Fragespiel

"Wieviel Brandenburg steckt in Ihnen?"

Der "Brandomat" testet das Wissen über Menschen und Land, möchte aber auch das Besondere der Märker herausfinden.

Brandenburg ist bekannt für seine dünnbesiedelten Regionen.

Brandenburg ist bekannt für seine dünnbesiedelten Regionen.

Foto: Rolf Schulten

Potsdam. Als sich Manfred Stolpe – noch weit davon entfernt, einmal in die Rolle des brandenburgischen Landesvaters zu schlüpfen – in den 80er-Jahren einen roten Adler aufs Auto klebte, erntete er vielerorts Unverständnis. Was ihn denn mit Tirol verbände, wurde er gefragt. Mit dem roten Adler verbanden damals viele Menschen lediglich das Tiroler Landeswappen. Kaum jemand, der dabei an die Mark Brandenburg dachte.

So ging es auch Matthias Platzeck, Stolpes späterem Nachfolger im Amt des brandenburgischen Ministerpräsidenten. Erst als am Tag der deutschen Wiedervereinigung, am 3. Oktober 1990, auf dem Hof der Staatskanzlei in Potsdam die Fahne mit dem roten Adler gehisst wurde, sei ihm bewusst geworden, dass es sich bei dem zu DDR-Zeiten in die Bezirke Frankfurt (Oder), Cottbus und Potsdam aufgeteilten Landstrich um Brandenburg handelt.

„Wären die Menschen damals gefragt worden, was sie mit Brandenburg verbinden, hätten sie wahrscheinlich gesagt: ‚Das ist diese Stahlstadt an der Havel‘“, so Platzeck. Die Vorstellung eines „Brandenburg“ sei in den ostdeutschen Köpfen vor dem Fall der Mauer nicht präsent gewesen, erinnert sich der gebürtige Potsdamer im Gespräch mit Peter Walther.

Mix aus Wissensfragen und Alltagssituationen

Der 53-Jährige, der sich im Brandenburgischen Literaturbüro in Potsdam mit literaturgeschichtlichen Fragen befasst, ist auf Spurensuche. „Was ist typisch brandenburgisch? Wie hat die Mark ihre Menschen geprägt? Wie sehen sie sich heute selbst, wie werden und wie wurden sie gesehen?“ Um das herauszufinden, hat Walther im Team ein Online-Fragespiel entwickelt: den Brandomat.

Mit einem Mix aus Wissensfragen und Beschreibungen von Alltagssituationen, in denen wirkliche und unterstellte Eigenheiten aufgegriffen werden, will Walther den Idealtypus des Brandenburgers ermitteln. Angelehnt an den Wahlomat, eine Webanwendung, die eine Entscheidungshilfe für Wahlen bietet, misst der Brandomat, zu wie viel Prozent jemand brandenburgisch ist. Ex-Ministerpräsident Platzeck hat sich schon daran versucht und kam auf 77 Prozent.

„Das Internet-Tool lernt mit jedem Nutzer hinzu, da der Maßstab für den Idealtypus des Brandenburgers sich jedes Mal neu aus dem Antwortverhalten aller vorherigen Nutzer ergibt“, sagt Walther. Der Literaturexperte hofft auf eine rege Beteiligung. Zugleich bittet er um Anregungen, um den Fragenkatalog im Netz noch zu erweitern. Bis August 2019 ist der Brandomat aktiv geschaltet.

Der Literaturexperte möchte die Neugier wecken

Ganz so ernst will Walther das neue Messinstrument jedoch nicht verstanden wissen. „Es dient eher als Mittel zum Zweck.“ Neugier möchte der Literaturexperte damit wecken: für das Thema „Brandenburger Identität“. Denn dem will sich das Brandenburger Literatur­büro mit der Ausstellung „Unausstehlich und reizend zugleich: Die Brandenburger“ zum Fontane-Jubiläum im kommenden Jahr im Kurt-Tucholsky-Museum im Schloss Rheinsberg widmen.

