Lehrermangel

16,5 Millionen Euro für neue Lehrer in Brandenburg

Die Landesregierung erhöht in Potsdam die Zahl der Studienplätze. Die Motivation der Bewerber soll hinterfragt werden.

Die Zahl der Lehramtsstudenten in Potsdam soll auf 1000 pro Jahr steigen.

Die Zahl der Lehramtsstudenten in Potsdam soll auf 1000 pro Jahr steigen.

Foto: skynesher / Getty Images

Potsdam.  An Debatten über ein Zuviel an jungen Lehramtsabsolventen in Brandenburg kann sich Wissenschaftsministerin Martina Münch (SPD) noch gut erinnern. „In den 1990er- und 2000er-Jahren haben wir deutlich über unseren Bedarf ausgebildet.“ Die Zeiten seien aber lange vorbei. „Die Situation hat sich komplett gedreht. Wir müssen dringend handeln“, kommentierte sie den zunehmenden Lehrermangel in der Mark.

Laut Lehrermodellrechnung ergibt sich für das Schuljahr 2019/20 ein Einstellungsbedarf von etwa 1000 Vollzeitstellen, in den Schuljahren 2020/21 und 2022/23 liegt dieser bei 1100 bis 1250 Vollzeitstellen. Am Montag stellte Münch in Potsdam gemeinsam mit Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) und dem Vizepräsidenten der Universität Potsdam, Andreas Musil, neue Ideen vor, um die Lehrerbildung im Land Brandenburg deutlich zu stärken. Der erste Schritt: Die Zahl der Lehramtsstudienplätze für Studienanfänger soll an der Universität Potsdam von aktuell 650 auf künftig 1000 jährlich ausgebaut werden. „Im kommenden Wintersemester kommen 150 Plätze hinzu, im Folgejahr weitere 200“, kündigte Münch an. Insgesamt 16,5 Millionen Euro stellt das Land dafür bereit.

Mathematik- und Physiklehrer dringend gesucht

Von den derzeit mehr als 20.000 Studenten an der Universität Potsdam belegen 4200 einen Bachelor- oder Master-Lehramtsstudiengang. Insbesondere in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern, in Sport und in Fremdsprachen sei „der Bedarf an zusätzlichen Lehrkräften für eine hochwertige Unterrichtsversorgung groß“, betonte Bildungsministerin Ernst. Erweitert werden soll auch die Vielfalt an Studiengängen. „Wir haben mittlerweile 184 Schulen in der Mark für ,gemeinsames Lernen‘“, hebt Ernst die große Nachfrage an Sonderpädagogen hervor. Ab dem Jahr 2020 können Abiturienten den zusätzlichen Studiengang Förderpädagogik mit Schwerpunkten zur emotionalen und sozialen Entwicklung belegen. 60 Teilstudienplätze sind vorgesehen.

Änderungen gibt es auch in puncto Kunstlehrer-Ausbildung. Wegen der geringen Nachfrage habe man den Studiengang vor Jahren abgewickelt, sagte Hochschul-Vize Musil. Die Berliner Universität der Künste (UdK) sollte die Aufgabe übernehmen. „Weil die Kooperation mit der UdK aber gescheitert ist und der Vertrag nicht verlängert wurde, werden wir ab 2020 wieder selbst den Studiengang Kunst in der Primar- und Sekundarstufe anbieten“, so Musil. Insgesamt seien hier 55 Studienplätze geplant.

Was Musil wurmt: Dass sich nur wenige Schulabgänger zum Mathematik- oder Physiklehrer ausbilden lassen möchten, während man in geisteswissenschaftlichen Fächern wie Deutsch und Geschichte zu viele Bewerber habe. Nun wolle man neue Wege gehen: „Um für die Fächer Mathematik und Physik besonders Interessierte und Begabte – auch aus anderen Bundesländern – anzulocken, richten wir ab 2020 einen speziell auf diese jungen Leute zugeschnittenen Kombistudiengang ein.“ Wer sich für den sogenannten Innovationsstudiengang Mathematik/Physik entscheide, werde von Anfang an intensiv mit zusätzlichen Kursen und Angeboten gefördert. Generell wolle die Universität ihre Studierenden künftig „besser abholen“, betonte Musil. „Studienwillige müssen besser beraten, ihre Motivation Pädagoge zu werden muss hinterfragt werden, auch Studierende höherer Semester müssen kontinuierlich betreut und zur Selbstreflexion animiert werden“, sagte Musil.

Jeder Dritte bricht das Studium in Potsdam ab

Die Abbrecherquote liegt in Potsdam bei 35 Prozent. Eine Zahl, mit der sich weder der Professor noch Ministerin Münch abfinden wollen. „Unser ambitioniertes Ziel ist es, 75 Prozent der Studierenden zum Abschluss zu bringen.“ Um das Maßnahmenpaket umsetzen zu können, wird auch das Personal an der Uni deutlich erhöht. 20 zusätzliche Professuren für die Lehrerbildung, mehr als 100 wissenschaftliche und rund 20 nicht wissenschaftliche neue Mitarbeiterstellen sind geplant. Ein Großteil der Jobs sei unbefristet. Erste Ausschreibungen laufen bereits. „Mehr Studierende und Lehrende benötigen auch mehr Platz“, begründete Münch eine weitere Finanzspritze des Landes: 44 Millionen Euro will Brandenburg für Planung und Bau eines neuen Lehr- und Forschungsgebäudes für die Lehrerausbildung in Golm bereitstellen. Dass dieses nicht schon in zwei Jahren auf dem Campus Gestalt annehme, weiß auch Musil: „Wir stehen beim Landesbaubetrieb nicht an erster Stelle auf der Projektliste.“ Also werde man sich unterdessen mit Zwischenlösungen behelfen: An den Standorten in Golm und am Neuen Palais sollen Container- und Modulbauten errichtet werden.

„Auf eine hohe Zahl von Seiteneinsteigern können wir aber vorerst nicht verzichten“, sagte Bildungsministerin Ernst. Ein Lehramtsstudium habe eine Regelstudienzeit von fünf Jahren, danach folge die Vorbereitungszeit. Entscheidend sei auch, qualifizierte Lehrkräfte im Land zu halten, den Beruf attraktiver zu machen. In der Mark sei deshalb die Besoldung von Lehrkräften mit Lehramtsbefähigung für die Sekundarstufe I von der Besoldungsstufe A 12 auf A 13 und von Grundschulleitungen von A 13 auf A 14 angehoben worden.

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