Potsdam -

Weltkulturerbe in Gefahr: Potsdam droht Aberkennung

Der Rat, der den Welterbe-Titel vergibt, wirft Potsdam Versäumnisse vor. Grund ist eine Brache zwischen Schloß und Park Babelsberg.

Das Schloss Babelsberg mit dem von Pückler gestalteten Park

Das Schloss Babelsberg mit dem von Pückler gestalteten Park

Foto: dpa Picture-Alliance / Bernd Settnik / picture alliance / Bernd Settnik

Potsdam. Der Brief ließ kaum Zweifel offen: Sollte sich nichts an den Plänen der Stadt Potsdam ändern, droht die Aberkennung des Unesco-Welterbe-Titels für die einzigartige Kulturlandschaft zu beiden Seiten der Havel. Absender des Schreibens war der Internationale Rat für Denkmalpflege (Icomos), der den Welterbe-Titel vergibt. Er wirft der Potsdamer Verwaltung vor, bei einem Neubauprojekt im Stadtteil Babelsberg keine Abwägung zwischen wohnungswirtschaftlichen und denkmalpflegerischen Notwendigkeiten vorgenommen zu haben, und droht nun damit, die Berliner und Potsdamer Schlösser und Gärten auf die Rote Liste der bedrohten Welterbe-Stätten zu setzen.

Der Streit entzündet sich an einer 30.000 Quadratmeter großen Brachfläche zwischen Schloß und Park Babelsberg und der Havel, südlich der Nuthestraße in Potsdam-Babelsberg. Hier ist auf drei Baufeldern der Neubau von 270 Wohnungen geplant. Doch mindestens ein Baufeld mit rund 80 Wohnungen soll nach dem Willen der Welterbe-Schützer unbebaut bleiben, um die Sichtachse vom Schloss zur Havel nicht zu gefährden. Im Bebauungsplan ist dieses Baufeld als Grünfläche ausgewiesen. Das soll auch so bleiben, fordert Icomos. Auch das Potsdamer Denkmalamt und die Schlösserstiftung sehen das so. Die Schlösserstiftung hatte ein eigenes Gutachten über den Bebauungsplan in Auftrag gegeben, das zu einem ähnlichen Schluss kommt. Die umstrittene Bebauung zerstöre das Weltkulturerbe regelrecht, heißt es darin.

Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) ist über den scharfen Ton der Welterbe-Institution überrascht. „Wir werden das nicht leichtfertig von der Hand weisen, sondern uns mit allen Argumenten und auch mit Icomos auseinandersetzen“, sagte Jakobs. „Das Verfahren für die Bebauungsplanung für die strittige Fläche ist noch nicht beendet.“ Denn noch ist nicht endgültig entschieden, was und wie gebaut wird. „Ich halte die Drohung für unangemessen“, sagt Jakobs deshalb.

Der Streit über die Bebauung schwelt bereits seit vier Jahren. Der Bebauungsplan wurde zwischenzeitlich geändert und abgeschwächt – aber nach Auffassung der Kritiker noch nicht ausreichend. Für Potsdams Oberbürgermeister kommt die scharfe Kritik jedoch zu früh: Eine Bürgerbeteiligung für das Vorhaben steht noch aus, im September findet zudem ein Treffen zwischen Jakobs und Vertretern von Icomos statt. Dabei soll geklärt werden, ob tatsächlich Sichtachsen durch die neuen Wohnungen gestört werden. Potsdam bestreitet das. Erst Ende des Jahres werde die Stadt endgültig über das Bauvorhaben entscheiden, so Jakobs.

Auch Dresden verlor den Welterbe-Status

Der Fall erinnert an einen ähnlich gelagerten Streit in Dresden. Wegen des Baus einer Brücke über die Elbe verlor die Stadt den Welterbe-Status. In Potsdam steht seit Jahren der Wohnungsbau im Vordergrund der Stadtplanung. Jedes Jahr wächst die Landeshauptstadt um 4000 Menschen. In der Vergangenheit hat die Verwaltung Flächen für insgesamt 15.000 neue Wohnungen identifiziert, die jetzt nach und nach bebaut werden, um den Bedarf an Wohnraum zu decken. Den Welterbe-Status wegen 80 neuer Wohnungen zu gefährden, erscheint vor diesem Hintergrund unnötig. Die Verwaltung setzt daher zunächst auf weitere Verhandlungen mit den Welterbe-Hütern.

Der Internationale Rat für Denkmalpflege vergibt seit 1965 den Titel „Weltkulturerbe“ für besonders schützenswerte Bauten, Naturdenkmäler und intakte, historisch bedeutsame Innenstädte. Die „Schlösser und Parks von Potsdam und Berlin“ wurden 1990 in die Unesco-Liste aufgenommen.

Das ganze Erbe umfasst mehr als 2000 Hektar Fläche, die von der Pfaueninsel im Osten bis jenseits des Neuen Palais im Westen reichen. Es beinhaltet die Schlösser und Parks Sa­crow, Glienicke, Babelsberg, Sanssouci und Charlottenhof, Schloss und Park Lindstedt und den Neuen Garten. Im vergangenen Jahr haben sich der Bund, Berlin und Brandenburg darauf verständigt, in den kommenden Jahren insgesamt 400 Millionen Euro für die Sanierung der Schlösser und Gärten bereitzustellen.

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