Die Galerieausstellung vom 23. März bis zum 4. August 2019 soll sich vornehmlich darum drehen, wie Schriftsteller die Mark sehen und gesehen haben. Fontane mit seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ ist selbstverständlich gesetzt. Auch das Tucholsky-Museum als Ort der Schau ist nicht von ungefähr gewählt: Peter Walther will sich unter anderem der Beziehung von Fontane und dessen späterem Fan Tucholsky nähern.

„Mir geht es um ihre Sicht auf die eigene Identität und wie sie den Menschen prägt“, erklärt Walther. Gerade das Beispiel Tucholsky beweise, dass es eben nicht nur die eine Identität gebe. „Tucholsky verstand sich als Stadtbürger, als Deutscher, als Patriot, zugleich aber auch als Europäer.“

Quiz soll mit Klischees aufräumen

Auch mit Klischees über Brandenburg und seine Bewohner will Walther in der Ausstellung aufräumen. „Für die einen ist Brandenburg das Land, in dem sich die Wölfe breitmachen und die Bewohner oft etwas verschroben oder provinziell daherkommen. Die anderen empfinden es als einen Sehnsuchtsort“, verweist er auf die vielen „Berlin-Aussteiger“, die „aufs Land“ gezogen sind.

Was stimmt, was stimmt nicht? Walther will Autoren Antworten geben lassen. Beispielsweise wird er an den märkischen Eulenspiegel Hans Clauert (1506–1566) aus der Stadt Trebbin erinnern. Statt sich als Schlosser zu verdingen, habe der sich lieber beim Kurfürsten Johann II. mit seinen schelmischen Streichen beliebt gemacht. Auch Juli Zehs Romansatire „Unterleuten“, Saša Stanišićs Dorfporträt „Vor dem Fest“, Erwin Strittmatters Erinnerungen übers Leben in Schulzendorf oder Julia Schochs literarischer Abschied von der DDR in „Mit der Geschwindigkeit des Sommers“ werden ihren Platz in der Schau finden. Ergänzen will Walther die Ausstellung mit Zeugnissen aus der bildenden Kunst, die den Blick von Malern wie Walter Leistikow (1865–1908) aufs Märkische sichtbar machen.

Stärken: Hilfsbereitschaft und Improvisationstalent

Begleitend ist ein Katalog geplant. Neben Interviews mit Manfred Stolpe, Matthias Platzeck und Dietmar Woidke (alle SPD) hat Walther dafür auch Autoren wie Lutz Seiler oder Antje Rávik Strubel gebeten, Beobachtungen von Land und Leuten festzuhalten. Gerade Strubel habe sich mit ihrer „Gebrauchsanweisung für Potsdam und Brandenburg“ als Expertin für den Menschenschlag vor Ort erwiesen, so Walther.

Zu wie viel Prozent der in der Niederlausitz aufgewachsene und bis heute in Forst lebende brandenburgische Ministerpräsident Woidke ein Märker ist, ist übrigens nicht bekannt. Bislang habe er sich den Brandomat-Fragen noch nicht gestellt, hieß es auf Anfrage aus der Staatskanzlei. Wohl aber hat er in dem Interview für den Ausstellungskatalog verraten, welche Orte er als besonders brandenburgisch erlebt: zum Beispiel das Schiffshebewerk Niederfinow.

Eine großartige Ingenieursleistung verbinde sich da mit Industriegeschichte zu einem Tourismusziel, „und gleich nebenan entsteht der zukunftsweisende Neubau“, so Woidke. Auch das Ökodorf Brodowin, Buckow als klassische „Berliner Sommerfrische“ oder Rheinsberg seien für ihn Brandenburg pur. Als die größten Stärken der Menschen hat der Landesvater „Hilfsbereitschaft, Improvisations­talent und Solidarität“ ausgemacht. Das hätten sie eindrücklich bei den Hochwassern an Elbe und Oder bewiesen.

Testen Sie hier ihr Wissen: www.brandomat.de