Potsdam

Bach lief bei König Friedrich II. zur Hochform auf

Wie Johann Sebastian Bach 1747 den preußischen König Friedrich II. in Potsdam mit einer Improvisation begeisterte.

Der Alte Fritz liebte das Flötenspiel. Hier ein Farbdruck nach Richard Knötel aus „Der Alte Fritz in fünfzig Bildern“ von Paul Kittel.

Der Alte Fritz liebte das Flötenspiel. Hier ein Farbdruck nach Richard Knötel aus „Der Alte Fritz in fünfzig Bildern“ von Paul Kittel.

Foto: akg-images / Kirsten Johannsen

Potsdam.  Es war eine beschwerliche Anreise, die der Komponist und Kapellmeister Johann Sebastian Bach im Mai 1747 auf sich nahm. Der von Krankheit gezeichnete 62-Jährige reiste zusammen mit seinem Sohn Wilhelm Friedemann mit der Kutsche nach Potsdam. Am Sonntag, den 7. Mai, kamen sie an und wurden sogleich in das Schloss gerufen. „Der alte Bach ist da“, soll der Alte Fritz – Friedrich II. – gerufen haben, als er von der Ankunft erfuhr. So wurde der „alte Bach“ noch am selben Abend in das königliche Konzertzimmer geführt und es kam zu dem denkwürdigen Aufeinandertreffen des Alten Fritz mit dem riesenhaften Komponisten, in dessen Folge Bachs letztes großes Werk entstand: „Das Musikalische Opfer“.

Berliner Zeitungen berichteten damals über den Besuch

Der Besuch des Komponisten Bach war selbst den Zeitungen in Berlin eine Nachricht wert: „Aus Potsdam vernimmt man, dass da selbst verwichenen Sonntag der berühmte Kapellmeister aus Leipzig, Herr Bach, eingetroffen ist, in der Absicht, das Vergnügen zu genießen, die vortreffliche königliche Musik zu hören“, hieß es in den „Berlinischen Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen“ (später: „Spenersche Zeitung“).

Doch daraus wurde nichts. Denn anstatt dem Flötenspiel des Königs lauschen zu dürfen, setzte der sich an seinen Silbermann-Flügel, spielte Bach eine Melodie vor und forderte seinen Gast auf, darüber zu improvisieren. Dieses Thema ist als „königliches Thema“ in die Musikgeschichte eingegangen und stellte Bach vor eine große Herausforderung. Es ist so kompliziert, dass es sehr schwer ist, darüber zu improvisieren, fast unmöglich, daraus eine Fuge zu entwickeln, wie es der König von Bach forderte.

Doch Bach lief zu Hochform auf. „Es geschah dieses von gemeldetem Kapellmeister so glücklich, dass nicht nur Seine Majestät dero allergnädigstes Wohlgefallen darüber zu bezeugen beliebten, sondern auch die sämtlichen Anwesenden in Verwunderung gesetzt wurden“, hieß es in den „Berlinischen Nachrichten“ vier Tage später.

Das Lob hatte Bedeutung, denn der Musikliebhaber Friedrich II. hatte an seinem Hof erheblichen musikalischen Sachverstand um sich versammelt. Carl Philipp Emanuel Bach, der älteste Sohn des alten Bach, war sein Cembalist. Er hatte das Treffen der beiden Giganten wohl auch eingefädelt. Johann Joachim Quantz, damals der führende Flötist und Flötenbauer seiner Zeit, war der musikalische Lehrer des Königs. Außerdem beschäftigte der Alte Fritz die damals angesehenen Konzert- und Kapellmeister Carl Heinrich Graun und Franz Benda. Sie alle trafen sich jeden Abend zwischen 19 und 21 Uhr zur königlichen Kammermusik – wenn Friedrich II. nicht gerade irgendwo in Europa Krieg führte.

Auch in Instrumentenfragen war Friedrich II. auf der Höhe der Zeit. Er ließ Quantz immer neue Flöten anfertigen, um den Klang seines Spiels zu verbessern. Darunter befand sich nach den Wirtschaftsbüchern des Hofes auch eine Flöte aus Bernstein, die aber zum Leidwesen der Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten heute verschollen ist. Friedrich bestellte auch gleich mehrere Exemplare des gerade aufkommenden „Forte e Piano“.

Anders, als auf den bis dahin gebräuchlichen Cembali, konnten hier die Töne laut und leise angeschlagen werden, so wie auf heutigen Klavieren. Zwei dieser Pianofortes aus dem Besitz des Alten Fritz sind heute noch erhalten, eines davon steht im Musizierzimmer des Schlosses Sanssouci.

Der Instrumentenhandel war zu Zeiten Friedrich II. offenbar ein lukratives Geschäft am Hofe. Johann Joachim Quantz witterte eine Zusatzeinnahme. Neben den zahlreichen Flöten, die er für den König anfertigte, begann er auch diese neuartigen Klaviere zu bauen. Aber der Alte Fritz blieb bei den Instrumenten seines Lieblingsklavierbauers Gottfried Silbermann. Nur ein Pianoforte kaufte er seinem Flötenlehrer ab, geht aus den Wirtschaftsbüchern hervor.

Auch Bach kannte die Instrumente. Anders ist nicht zu erklären, dass er die vom König gestellte Aufgabe mit Bravour löste. Am kommenden Tag lud Friedrich ihn erneut ins Schloss ein. Diesmal sollte er eine sechsstimmige Fuge improvisieren und auch diesen Wunsch erfüllte Bach „zu höchst deroselben Vergnügen und mit allgemeiner Verwunderung, ebenso geschickt, wie das vorige Mal“, berichteten die „Berlinischen Nachrichten“.

Wieder zu Hause in Leipzig, machte sich Johann Sebastian Bach sogleich an die Arbeit. Er bearbeitete das königliche Thema auf alle nur erdenkliche Weise. Schon nach acht Wochen schickte er dem König das Ergebnis in Kupfer gestochen. Mit „ehrfurchtsvollem Vergnügen“ erinnere er sich an seinen Besuch in Potsdam, heißt es in der Widmung, in der Bach das Werk „in tiefster Unterthänigkeit“ dem König widmet. „Das Musikalische Opfer“ besteht aus sieben Stücken, darunter eine Triosonate für Violine, Flöte und Bass, damit es der Alte Fritz auch zu Hause spielen konnte. Auch eine sechsstimmige Fuge findet sich darin. „Sie ist wohl das satteste Fugengewebe, das je unter Bachs Hand entstanden ist“, schrieb der Arzt und Bachforscher Albert Schweitzer später in seinem Buch über den Komponisten. Auch heute noch gilt der 1685 in Eisenach in Thüringen geborene Bach als einer der wichtigsten Komponisten in der Geschichte der Musik.

Bach ließ 200 Exemplaredes Werkes drucken

Ob der Alte Fritz Bach für das „Musikalische Opfer“ damals entlohnt hat und ob er sich später überhaupt damit beschäftigte, ist nicht bekannt. Bach ließ 200 Exemplare des Werkes drucken und verschenkte die meisten anschließend an seine Freunde. Die übrigen Exemplare verkaufte der Komponist dann für einen Taler an Interessierte. Drei Jahre später starb Bach in Leipzig. Sechs weitere Jahre später war auch für Friedrich kaum noch Zeit, Flöte zu spielen. Er zog in den Siebenjährigen Krieg.