Brandenburg

Die Schröders sind Fischer in der 13. Generation

Tradition und Leidenschaft: Lutz Schröder und seine Söhne aus Plaue vermarkten ihre Fänge im Direktverkauf.

Havelfischer Lutz Schröder (r.) mit seinen Söhnen Christian (l.) und Andreas (M.) auf einem Fischereiboot

Havelfischer Lutz Schröder (r.) mit seinen Söhnen Christian (l.) und Andreas (M.) auf einem Fischereiboot

Foto: Carsten Koall

Plaue an der Havel.  Als Michael Schröder zum ersten Mal seine Netze in die Havel warf, tobte in Preußen der 30-jährige Krieg, der Trunkenbold Johann Sigismund von Brandenburg regierte das Land und Miguel de Cervantes begann im Gefängnis seinen Roman „Don Quijote“ zu schreiben. Der 1603 geborene Michael ist der erste bekannte Schröder in Plaue an der Havel, der als Fischer sein Brot verdiente.

Rund 400 Jahre später sitzt Lutz Schröder an seinem Schreibtisch und erzählt die Geschichte. „Im 30-jährigen Krieg ist von Plaue nicht viel übrig geblieben“, sagt er. Deswegen lasse sich der Stammbaum der Schröders erst ab 1650 lückenlos verfolgen. Der 64-Jährige geht nun in der zwölften Generation der Fischerei in Plaue nach – rekordverdächtig. „Wir sind sehr vorsichtig“, erklärt Schröder das Geheimrezept, so viele Jahre trotz verheerender Kriege, Wirtschafts- und Staatskrisen den Familienbetrieb durch die Jahrhunderte gelenkt zu haben. Die Schröders scheuen waghalsige Investitionen. „Dann geht das schief, und ein weiterer Traditionsbetrieb muss schließen“, sagt Schröder.

In 100 Reusen fangen sie ihren Brotfisch

Mittlerweile sind die Söhne Christian und Andreas ins Geschäft mit eingestiegen. Mit mehreren Booten fischt die Familie in den Gewässern zwischen Schwanenwerder und Tieckow in Potsdam-Mittelmark. Was für den Landwirt der Grund und Boden ist, sind für den Fischer die Fischereirechte. Sie regeln, wo welche Fischer ihrem Beruf nachgehen dürfen. „Wir betreiben die ursprüngliche See- und Flussfischerei“, sagt Schröder. Danach geht der Fang in den Direktverkauf. Mit zwei Wagen ist das Familienunternehmen auf umliegenden Märkten unterwegs, außerdem gibt es einen Hofladen in Plaue.

Das sei zwar teuer und aufwendig, sagt Schröder, aber verlässlicher, als sich mit dem Großhandel auseinanderzusetzen. „Ich habe immer noch Außenstände aus den 90er-Jahren“, sagt der Traditionsfischer und winkt ab. „Wir haben keine Zeit, auch noch dem Geld hinterherzurennen.“ Mit der Direktvermarktung landet das Geld gleich in der eigenen Tasche.

Bis zu 100 Reusen legen die Schröders aus. Der Aal ist ihr Brotfisch, das Hauptgeschäft der Familie – dieser geheimnisvolle und rätselhafte Fisch, der geräuchert so lecker auf dem Brötchen schmeckt. Alle Aale Europas machen sich zur Laichabgabe auf den Weg in die Sargassosee zwischen der Küste Floridas und den Bermudainseln. Mit dem Golfstrom gelangen die geschlüpften Jungaale dann zurück nach Europa, wo sie sich ihre Wege in die Flüsse suchen – auch bis in die Havel nach Plaue. Als ausgewachsene Aale machen sie sich dann wieder auf den Tausende Kilometer langen Weg in die Sargassosee.

Von Aal bis Zander

Außer auf Aal gehen die Schröders auf fast alles, was sich in der Havel und den angrenzenden Seen fischen lässt: Zander, Wels, Barsch, Hecht, Schlei, Rapfen, Karpfen, Blei oder die auch als „Katzenkonfekt“ bezeichnete Plötze. Die Wollhandkrabbe, auf die sich manche Fischer in der Gegend inzwischen spezialisiert haben, meiden sie. Einmal hätten sie es versucht und eine Kiste nach Schanghai geschickt. Aber der Aufwand und die Auflagen waren am Ende zu groß. Deswegen lassen sie es bleiben. Auch wenn die Eindämmung der aus der Deutschen Bucht einwandernden Krabbe wünschenswert wäre. Denn die Tiere zerstören die Reusen und fressen die Fischbrut, wenn sie massenhaft auftauchen. Das ist regelmäßig dann der Fall, wenn im Mai noch Hochwasser herrscht und die Krabben die Schleusen und Wehre leichter überwinden können.

Für Lutz Schröder war immer klar, dass er das Geschäft von seinem Vater übernimmt, wie der es in all den Generationen davor von seinem Vater übernommen hat. Obwohl ihm in der Jugend die Türen in alle Richtungen offenstanden. Er war Leistungsruderer in der Kinder- und Jugendsportschule und hätte auch studieren können. Aber die „politische Verblödung“ störte Schröder. „Die haben uns ganz schön heißgemacht“, erinnert er sich. Also hörte er mit dem Rudern auf und wurde Fischer. Drei Familien sind es noch in Plaue, dem kleinen Ort gleich hinter Brandenburg an der Havel. Früher waren es mal zehn.

Auch für die Söhne war ein Berufswechsel nie ein Thema. „Klar macht man sich auch mal Gedanken“, sagt der 28-jährige Andreas. Aber dann sind doch beide in den Beruf hineingewachsen. Nach der Lehre zum Fischwirt machten sie auch noch den Fischwirtschaftsmeister. Um sechs Uhr am Morgen geht es meistens los. Die Fischer beladen zunächst die Wagen für den Markt. Vom Fisch über die Salate bis zu den Marinaden ist alles hausgemacht. Danach fahren die drei Männer auf die Havel. „Je früher wir wegkommen, desto besser“, sagt Christian. Anschließend wird der Fisch geräuchert. Wenn Reparaturen anstehen, kann ein Arbeitstag auch mal bis Mitternacht dauern.

In der Vergangenheit habe es auch viele Angebote gegeben, in die Gastronomie einzusteigen, sagt Lutz Schröder. Aber da behielt wieder die traditionelle schrödersche Vorsicht Oberhand. „Entweder bist du Fischer oder Kneipier“, sagt Lutz Schröder. Beides geht nicht. Also habe er den Söhnen gesagt. „Lasst es bleiben.“ Dass es mit den Schröders auch in der 14. Generation weitergeht, dafür haben die Söhne gesorgt. Beide haben jeweils schon ein Kind – und wie es der Brauch der Familie will, sind beides auch wieder Söhne.

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