Schriftstellerin

Juli Zeh erntet mit Aussage über Brandenburg viel Kritik

Ein Interview von Juli Zeh sorgt für Aufregung. Dabei kann die Autorin dem Landleben viel abgewinnen.

Juli Zeh / Autorin in Brandenburg

Juli Zeh / Autorin in Brandenburg

Foto: Reto Klar

Potsdam.  Aussagen aus einem Interview der Schriftstellerin Juli Zeh haben am Montag für Aufmerksamkeit gesorgt. In einem Gespräch mit der Basler Zeitung hatte Zeh, die im Dezember 2018 zur Verfassungsrichterin in Brandenburg ernannt wurde, auch über die unterschiedlichen Werte zwischen Stadt und Land geredet. „Hier draußen sagen Eltern noch zu ihren Kindern: ,Hör auf zu heulen, sonst fängst du dir eine’“, so die 44-Jährige. Da hätten Landbewohner „noch ein paar Jahrzehnte Rückstand in der Entwicklung bestimmter Werte“. Auch über die wachsende Fremdenfeindlichkeit in der Mark äußerte sich Zeh, die selbst seit 2007 im Havelland lebt: „Ich weiß von Freunden aus anderen Dörfern, dass sich die Offenherzigkeit beim Äußern von Fremdenfeindlichkeit um den Faktor 10.000 multipliziert hat.“

Die Deutsche Presseagentur (dpa) zitierte am Montag die entsprechenden Passagen – was für viel Diskussionen sorgte. Im Internet empörten sich Nutzer teils über Zehs Aussagen, die die Landbevölkerung verunglimpfen würden. Dabei war Zehs Aussage wohl viel differenzierter gemeint. Das merkt, wer sich das komplette, dreiseitige Interview durchliest.

Gegenüber der Märkischen Allgemeinen Zeitung (MAZ) sagte Jutta Quoos, die Vorsitzende des Brandenburger Landfrauenverbandes: „Dass die Kinder auf dem Dorf geschlagen werden, ist mir nicht bekannt. Der Erziehungsstil sollte den Menschen selber überlassen sein.“ Probleme mit der Fremdenfeindlichkeit gebe es zwar, aber damit stehe Brandenburg nicht alleine, so Quoos weiter. Das Bildungsministerium des Landes wollte sich auf Anfrage der Berliner Morgenpost nicht äußern.

Zeh betont Hilfsbereitschaft auf dem Dorf

Allerdings spricht Zeh tatsächlich sehr differenziert über das Leben auf dem Land. So kritisiert auch der Generalsekretär der Brandenburger SPD, Erik Stohn, gegenüber der MAZ, dass ihre Aussagen verkürzt dargestellt würden. Denn Zeh betont in dem langen Gespräch durchaus, dass bestimmte Werte auf dem Land ausgeprägter entwickelt seien als in der Stadt. „Auf dem Dorf weiß man noch, was Hilfsbereitschaft und Loyalität bedeuten“, sagte sie. Die Bindungen zwischen Menschen seien stärker.

Zeh wird in dem Gespräch außerdem gefragt, wie sich die Unterschiede zwischen Stadt und Land veränderten. Die Autorin erklärt: „Als ich herzog, gab es noch nicht mal Internet. Da ist was passiert.“ Allerdings lasse die Politik zu, wie sich die Infrastruktur in ländlichen Regionen auflöse. Sie ergänzt: „Es kann doch nicht sein, dass in einem der reichsten Länder der Erde auf dem Land keine Schulbusse fahren.“ Juli Zeh ist vor allem durch ihren 2016 erschienenen Roman „Unterleuten“ bekannt.

Der spielt in einem fiktiven Dorf in Brandenburg und zeigt die Konflikte zwischen Einheimischen und Zugezogenen. Die Autorin beschäftigt sich mit der Frage, „ob es überhaupt noch einen Überbau gibt, eine Idee von Gemeinschaft, oder ob wir alle zu Individualisten geworden sind, auch im Sinne von egoistischen Entscheidungen, die wir treffen, weil wir diese Ideen nicht mehr haben“. Zeh äußert sich häufiger zur Politik. Sie klagte 2009 vor dem Bundesverfassungs­gericht gegen den biometrischen Reisepass und forderte nach dem NSA-Skandal 2013 die Bundesregierung auf, den Datenschutz zu verbessern.

Die Richterin

Juli Zeh ist eine promovierte Juristin und deutsche Schriftstellerin. Im Dezember 2018 wurde sie zur ehrenamtlichen Verfassungsrichterin in Brandenburg ernannt. Die SPD hatte die 44-Jährige, die seit 2017 Parteimitglied ist, für das Ehrenamt nominiert. Zeh übernimmt das Amt am heutigen Dienstag von Kristina Schmidt. Das Gremium tagt etwa einmal pro Monat. Pro Jahr werden dem Gericht rund 200 Fälle zur Entscheidung vorgelegt, gut 100 Fälle werden im gleichen Zeitraum erledigt.

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