Gräbendorfer See

Kohleregion: Die Zukunft der Lausitz liegt in Hühnerwasser

Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) besucht die Lausitz, um sich über den Strukturwandel zu informieren – und er sieht Seen.

Blick über den Gräbendorfer See, aufgenommen mit einer Drohne. Früher wurde hier Kohle abgebaut

Blick über den Gräbendorfer See, aufgenommen mit einer Drohne. Früher wurde hier Kohle abgebaut

Foto: Patrick Pleul / ZB

Gräbendorfer See. Vetschaus Bürgermeister Bengt Kanzler hat große Pläne. „Das ist der erste See, der aus der Bergaufsicht entlassen wird“, sagt Kanzler und zeigt vom Steg auf den Gräbendorfer See im Lausitzer Seenland. In der Vergangenheit wurden hier 32 Millionen Tonnen Braunkohle gefördert und im benachbarten Kraftwerk verfeuert. Seit 1996 wurde die Grube mit Wasser aus der Spree geflutet, am Mittwoch wurde der See nun an die Gemeinde übergeben.

Vor zwölf Jahren war daran kaum zu denken, erinnert sich Kanzler. 92 Millionen Liter Wasser waren nötig, um das Gelände zu fluten. Mittlerweile wächst Schilf am Ufer, im See tummeln sich Barsche und kleine Hechte, es gibt mehrere Badestellen und die ersten drei schwimmenden Häuser stehen für Urlauber bereit. „In den kommenden Jahren werden hier insgesamt 16 schwimmende Apartments und 55 Ferienhäuser entstehen“, sagt Kanzler. Außerdem eine Marina und weitere touristische Anlagen am Ufer.

Tourismus soll Arbeitsplätze im Bergbau ersetzen

Der Gräbendorfer See ist ein Baustein für den riesigen Umbau, der gerade in der einstigen Braunkohleregion vor sich geht. Die Kohleförderung wird nach und nach eingestellt, aus den klaffenden Wunden in der Landschaft werden blühende Kulturlandschaften. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) besuchte am Mittwoch den Süden des Landes, um sich einen Überblick über den Umbau zu verschaffen. „Die 1990 begonnene Neugestaltung der Bergbaufolgelandschaften trägt zunehmend Früchte“, sagte er.

Vor allem der Tourismus soll die wegfallenden Arbeitsplätze im Bergbau ersetzen und den Umbau der Lausitz zu einer einmaligen Erfolgsgeschichte machen. Überall werden alte Kohlegruben geflutet, entstehen neue Strände, Häfen und Erholungsgebiete wie am Gräbendorfer See. „Das ist ein Riesenschritt und eröffnet uns neue Möglichkeiten“, sagt Bürgermeister Kanzler. Ein Bebauungsplan ist aufgestellt, erste Investoren gefunden. Auch die Qualität des Wassers stimmt. „Wassertechnisch gesehen ist der See eine Perle“, sagt Kanzler. Schon jetzt würden zahlreiche Gäste aus dem ganzen Land und auch aus Berlin, Sachsen und Tschechien in die einstige Kohlewüste reisen, um sich zu erholen. Sind am Ende alle Kohlegruben geflutet, wird eine Seenlandschaft von der Größe der Müritz in der Lausitz entstanden sein.

Umgestaltung soll noch 15 Jahre dauern

Fast nur einen Steinwurf entfernt am Altdöberner See verläuft die Renaturierung der Bergbaulandschaft nicht so reibungslos. Durch den Tagebau wurde die Böschung des entstehenden Sees derart aufgelockert, dass ein Abrutschen der Erdmassen droht. Ein 43 Meter hoher und 500 Tonnen schwerer Bagger treibt hier Kolben 40 Meter in die Tiefe und rüttelt den Boden fest. Bis zu zwei Meter senkt sich die Erde dadurch ab und muss mit Sand aus anderen Regionen aufgeschüttet werden.

15 Jahre wird der Prozess der Umgestaltung noch dauern, prognostiziert der Geschäftsführer der Bergbauverwaltungsgesellschaft LMBV, Hans-Dieter Meyer. Mehr als zehn Milliarden Euro sind bereits in die gesamte Region geflossen, knapp die Hälfte davon in den Brandenburger Teil der Lausitz. Von den 1990 noch 120.000 Beschäftigten in der Kohleindustrie sind noch 20.000 übrig geblieben, 8000 davon direkt beim Kohleunternehmen Leag, die anderen bei Zuliefererfirmen.

Die Stimmung unter den Kumpeln ist schlecht

Der Umbau der Lausitz gehört zu den größten Herausforderungen der Landesregierung. Die Kohle hat einen schlechten Ruf, die Stimmung unter den verbliebenen Kumpeln ist schlecht, ein Ausweg noch nicht in Sicht. Die Landesregierung steht zudem bei Natur- und Umweltschützern in der Kritik, weil sie trotz der vielseitigen Initiativen in der Region verbissen an der Kohleförderung festhält. Am Mittwoch bekräftigte Ministerpräsident Woidke diese Haltung. „Ich bin davon überzeugt, dass Braunkohle noch lange eine feste Rolle in der Region spielen wird“, sagte Woidke. So lange Energiespeicher für erneuerbare Energien nicht entwickelt seien, sei der verlässliche Kohlestrom unverzichtbar.

Ziel ist es, die Lausitz als Energieregion zu erhalten. Dazu werden zahlreiche Projekte gefördert. Gerade hat die Prüforganisation Dekra den defizitären Lausitzring übernommen, um daraus Europas größtes Testzentrum für autonomes Fahren zu machen und auch die Brandenburgische Technische Universität Cottbus (BTU) forscht nach Schlüsseltechnologien, die neue Arbeitsplätze in der Region schaffen können. BTU-Präsident Jörg Steinbach, der am 19. September neuer Wirtschaftsminister Brandenburgs werden soll, berichtete von einem Forschungsprojekt der Universität am Flüsschen Hühnerwasser. Hier wird in einer Anlage nach Faktoren gesucht, die die Renaturierung beschleunigen. Eher zufällig stießen die Wissenschaftler dabei auf die Erkenntnis, dass Maulwürfe dabei sehr hilfreich sind. Sie durchpflügen das Erdreich so, dass Pflanzen schneller wachsen.

Andere Unternehmen suchen sich für ihre Technologien neue Anwendungen. So stammt die elektronische Steuerung von Achterbahnen auf Jahrmärkten inzwischen von einer Lausitzer Firma der Kohleindustrie. „Die Sanierung der geschundenen Landschaft ist ein einzigartiges Generationenprojekt“, sagte
Woidke auf seiner Lausitz-Tour. „So wachsen über den einstigen Tagebauen wieder Zukunftsperspektiven“, hofft er.

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