Restauration

Potsdamer Rätsel um verschollene Weltkarte

Das Mosaik war im Boden der Eremitage eingelassen. Es fehlen Informationen über seinen Verbleib.

 Lutz Schummel zeigt ein Foto von der Karte.

Lutz Schummel zeigt ein Foto von der Karte.

Foto: Nestor Bachmann

Potsdam.  Die rätselhafte Weltkarte ist 2,87 lang und 1,82 Meter breit. Sehr fein sind die Kontinente aus unterschiedlichen Stein- und Marmorarten zusammengefügt. 1796 wurde die Karte in den Boden der Einsiedelei, auch Eremitage genannt, im Auftrag Friedrich Wilhelms II. im Neuen Garten in Potsdam eingelassen. Doch seit vielen Jahren ist sie verschwunden. Es existiert nur eine Fotografie von der Karte. Sie ist erstaunlich exakt, Australien und Neuseeland sind darauf genauer abgebildet, als man es für das ausgehende 18. Jahrhundert vermuten könnte, und die Weltkarte war exakt an der Sonnenwende ausgerichtet: Zur Wintersonnenwende am 21. Dezember schien die Sonne durch die Tür der Eremitage genau auf die Karte, zur Sommersonnenwende am 22. Juni ging sie genau gegenüber unter.

Als der Skulpturenrestaurator Lutz Schummel im Depot der Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten in diesem Sommer nach Materialien suchte, stieß er zufällig auf 24 Marmorplatten und war überrascht. Sofort dachte er an die kunstvolle Marmoreinfassung der verschwundenen Weltkarte in der Einsiedelei, über deren Verbleib es keine Informationen gibt. Er trug die Platten in das kleine Haus mit Blick auf Havel und Jungfernsee – und tatsächlich: Die Platten passten genau in die vorhandenen Sandsteinfurchen.

„Die Außeneinfassung bestand aus viermal 60 Marmorplatten“, sagt Schummel. Die 24 Platten, die er fand, sind der einzige Hinweis auf die Weltkarte. „Wann sie zwischen dem Kriegsende 1945 und dem Abriss der Eremitage 1964 verschwunden ist, wissen wir nicht“, sagt Schummel.

Es gibt noch viele Unklarheiten

Bei seinen Nachforschungen bemerkte der Restaurator noch etwas. Während sich die Form der einzelnen Marmorplatten auf dem Boden der Einsiedelei abzeichnete, war die Fläche der Weltkarte später glatt betoniert worden. „Das heißt, die Weltkarte wurde als Ganzes entfernt“, so Schummel. „Deswegen hoffen wir, dass sie noch irgendwo vollständig erhalten ist.“ Mit der Veröffentlichung dieses Potsdamer Weltkartenrätsels erhofft sich die Schlösserstiftung Informationen über den Verbleib der Karte – oder Hinweise auf weitere Abbildungen und Fotos, um sie genau rekonstruieren zu können.

Das könnte auch dabei helfen, den vielen Rätseln innerhalb der Eremitage auf die Spur zu kommen. Vermutungen zu vielen zahlenmythologischen Andeutungen gibt es zwar, aber die Fachleute der Schlösserstiftung hätten gern über möglichst viele davon Gewissheit. So ist nicht vollkommen klar, warum Friedrich Wilhelm II. die Eremitage 1796 bauen ließ.

Naturwissenschaften und mythische Vorstellungen vereint

Das weit abseits auf der in den Jungfernsee ragenden Landzunge Quapphorn gelegene und gegen den Garten mit einer dichten Nadelholzpflanzung abgeschirmte Bauwerk war Teil eines Gestaltungsprogrammes, das durch die mystischen Vorstellungen des Ordens der Rosenkreuzer angeregt war, dem sich der König verbunden fühlte. „Es entstand zu einer Zeit, als Naturwissenschaften und mythische Vorstellungen noch nicht getrennt waren“, sagt die Kustodin der Skulpturensammlung der Schlösserstiftung, Saskia Hünecke.

Die Rosenkreuzer waren eine spirituelle Gesellschaft aus dem Umfeld der Freimaurer, die im 17. Jahrhundert entstand. Die mystischen Gedanken des Ordens sollten einen Gegenpol zu den aufstrebenden Naturwissenschaften und der Aufklärung darstellen. Die Rosenkreuzerbewegung erlebte unter Friedrich Wilhelm II. ihre Blütezeit und verlor danach an Bedeutung. Die Eremitage im Neuen Garten entsprach dieser Idee vollkommen. In ihr waren die neuesten Erkenntnisse der Naturwissenschaften wie die Ausmaße der fernen Kontinente auf der Weltkarte mit mystischen Figuren wie der Göttin Diana verbunden.

Zu DDR-Zeiten wurde die Einsiedelei abgerissen

Ganz der Idee einer Einsiedelei folgend, konnte der Monarch in dem nur durch ein Oberlicht beleuchteten ovalen Innenraum der Einsiedelei Gelegenheit zu innerer Einkehr finden. Den aufwendig gestalteten Fußboden mit der verschwundenen Weltkarte schuf der Steinschneider und Bildhauer Heinrich Friedrich Kambly.

Seit dem Kriegsende 1945 wurde die Einsiedelei vernachlässigt und schließlich 1964 von der DDR abgerissen, weil sie direkt auf dem Mauer- und den Grenzstreifen im Wege stand. 2007 wurde sie nach dem historischen Vorbild neu errichtet.

Bei der Weltkarte muss es muss sich um eine kostbare, mehrfarbige und sehr fein gezeichnete Steinschnittarbeit gehandelt haben, die auf Deutsch beschriftetet war. Das Oval dürfte vermutlich mehrteilig hergestellt worden sein. Der in der Oberfläche sichtbare, zehn bis 16 Millimeter starke Natursteinbelag war auf eine circa vier bis sechs Zentimeter starke Sandsteinträgerplatte aufgeklebt. Restaurator Schummel hofft nun – auch durch den Gang in die Öffentlichkeit – auf mehr Hinweise auf den Verbleib der Karte, um seine Forschungen fortsetzen zu können.