Biesenthal

Brandenburger Unternehmen baut Räder für Anspruchsvolle

Die junge Firma HNF entwickelt in Biesenthal E-Bikes. 2019 wollen die Chefs ein Festival in die Region holen.

Die beiden HNF-Geschäftsführer Michael Hecken (l.) und Benjamin Börries in der firmeneigenen Werkstatt in Biesenthal

Die beiden HNF-Geschäftsführer Michael Hecken (l.) und Benjamin Börries in der firmeneigenen Werkstatt in Biesenthal

Foto: Katrin Starke

Biesenthal.  Mit einem Wohnmobil fuhr das Paar aus Stuttgart vor den Geschäftsräumen der E-Bike-Entwickler HNF in Biesenthal (Landkreis Barnim) vor. Wegen einer Testfahrt auf einem der Elektro-Fahrräder aus dem Hause HNF hätten die Velo-Enthusiasten eigentlich nicht eigens aus Baden-Württemberg zum Unternehmenssitz im Nordosten Brandenburgs reisen müssen.

„Im Unterschied zum klassischen Fahrradhandel brauchen Kunden, die sich für unsere E-Bikes interessieren, nicht in unseren Laden zu kommen. Wir kommen stattdessen zu ihnen“, sagt HNF-Geschäftsführer Michael Hecken über die Servicestrategie seiner Firma. Seine Transporter-Flotte sei deutschlandweit unterwegs. „Da passen bis zu fünf verschiedene E-Bike-Modelle rein“, so Hecken. Wer sich für eines seiner Elektroräder interessiere, könne sie „auf Wegen ausprobieren, auf denen sie später auch im Einsatz sein werden“, umreißt der Unternehmer den Vorteil seines Geschäftsmodells.

Ein Konzept, das auch greife, wenn das Rad gewartet werden müsse oder doch mal etwas kaputtgehe. „Innerhalb von sieben bis zehn Tagen kommt unser Service-Sprinter zum Kunden – mit einer kompletten Werkstatt und allen Ersatzteilen an Bord und repariert das E-Bike direkt vor Ort“, erklärt der Firmenchef mit der Nerd-Brille.

Er hat nicht nur das weitere Wachstum seiner Firma im Blick, sondern will im Herbst 2019 ein E-Bike-Festival in die Region holen. Unter dem Motto „Berlin-Brandenburg – immer in Bewegung“ plant er in Zusammenarbeit mit dem Verlag Delius Klasing, unter anderem Herausgeber eines Fahrrad-Fachmagazins, eine Outdoor-Aktiv-Messe im Bereich Wandlitz-Biesenthal.

Der Standort eignet sich gut für ein Festival

„Die Gegend hier ist geradezu prädestiniert als Standort für ein urbanes E-Bike-Festival“, ist Hecken überzeugt. Da sei die Nähe zu Berlin, aber auch das mehrere Hundert Kilometer umfassende Radwegenetz im Barnim, auf dem E-Bikes „ausfahrbar und erlebbar“ seien. Ähnliche Festivals gebe es bereits in Norditalien und in Willingen, die Zehntausende von Besuchern anzögen.

Noch steht die Finanzierung nicht, gibt es erst ein grobes Konzept. Das jedoch kommt an. Biesenthals Bürgermeister Carsten Bruch hält das Festival für eine spannende Sache, von der sicher auch die Gemeinde etwas habe. Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD) signalisierte kürzlich bei einem Besuch in Biesenthal, dass er Unterstützungsmöglichkeiten prüfen lassen werde.

2015 gründete Hecken gemeinsam mit Rahmenbauer Karl-Heinz Nicolai und Benjamin Börries am Standort Biesenthal das Unternehmen HNF, der Firmenname steht für „Hecken, Nicolai and Friends“. Hecken und Börries sind keine Neulinge in der Branche. In Eigenregie bauten sie bereits 2008 die E-Bike-Marke „Grace“ auf, entwickelten im Auftrag der Daimler Benz AG das Smart-E-Bike der Marke mit dem Stern.

Der Verkauf ihrer Firma Grace – wegen ihres rasanten Wachstums waren sie mit der Produktion nicht mehr hinterhergekommen – an das Traditionsunternehmen Mifa brachte den beiden Unternehmern allerdings kein Glück. „Als Mifa Insolvenz anmeldete, standen wir erst einmal vor der Frage, wie es für uns weitergehen soll“, sagt Börries.

Das Duo wollte sich nicht auf den Wettbewerb mit Produzenten von „Supermarkt-Bikes“ einlassen, setzte stattdessen darauf, sich besser mit Nischenerzeugnissen am Markt behaupten zu können. Die Idee: E-Bikes für eine technikaffine, vor allem designorientierte Zielgruppe zu entwickeln, „die sich den hohen Qualitätsanspruch leisten kann“.

Die meisten Räder gehen nach München, Bremen und Berlin

Denn das hatten die Unternehmer schnell zusammengezählt: Der wartungsarme Antrieb, die innovativen Schaltungen von Branchengrößen wie NuVinci-Nabe und Rohloff und auch die Motoren selbst von Bosch würden ihren Preis haben, sodass die Kreationen aus dem Hause HNF keine Schnäppchen sein würden. „Das Design, die Entwicklung der Prototypen, der Musterrahmenbau, Vertrieb und Service der E-Bikes – das bieten wir alles aus einer Hand“, zählt Börries auf. Nur produziert werden die Räder nicht in Biesenthal, sondern in einer Fabrik in Litauen.

Obwohl die puristisch gestalteten Edelräder und Lasten-Bikes von HNF erst ab 3000 Euro zu haben sind, müssen sich die beiden Geschäftsführer Hecken und Börries um die Auftragslage nicht sorgen. Die Zahl der Mitarbeiter ist von anfangs zehn auf mittlerweile 45 gestiegen. Vom ersten kleinen Firmensitz an der Wehrmühle musste HNF in einen mehr als 500 Quadratmeter großen ehemaligen Discounter umziehen. Der Umsatz verdoppelte sich von drei Millionen Euro im Jahr 2016 auf sechs Millionen im vergangenen Jahr. 2018 will man die Zehn-Millionen-Marke knacken.

Die meisten Räder verkauft HNF derzeit im Münchener Raum, in Bremen und in der Hauptstadtregion. Das Gros der Kunden seien Intensiv-Radler, „die schon mal 1000 Kilometer in drei Wochen zurücklegen“. Die minimalistisch-sportlichen E-Bikes punkteten auch bei Pendlern, die täglich 30 bis 40 Kilometer Strecke machen. „Wer sich erst einmal durchgerungen hat, sein Auto stehen zu lassen, für den spielt der Preis eines Fahrrades keine Rolle mehr“, so Heckens Erfahrung.

Und dann erzählt er vom Pärchen-Prinzip: „Der Mann bestellt bei uns ein E-Bike für seine Frau. Vier Wochen später steht er wieder auf der Matte und will ein Rad für sich selbst.“ Weil es einfach keinen Spaß mache, wenn die Frau einem davonfahre.

Das sind die Bike-Trends der diesjährigen Fahrradschau

Fahrradfans treffen sich dieses Wochenende in der "Station" am Gleisdreieck. Die Fahrradschau zeigt auf 23.000 Quadratmetern die neuesten Trend der Bike-Szene. Mehr als 350 Aussteller zeigen alle Facetten der Fahrradkultur.
Das sind die Bike-Trends der diesjährigen Fahrradschau
© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.