Mann wollte Ruhe haben

Nach Giftmord an Kleinkind: Lebenslange Strafe für Täter

Weil er in Ruhe schlafen wollte, hat der Ziehvater ein eineinhalbjähriges Kind vergiftet. Das Urteil lautet "lebenslänglich".

Ein 38-Jähriger ist zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden, nachdem er den eineinhalbjährigen Sohn seiner Partnerin getötet hatte (Archiv)

Ein 38-Jähriger ist zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden, nachdem er den eineinhalbjährigen Sohn seiner Partnerin getötet hatte (Archiv)

Foto: Volker Hartmann / dpa

Potsdam. Ricardo H. sitzt im Verhandlungssaal des Potsdamer Schwurgerichts nur wenige Meter entfernt von der Frau, die für ihn alles war. Heute trennen sie Welten. Der 38-Jährige wagt es gar nicht erst, ihr einen Blick zuzuwerfen. Er weiß, dass dieser Blick wohl kaum erwidert würde. Und wenn doch, dann hasserfüllt. Er hat offenkundig alles getan, um sie zu halten; auch gemordet. Das Opfer war ihr anderthalb Jahre alter Sohn.

Der Vorsitzende Richter Theodor Horstkötter ist fest überzeugt, dass Ricardo H. den damals anderthalb Jahre alten Jungen mit Medikamenten vergiftete. Er verkündet am Freitag gegen Ricardo H. eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes. Die Kammer gehe davon aus, dass das Motiv in der Beziehung des Paares gesucht werden muss, sagt Horstkötter. Und er beschreibt noch einmal beide Personen: Da ist Ricardo H., gelernter Maurer, trockener Alkoholiker, wegen kleinerer Delikte mehrfach vorbestraft. Und da ist Jasmin T.*, die glaubte, mit einem anderen Mann die Beziehung ihres Lebens gefunden zu haben; die mit diesem Roland L.* ein Kind haben wollte und es schließlich auch bekam – Ben*.

Mutter des Kindes sucht im Internet nach einem Partner

Da war die Beziehung mit Roland L. aber schon zerrüttet, wenig später endete sie. Für den kleinen Ben fühlte sich Roland L. aber weiterhin zuständig. Das gefiel Jasmin T.

Sie habe aber nicht allein leben wollen und im Internet nach einem neuen Partner gesucht, so der Richter. Aber es sei klar gewesen, dies habe sie Ricardo H. auch gleich bei der ersten Begegnung gesagt, dass es sie nur im Doppelpack mit dem Baby gebe. Ricardo H. habe zugestimmt.

Vielleicht weil ihm klar war, dass er nur so „einen emotionalen Zugang“ zu der begehrten Frau bekommen konnte, sagt Horstkötter. Vielleicht war es auch ein tatsächliches Interesse an dem Kind; obwohl das eher unwahrscheinlich ist, um zwei Söhne aus einer anderen Beziehung hatte er sich nicht gekümmert und keinen Unterhalt gezahlt. In der neuen kleinen Familie indes hatte er sich fortan benommen, als sei er selbst der Vater; er habe den Jungen gefüttert, trockengelegt, mit ihm gespielt und Spaziergänge unternommen, sagt Horstkötter. Ricardo H. zog auch schon nach sehr kurzer Zeit in Jasmin T.s Wohnung im Potsdamer Plattenbauviertel Schlaatz ein. Es hätte eigentlich eine ideale Beziehung sein können. Doch schnell zeigte sich, dass es auch Probleme gab.

Horstkötter nennt die Schulden des Angeklagten, die Jasmin T. aber noch hingenommen habe. „Sie hat ihm sogar geholfen, seine finanziellen Angelegenheiten zu ordnen.“ Weitaus mehr habe sie der ausufernde Medikamentenkonsum des neuen Partners gestört.

Ricardo H. hat ein chronisches und äußerst schmerzhaftes Leiden an der Bauchspeicheldrüse. Er nimmt starke Schmerz-, Beruhigungs- und Schlafmittel. Dabei erhöhte er die Dosen, ohne Ärzte zu fragen. Ein Gutachter ging vor Gericht davon aus, dass der Angeklagte medikamentenabhängig war. Der absolute Störfall dieser Beziehung war jedoch Ricardo H.s übertriebene Hinwendung zu Ben. Er glaubte vermutlich, es besonders gut zu machen – und machte alles falsch. „Die Beziehung zwischen Jasmin T. und dem Angeklagten stand vor der Tat auf Messers Schneide“, sagt der Richter. Ricardo H. sei schließlich davon ausgegangen, dass Ben Schuld ist, dass das Kind weg muss, damit alles gut werde.

Das Paar alarmierte die Rettung, aber es war zu spät

Am 29. März 2014 fuhr Jasmin T. mit einem Bekannten nach Tempelhof, sie half ihm beim Kauf eines Computers. Ricardo H. war mit Ben allein. Das Gericht geht davon aus, dass er an diesem Tag eine tödliche Mixtur seiner eigenen Medikamente in den Brei und den Tee des kleinen Jungen mischte.

Als Jasmin T. nach Hause kam, merkte sie noch nichts. Ben hatte in seinem Bettchen ein bisschen geröchelt, aber sie habe sich zu diesem Zeitpunkt noch nichts dabei gedacht und sei auch selbst schlafen gegangen, sagte sie vor Gericht. Gegen 22.30 Uhr sei dann Ricardo H. an ihr Bett gekommen und habe gerufen, dass Ben nicht mehr atme, tot sei. Sie alarmierten die Rettung. Aber es war schon zu spät.

Toxikologen wiesen nach, dass Ben am 29. März 2014 tödlich mit Medikamenten vergiftet wurde; aber schon in den fünf Monaten zuvor sollen dem Kleinen immer wieder Medikamente verabreicht worden sein. Die Medikamente, die der Angeklagte wegen seines Leidens an der Bauchspeicheldrüse verschrieben bekam. *Namen geändert

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