Schriftsteller

Theodor Fontane und der Geist der Zeit

Ein moderner Präzisionskünstler: Zum 200. Geburtstag des bedeutenden Romanciers versuchen sich mehrere Autoren ihm neu anzunähern.

Theodor Fontane, gemalt von Hanns Fechner. Das Gemälde gehört zu den Beständen des Märkischen Museums.

Theodor Fontane, gemalt von Hanns Fechner. Das Gemälde gehört zu den Beständen des Märkischen Museums.

Foto: akg-images / picture alliance / akg-images

Auf Twitter zeigte der Journalist Jens Bisky kürzlich ein wunderbares Fundstück: eine abfotografierte Seite aus den „Fontane Blättern“, die vom Potsdamer Fontane-Archiv und der Fontane-Stiftung halbjährlich herausgegeben werden. Es war eine Liste, auf der die längsten einmaligen Substantive in Fontanes Romanwerk verzeichnet waren. Darauf fanden sich Wörter, die es so nur im Deutschen – mit seiner Versessenheit auf Zusammensetzungen – geben kann: „Repräsentationsweinflasche“ etwa, „Gesandtschaftsattachéhaltung“, „Gesellschaftsraffinement“, „Hagelversicherungssekretär“ und viele andere mehr.

Es ist eine Freude, wie ein paar Wörter den ganzen Theodor Fontane auferstehen lassen können: diesen sprachmächtigen Vielschreiber, der so präzise auf Alltagsgebräuche schaute und auf gesellschaftliche Bruchlinien, an deren oberen Rändern drohend der Dünkel wachte. Der einen plaudernd-entspannten, immer sanft ironischen, melodisch dahinfließenden Stil prägte; der alles über seine Gegenwart wusste, aber niemanden ans Messer lieferte.

Dieser Theodor Fontane ist vielen aus der Schule bekannt und manchen ans Herz gewachsen – natürlich vor allem in Brandenburg, aber auch in Berlin, wo elf von 17 Romanen Fontanes ganz oder teilweise spielen. Die Fülle seiner Schriften und die soghafte Wirkung seines Erzählens haben ihn zu einem der erfolgreichsten Romanciers deutscher Sprache gemacht und einen unübersichtlichen Berg an Sekundärliteratur nach sich gezogen. Das Jahr 2019 wird mit seinem 200. Geburtstag am 30. Dezember enden, aber schon jetzt liegen zahlreiche Neuerscheinungen vor, die sein Leben und sein Werk in den Blick zu nehmen versuchen.

Leben in einer beschleunigten Welt

Eine der schönsten und klügsten stammt vom Iwan-Michelangelo D’Aprile, der Professor für Kulturen der Aufklärung an der Universität Potsdam ist. Schon der Umschlag des Buches ist eine gewagte Entscheidung – er verzichtet auf eins der altbekannten Porträtbilder Fontanes und zeigt uns stattdessen ein Gemälde des amerikanischen Malers Lionel Walden aus dem Jahr 1896, auf dem eine Dampflokomotive dem Betrachter durch die Docks des englischen Cardiff entgegenrauscht.

„Ein Jahrhundert in Bewegung“ lautet der Untertitel. Nicht um Fontane als Vertreter einer schulbuchhaften Vorstellung von Realismus soll es hier gehen oder gar um einen heimatseligen Wanderschrat, sondern um die Signatur der Epoche, in der er lebte und die in viel stärkerem Maße durch Beschleunigung und Wandel geprägt war, als wir Kinder des 20. Jahrhunderts uns das oft vorstellen wollen.

D’Aprile begleitet Fontane durch diese zusehends vernetzte und mobilisierte Welt: Er schildert Fontanes Neuruppiner Kindheit als Apothekersohn im Banne wissenschaftlicher Erkenntnisse (und erkennt in der Klassifizierungspraxis der Arzneimittelkunde ein Bauprinzip seines Schreibens); er sieht ihm dabei zu, wie er bereits während seines Wehrdienstes mit der Eisenbahn und der Hamburg-Magdeburger-Dampfschifffahrts-Gesellschaft seine erste Englandreise unternahm, wie er die Revolution von 1848 erlebte und als Journalist eine symbiotische Beziehung zum Informationszeitalter unterhielt.

D’Aprile löscht die individuellen Eigenheiten dabei nicht aus, indem er das Echo seiner Zeit in den Texten Fontanes pointiert herausarbeitet. Ein Buch, das die beschlagenen Fenster, durch die wir oft auf das 19. Jahrhundert blicken, rasant und unterhaltsam sauber wischt.

Familiäre Verwicklungen und wütende Verrisse

Das Buch „Der Wanderer“ von Hans-Dieter Rutsch ist weitaus stärker regionalhistorisch orientiert. Rutsch, Jahrgang 1954, hat sich in über 50 Dokumentationen vor allem mit der ostdeutschen und europäischen Zeitgeschichte befasst. Er erzählt ausführlicher und mit größerer Detailfreude von der Kindheit und den familiären Verwicklungen und besucht die Orte, an denen noch heute der Gegenwart Fontanes gedacht wird. Insofern sind Rutschs „Wanderungen“ weniger ein modernes Epochen- als vielmehr ein klassisches Lebensbild, das sich dem Fontane-Anfänger mit Freude an Kurzausflügen nach Brandenburg eher empfiehlt als D’Apriles Großpanorama einer Epoche.

Und dann ist da noch der berühmte Parkettplatz 23 im Königlichen Schauspielhaus am Gendarmenmarkt, auf dem Fontane als Theaterkritiker der „Vossischen Zeitung“ seit 1870 fast 20 Jahre lang saß und anschließend Besprechungen verfasste – mit Vorliebe gallige Verrisse, auch um der Unterhaltsamkeit willen. Von den fast 700 Texten, die in dieser Zeit für den journalistischen Tagesbedarf entstanden, hat die Editionsphilologin Debora Helmer nun 46 in einem lesenswerten Band zusammengestellt. Auf seinem Sitzplatz 23 war Fontane für das restliche Publikum gut sichtbar, und er teilte selten die Mehrheitsmeinung.

Helmers Textsammlung, ergänzt um eine Einführung und ein hilfreiches Personenregister (das auch den „Wanderungen“ Hans-Dieter Rutschs nicht geschadet hätte), ist nicht nur für Theaterhistoriker von Interesse. Wenn Fontane etwa den progressiven Idealen, die durch Henrik Ibsens „Gespenster“ (1881) wandeln, entschieden widerspricht oder wenn er Gerhart Hauptmann mit dem norwegischen Dramatiker vergleicht, erhellen sich Gesellschaftsbild und literarische Vorlieben Fontanes. Vor allem aber bietet dieses Buch die Möglichkeit, für mehrere Stunden in seine Prosa abzutauchen – nicht nur im Jubiläumsjahr ist das keine ganz schlechte Entscheidung.

Iwan-Michelangelo D’Aprile, Fontane. Ein Jahrhundert in Bewegung. Rowohlt, 544 Seiten, 28 Euro; Hans-Dieter Rutsch, Der Wanderer. Das Leben des Theodor Fontane. Rowohlt Berlin, 336 Seiten, 26 Euro; Theodor Fontane, Da sitzt das alte Scheusal wieder. Die besten Theaterkritiken. Aufbau, 240 Seiten, 24 Euro.

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