei von jeher mit Pferden „geackert“ worden. Das Reiten sei nie so sein Ding gewesen, räumt Bohm ein. Eher das Gespannfahren mit zwei oder vier Pferden.

Mit 16 Jahren bekam er seine erste Kutsche. Seitdem hat ihn die Faszination für die gefederten, von Pferden gezogenen Wagen nicht mehr losgelassen. Immerhin 100 dieser Holzkarossen gehören zu seiner Sammlung – Landauer, Viktoria oder Coupés mit Halb- oder Vollverdeck, Jagdwagen sowie sogenannte Wagonetten. „Bei dieser speziellen Form sind die hinteren Sitze längst zur Fahrtrichtung angeordnet“, verrät der Sammler. Einer seiner jüngsten Neuzugänge ist ein drei Meter langer schwarzer Leichenwagen, Baujahr 1903. Die älteste Kutsche Bohms stammt allerdings von 1850, ein cremefarbenes Coupé, wie es aus Märchenfilmen bekannt ist. Davon steht ein halbes Dutzend in der Sammlung. „Die sind aus unterschiedlichen Baujahren und der Teufel steckt im Detail“, erzählt Bohm und deutet auf Lampen, Fenster oder Polster im Wageninneren.

Mit der Hochzeitskutsche zum Standesamt

Sein ganzer Stolz ist eine weiße Hochzeitskutsche aus den 20er-Jahren. Mit der kutschiert er persönlich Brautpaare durch Groß Schönebeck, denn nur in der Scheune stehen sollen seine Sammlerstücke nicht. „Wir haben hier ein Standesamt, da bietet sich so etwas an. Die meisten, die hier mitfuhren, sind auch noch verheiratet“, sagt er. Viele seiner Kutschen und Schlitten sind fahrbereit. Bohm zeigt auf einen großen grünen Schlitten mit bequem wirkenden Polstern und Fransen für die Herrschaft, Kutscherbock an der Frontseite und Lakaiensitz hinten für Bedienstete. „Der muss aus den 20er-Jahren stammen. Die verwendeten Sechskantschrauben gab es nämlich vorher noch nicht“, erklärt er. Für seine Leidenschaft werde er auch belächelt. „Doch das ist mir egal.“ Der Sammler führt Besucher nach telefonischer Voranmeldung gern und ohne Eintritt durch sein Kutschen-Reich. Zur Brandenburger Landpartie öffnet er seinen Hof am 15. Juni ebenfalls für Gäste und macht kleine Fahrten.

„Ich freue mich, wenn sich Einwohner mit privaten Projekten engagieren und zum Bekanntheitsgrad unserer Gemeinde beitragen“, sagt Uwe Schoknecht (Bündnis Schorfheide), Bürgermeister der Gemeinde Schorfheide, zu der Groß Schönebeck gehört. „Der Bauernhof von Jürgen Bohm ist ja mit der Kutschensammlung mittlerweile weit über die Dorfgrenzen hinaus ein Begriff.“ Mit dem Jagdschloss, dem Wildpark und dem Naturerlebnis-Bahnhof habe der Ortsteil schon einige touristische Angebote, in die sich Bohms Angebot einreihe. Die Chefin des Wildparkes Schorfheide bescheinigt Bohm „goldene Hände“: „Das sieht man ja an seiner tollen Sammlung. Die Kutschen sind fast alle fahrbereit“, sagt Imke Heyter.

Bäcker- oder Milchwagen fehlen noch in der Sammlung

Eigentlich gebe es auf seinem Hof keinen Platz mehr für weitere Sammlerstücke, sagt der Sammler. Doch nein sagen kann er wohl auch nicht, wenn ihm wieder ein Gefährt angeboten wird. Bäcker- oder auch Milchwagen, die früher von Pferden gezogen wurden, fehlen ihm noch in seiner Sammlung. „Es wird heutzutage zu viel und zu schnell weggeworfen“, sagt der Landwirt und zeigt auf einen ungewöhnlichen rustikalen Schlitten von 1900. „Die alte Patina habe ich nur mit etwas Holzschutz bearbeitet. Sämtliche Gebrauchsspuren sollen sichtbar bleiben“, sagt Bohm, der so lange tüftelt, bis alles funktioniert. „Der Holzwurm ist mein größter Feind.“ Der Groß Schönebecker, der seine Stücke nur ungern verleiht, legt viel Wert auf Originalteile.