Landwirtschaft

Nach der Dürre folgt der Streit ums Geld

Das Klima setzt die Agrarbetriebe unter Druck. Brandenburgs Landwirte beklagen bürokratische Hürden und falsche Förderstrukturen.

Ein abgeerntetes Getreidefeld bei Welzow. Die Hitzewelle des Sommers und der fehlende Regen ließen die Böden austrocknen.

Ein abgeerntetes Getreidefeld bei Welzow. Die Hitzewelle des Sommers und der fehlende Regen ließen die Böden austrocknen.

Foto: dpa Picture-Alliance / Andreas Franke / picture alliance / Andreas Frank

Potsdam. Monatelange Dürre und gleißender Sonnenschein haben in diesem Jahr in Brandenburg zu riesigen Ernteausfällen geführt. Die landwirtschaftlichen Betriebe gehen von Schäden in Höhe von 370 Millionen Euro aus. Um die Folgen für die Landwirte abzudämpfen, haben sich der Bund und die Länder auf Dürrehilfen verständigt. Für Brandenburger Bauern stehen insgesamt 46 Millionen Euro zur Verfügung, die ab Freitag beantragt werden können. Doch dagegen regt sich breiter Widerstand.

„Die Dürrehilfen sind eine subventionierte Konkursverschleppung“, sagt der Geschäftsführer des Bauernbundes, Reinhard Jung, selbst Landwirt aus Lennewitz in der Prignitz. Das Geld begünstige Betriebe, die nicht seriös gewirtschaftet haben, kritisiert der Bauernbund. Wer Rücklagen für schlechte Zeiten gebildet habe, gehe leer aus, wer sich dagegen verschuldet habe, um mit aller Macht zu wachsen, der habe eine Aussicht auf Unterstützung. Das sei aber vor allem im Westen der Republik der Fall, kritisiert Jung.

Einigkeit bei Bauernbund und Bauernverband

Damit steht der Bauernbund, der 450 Kleinbetriebe vertritt, in seltener Einigkeit mit dem mächtigen Bauernverband, der die vereinbarten Dürrehilfen ebenfalls kritisiert. Es sei nicht nachvollziehbar, wenn Landwirte und die „vielen ortsansässigen Mitglieder klassischer Agrargenossenschaften und deren Ehepartner ihre Altersvorsorge und Ersparnisse wie gefordert einsetzen müssen, um die Zugangsvoraussetzungen für die Dürrehilfe zu erfüllen“, sagt der Präsident des Landesbauernverbandes, Henrik Wendorff, und befürchtet, dass es sich bei dem Verfahren um eine „Scheinhilfe“ handelt.

Das Landwirtschaftsministerium weist die Kritik zurück. „Die Rahmenbedingungen hat der Bund gesetzt“, sagt der Sprecher des Ministeriums, Jens-Uwe Schade. „Das Verfahren ist eine Herausforderung, keine Frage, aber es handelt sich um eine Notlage.“ Das Verfahren ist kompliziert. Landwirte müssen einerseits nachweisen, dass sie Ausfälle von einem Drittel oder mehr gegenüber dem Erntedurchschnitt der vergangenen fünf Jahre erzielt haben. Andererseits muss eine finanzielle Notlage vorliegen. Bei Agrargesellschaften oder -genossenschaften gilt das für alle Anteilseigner mit mehr als zehn Prozent Anteilen.

Mit 1,9 Millionen Tonnen fiel die Ernte in diesem Jahr in Brandenburg um rund ein Viertel geringer aus als im Vorjahr. Bauernverbandspräsident Wendorff sprach bei der Vorstellung der Erntebilanz von einer der schlechtesten Getreide- und Futterernten der vergangenen 30 Jahre. Im Vergleich zu den Ernten der vergangenen fünf Jahre fehle rund ein Drittel des durchschnittlichen Getreideertrages.

Risikorücklagen zur Existenzsicherung von Landwirten

Dabei fallen die Ernteausfälle in den einzelnen Branchen sehr unterschiedlich aus. Beim Winterweizen erzielten die Landwirte einen Rückgang gegenüber dem Vorjahr um 23 Prozent und beim Roggen um gut 18 Prozent. Ein Minus von 26 Prozent erwarten die Landwirte bei der Wintergerste und beim Hafer sogar von rund 40 Prozent. Dagegen verzeichneten viele Obstbauern Rekordernten. Äpfeln und Birnen kam die lange Sonnenperiode zugute, sodass es ein Überangebot an bestimmten Obstsorten gibt.

Um Ernteausfälle wie in diesem Jahr nicht in den kommenden Jahren zu einer anhaltenden Existenzgefährdung für Landwirte werden zu lassen, hat Brandenburg in einer Bundesratsinitiative mehr Spielräume für die Bauern angeregt. So soll ihnen die Möglichkeit gegeben werden, steuerfreie Risikorücklagen zu bilden, auf die sie in finanziellen Notlagen zurückgreifen können. „Die letzten Monate zeigen, dass es in der Landwirtschaft nicht immer nur darauf ankommt, standortgerecht, nachhaltig und professionell wirtschaften zu können“, sagte Landwirtschaftsminister Jörg Vogelsänger am Mittwoch. Der Bundesrat hat der Vorlage inzwischen zugestimmt.

Junge Menschen für die Landwirtschaft gesucht

Mit der Zukunft der Landwirtschaft befasst sich am heutigen Donnerstag auch die Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin. Unter dem Titel „Neue Bauern braucht das Land“ diskutieren Fachleute und junge Landwirte darüber, wie die Landwirtschaft in Zukunft gesichert werden kann. Wie andere Berufsfelder auch leidet die Landwirtschaft unter dem demografischen Wandel. Auf der Veranstaltung geht es vor allem um die Frage, wie es jungen Leuten ermöglicht werden kann, einen eigenen Betrieb zu gründen.

Es gehe darum, „gemeinsam Ansätze und Forderungen zu entwickeln, wie das Höfesterben in Deutschland gebremst und neue, zukunftsfähige Wege in der Landwirtschaft beschritten werden können“. In Brandenburg gibt es derzeit noch rund 5400 landwirtschaftliche Betriebe mit 38.000 Beschäftigten. Sie bewirtschaften 1,3 Millionen Hektar Fläche. 3800 Betriebe sind familiengeführte Bauernhöfe, die Hälfte davon im Nebenerwerb.

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