Brandenburg

In Brandenburg droht ein akuter Kinderarztmangel

Wer nach Brandenburg zieht, muss sich auf eine lange Suche nach einer Praxis machen und sich auf weite Wege einstellen.

Christine Klose suchte bislang vergeblich in Oranienburg und Umgebung nach einem Kinderarzt für ihre Tochter Charlotte. Foto:

Christine Klose suchte bislang vergeblich in Oranienburg und Umgebung nach einem Kinderarzt für ihre Tochter Charlotte. Foto:

Foto: Maurizio Gambarini

Oranienburg. Als Christine Klose vergangenen November mit ihrer Familie von Friedrichshain nach Oranienburg gezogen ist, hat sie an vieles gedacht: Gibt es eine Kita in der Nähe, eine Schule und einen Spielplatz? An die Frage nach einem neuen Kinderarzt für die dreijährige Tochter hat die junge Mutter dagegen keine Gedanken verschwendet. Das sollte doch kein Pro­blem sein im Speckgürtel von Berlin, dachte die 34-Jährige.

Das stellte sich als Irrtum heraus. „Die beiden Kinderärzte in Oranienburg haben uns abgelehnt, weil sie keine neuen Kinder mehr aufnehmen“, sagt Klose. Im benachbarten Hohen Neuendorf erhielt die Familie ebenfalls eine Absage. Von außerhalb würden nur Privat­patienten neu aufgenommen, erfuhr sie. „In Birkenwerder hieß es, sie nehmen gar keine neuen Patienten aus anderen Orten auf“, klagt Klose.

Der zugesagte Termin wurde Tage später wieder abgesagt

Erst durch einen Tipp erhielt sie einen Kontakt nach Hennigsdorf. Hier bekam sie zunächst endlich einen Termin für ihre Tochter – ohne Frage nach der Krankenkasse oder dem Wohnort. Doch auch das war nach ein paar Tagen wieder hinfällig. Per SMS sagte die Praxis in der vergangenen Woche den Termin ohne Angabe von Gründen wieder ab. Jetzt fängt die Suche nach einem Kinderarzt für die Neu-Oranienburgerin wieder von vorn an.

Brandenburg ist das Bundesland mit der geringsten Arztdichte, und das zu ändern, ist nicht leicht. „In Königs Wusterhausen hört eine Kinderärztin am 1. April auf“, sagt der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KVBB), Christian Wehry. „Und bislang wurde kein Nachfolger gefunden.“ Also auch hier wird die Versorgung bald schlechter. Es gibt zu wenige Ärzte, die in Brandenburg eine Praxis aufmachen wollen.

Die Lage könnte sich auch landesweit weiter verschlechtern

Ein Drittel der derzeit 176 Kinderärzte in Brandenburg ist nach Angaben des Ministeriums für Gesundheit 60 Jahre oder älter – wird also in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen. Mindestens 22 neue Kinderärzte sind schon bald zu ersetzen, um die Versorgung zu sichern – aber sie sind nicht in Sicht.

Für den Verband der Kinder- und Jugendärzte ist das Problem seit Langem bekannt und hausgemacht. „Dieser Mangel wurde auf dem Boden fehlerhafter politischer Vorgaben selbst verursacht“, sagt der Präsident des Berufsverbandes, Thomas Fischbach. Der Verband fordert eine andere Berechnungsgrundlage für die Zulassung neuer Ärzte, die den tatsächlichen Arbeitsaufwand berücksichtigt und nicht nach Quoten berechnet wird. Außerdem sollte aus Verbandssicht die Zahl der Studienplätze erhöht werden, um mehr Mediziner auszubilden.

Denn rein statistisch gibt es in Brandenburg ausreichend Kinderarztpraxen. In Oberhavel – dem Landkreis, in dem Familie Klose aus Oranienburg lebt – ist die Versorgung im Landesvergleich zwar am geringsten. Mit einer Versorgungsquote von 128 Prozent liegt sie aber über den geforderten 110 Prozent, bevor neue Arztpraxen zugelassen werden. Ein Kinderarzt versorgt im Landkreis Oberhavel 4372 Kinder, am besten ist die Versorgung in Cottbus und Potsdam (jeweils 2400).

Insgesamt sieht es in Brandenburg mit der ärztlichen Versorgung schlecht aus. Auch von den derzeit 1637 Hausärzten gehen 762 bis 2025 in Rente. Der Mangel an klassischen Landärzten führt nicht nur zu langen Wartezeiten für einen Termin, sondern auch zu oft langen Anfahrten der Patienten.

Förderprogramm besschlossen, um Ärztemangel zu bekämpfen

Um den Ärztemangel in Brandenburg zu bekämpfen, haben Landesregierung, Kassenärztliche Vereinigung und die AOK im vergangenen Jahr ein Förderprogramm beschlossen. Das Konzept sieht vor, Medizinstudenten ein Stipendium von mindestens 500 Euro monatlich zu zahlen, wenn diese sich im Gegenzug verpflichten, nach Abschluss des Studiums eine Praxis in medizinisch unterversorgten Regionen Brandenburgs zu eröffnen oder zu übernehmen. Denn dem Land fehlen nach Angaben der KVBB neben Hausärzten vor allem Fachärzte wie Haut- und Augenärzte – künftig droht nun auch ein Engpass bei Kinderärzten.

Neben dem Mangel an möglichen Kandidaten für die Praxisübernahme bereitet der Kassenärztlichen Vereinigung ein weiterer Trend Sorge: Immer mehr Mediziner entscheiden sich dagegen, selbst eine Praxis zu übernehmen, sondern ziehen eine Anstellung vor. „Ein angestellter Arzt geht nach 40 Stunden nach Hause, ein niedergelassener Arzt arbeitet aber auch schon mal 60 Stunden, wenn es nötig ist“, sagt Wehry. Das spiegelt sich auch in den Zahlen wider: Zwar ist die Zahl der Mediziner in Brandenburg in den vergangenen Jahren insgesamt angestiegen – von 7400 auf 9900. Die Zunahme betrifft jedoch fast ausschließlich Ärzte in Krankenhäusern, so Wehry.

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