Brandenburg

Landwirt: "Wir werden für alle Übel verantwortlich gemacht"

Reinhard Jung ist die Stimme bäuerlicher Familienbetriebe in Brandenburg. Er kämpft für ein besseres Image der Landwirte.

Landwirt Reinhard Jung sorgt sich auch um das Image  seines Berufsstandes

Landwirt Reinhard Jung sorgt sich auch um das Image seines Berufsstandes

Foto: Jens Anker

Lennewitz.  Neulich hat er mal wieder einen rausgehauen. Reinhard Jung sprach vom „Wachstumswahnsinn“ und vom „Ökoterror“. Von ignoranter Politik und veganen Irrwegen. Der Saal tobte. Jung ist Brandenburger Landwirt und sieht sich und seinen Berufsstand umzingelt. „Die Landwirtschaft blutet aus“, sagt der leidenschaftliche Landwirt und verweist auf einen Widerspruch: Einerseits gilt der bäuerliche Familienbetrieb als Ideal umweltschonender und selbstbestimmter Arbeit in der Bullerbü-Idylle eines eigenen Hofes, andererseits steht die Landwirtschaft im Ruf, Tiere zu quälen und die Böden zu vergiften. „Wir werden für alle Übel dieser Welt verantwortlich gemacht“, klagt Jung. Das regt ihn auf. Er sieht sich regelrecht im Notwehrmodus. Aber dazu später mehr.

Seit Jahren von allen Seiten Prügel eingesteckt

Wer Jung auf seinem Hof besuchen will, der sollte Reiseproviant einstecken. Das Dorf Lennewitz liegt im äußersten Nordwesten Brandenburgs, in unmittelbarer Nähe der Elbe. 34 Einwohner zählt es, die Höfe stammen aus dem 18. und 19. Jahrhundert und sind locker um die alte Kirche gruppiert.

Jung möchte die Dinge gerade­rücken. „Der bäuerliche Familienbetrieb ist die ökonomisch wie ökologisch leistungsfähigste Agrarstruktur“, sagt er bei einer Tasse Kaffee unter dem Kastanienbaum. „Er ist ökonomisch und ökologisch überlegen.“

Niemand wirtschafte nachhaltiger und niemand achte aufmerksamer auf das Wohlergehen der eigenen Tiere als der Landwirt im Familienbetrieb, ist sich Jung sicher. Das leiste kein digitalisierter Großbetrieb und auch kein Tarifvertrag mit Mindestlohn und Nachtzuschlag. „Wir sind es, die nachts aufstehen, wenn die Kuh kalbt, und wir machen unseren Sonntagsspaziergang durchs Getreide, um nachzuschauen, wo wir nächste Woche ein Fungizid einsparen können.“ Jung ist der Lautsprecher der bäuerlichen Familien­betriebe im Land und vertritt sie seit Jahren als Geschäftsführer im Brandenburger Bauernbund.

Was ihn umtreibt, ist nicht allein das schlechte Image der Landwirte, sondern dass die feindliche Haltung auf die Bauern abfärbt. Ein Großteil der Familienbetriebe, die aufhörten, mache dies nicht aus ökonomischen Gründen, sondern weil sie seit Jahren von allen Seiten Prügel einstecken müssten, beklagt Jung. Umweltverschmutzer seien sie, nicht mehr zeitgemäß, überflüssig. „Wie gebeugt manche Bauern mittlerweile durch die Welt gehen!“

Jung will ihnen Selbstvertrauen zurückgeben. Dabei schont er weder sich noch andere. Er kämpft nicht gegen alle. Aber gegen ziemlich viele – und mit Erfolg, wie er meint. „Wir haben den Gen-Konzern Monsanto vom Land gejagt, wir haben den Kohle-Konzern Vattenfall vom Land gejagt und mit dem Naturschutzbund Nabu werden wir auch noch fertig.“

Jung ist Überzeugungstäter, und um ihn und seine Motivation zu begreifen, lohnt ein Blick auf seinen Werdegang. Denn der heute 52 Jahre alte Lehrersohn aus Dauenhof bei Hamburg hatte zunächst nichts mit der Landwirtschaft zu tun. Seine Jugend verbrachte er teilweise auf dem legendären Rockmusikfestival in Wacken und „im Tränengasnebel“ der Anti-Atomkraft-Demonstrationen von Brokdorf. Nach den wilden Jugendjahren studierte er Kunstgeschichte und arbeitete bei der Architektenkammer Niedersachsen in Hannover.

Aber schon während des Studiums hatte er eine Leidenschaft für historische Bauernhöfe entwickelt, die ihn nicht mehr losließ. Der Fall der Mauer gab dann den Anstoß: „Überall schlossen Höfe, ich wollte einen erhalten“, sagt Jung. Er sattelte um und lernte Landwirt, 1996 kaufte er den Vierseithof von 1780 in Lennewitz und restaurierte ihn mit seiner Ehefrau und den inzwischen vier Kindern. Seit 2003 bewirtschaften sie den Hof mit 35 Weidetieren und 30 Hektar Land.

„Wir hatten gute Jahre und wir hatten schlechte Jahre“, sagt Jung. „Aber wir sind noch da.“ Allen Widrigkeiten zum Trotz. Doch schon lauert neue Gefahr für die bäuerlichen Familienbetriebe: Der Wolf. „Wenn sich der Wolf weiter ausbreitet, bedeutet das den Ruin der Weidewirtschaft“, sagt Jung. Denn die den Landwirten abverlangten Schutzmaßnahmen überforderten die Bauern nicht nur, sie seien auch lebensfremd. Zäune und Wachhunde seien wirkungslos gegen einen hungrigen Wolf, sagt Jung. Zuletzt ließ der Bauernbund den Streit über den Abschuss von Problemwölfen eskalieren.

Notwehrrecht im Umgang mit dem Wolf

In einem Gutachten bescheinigte der Rechtsanwalt und FDP-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Kubicki den Landwirten eine Art Notwehrrecht im Umgang mit dem Wolf. Ein straffreier Abschuss zum Schutz besonders schützenswerter Tiere der Herde sei möglich, heißt es darin. Einen Aufruf zur Selbstjustiz sieht Jung darin nicht. Es sei längst ein offenes Geheimnis, dass es mittlerweile an der Tagesordnung sei, Wölfe, die die Weidetiere gefährden, illegal zu töten. „Schießen, schippen, schweigen“ nennen das die Landwirte. Offen darüber reden will natürlich niemand.

Im Umgang mit dem Wolf ist Jung kompromisslos, fast so, als wäre es der letzte große Kampf um die Erhaltung der bäuerlichen Familienbetriebe in der Landwirtschaft. „Wenn sich nichts ändert, dann wird die umweltverträglichste Art, Tiere zu halten, die Weidetierhaltung, kaputt gemacht“, sagt er – und stapft zurück zu seinen Tieren. Jung kämpft weiter.

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