Brandenburg

Berliner Firmen gehen aus Platznot ins Umland

Florierende Unternehmen finden in der deutschen Hauptstadt keine Erweiterungsflächen mehr.

Steffen Kammradt von der Wirtschaftsfördergesellschaft Brandenburg wirbt auch Berliner Unternehmen an

Steffen Kammradt von der Wirtschaftsfördergesellschaft Brandenburg wirbt auch Berliner Unternehmen an

Foto: Maurizio Gambarini

Potsdam.  Immer mehr Berliner Unternehmen suchen Gewerbeflächen in Brandenburg. „Die Nachfrage aus Berlin ist signifikant angestiegen“, sagt der Chef der Brandenburger Wirtschaftsförderung, Steffen Kammradt. Haben in den vergangenen Jahren durchschnittlich drei bis vier Berliner Unternehmen pro Jahr nach einem neuen Standort in Brandenburg gefragt, waren es im vergangenen Jahr 16. Dabei handelt es sich nach Angaben Kammradts vor allem um Betriebe aus der Metall- und Lebensmittelverarbeitung und der Logistik.

„Die Unternehmen suchen nach einer Flächenerweiterung, finden sie in Berlin aber nicht“, erklärt der Wirtschaftsförderer den Trend. Wegen der hervorragenden wirtschaftlichen Entwicklung Berlins, steige dort die Flächenkonkurrenz. „Berlin hat derzeit einen Superlauf als Dienstleistungsstandort, Kreativstandort und Wohnstandort“, sagt Kammradt. Da fehle es vor allem an Erweiterungsflächen für das produzierende Gewerbe.

„Wir wollten eigentlich im Kiez bleiben“

Einer der Unternehmer, der bereits den Schritt von Berlin nach Brandenburg gegangen sind, ist Karsten Kruschke mit seinem Betrieb „Die Blechprofis“. Das Unternehmen fertigt Metallgehäuse in Kleinserien oder Spezialanfertigungen vor allem für wissenschaftliche Einrichtungen und war lange in Neukölln angesiedelt. Als sich das Unternehmen vergrößern wollte, fragte es zunächst im Bezirk nach. „Wir wollten eigentlich im Kiez bleiben“, sagt Kruschke. Der Kontakt zum Wirtschaftsamt sei gut gewesen, aber helfen konnte der Bezirk nicht. Auch eine Nachfrage auf dem Wista-Gelände in Adlershof, wo mehrere Kunden der Blechprofis ihren Sitz haben, blieb erfolglos. Im Gegenteil: „Wir stießen auf großes Desinteresse“, sagt Kruschke im Rückblick.

Also erkundigte er sich im Umland – und stieß mit seinem Wunsch auf offene Ohren. Nachdem das Unternehmen zwei Jahre lang in Berlin vertröstet worden war, gelang der Umzug nach Hennigsdorf innerhalb eines halben Jahres. „Das ging alles schnell und unkompliziert“, sagt Kruschke im Rückblick. Um ähnliche Probleme anderer Unternehmen schneller lösen zu können, wünscht sich der Unternehmer eine engere Kooperation zwischen Berlin und Brandenburg. „Vor allem das verarbeitende Gewerbe wird aus Berlin getrieben, aber keiner hat einen Plan“, kritisiert Kruschke.

Für Wirtschaftsförderer Kammradt sind die Blechprofis ein Paradebeispiel für den Trend. „Wer mieten will, geht eher nach Berlin, wer Eigentum sucht, eher nach Brandenburg“, sagt Kammradt. Schon seit längerer Zeit habe sich zum Beispiel in Brandenburg kein Callcenter mehr nach Flächen erkundigt, weil derartige Unternehmen flexible Büroflächen zur Miete suchten. Auch die Aufteilung innerhalb eines Unternehmens sei möglich. So blieb das Spandauer Unternehmen Lunos Lüftungstechnik mit der Verwaltung an der Heerstraße und errichtete im benachbarten Falkensee ein neues Produktionsgelände.

Berliner Senat will wieder mehr Gewerbeareale sichern

Berlin betrachtet die Entwicklung inzwischen mit Sorge. „Angesichts der Flächenknappheit, der anhaltend hohen Nachfrage nach Immobilien und der Verdrängung, droht der endgültige Verlust von Gewerbeflächen als wertvolles Potenzial für die weitere Stadtentwicklung und insbesondere für die Wirtschaftsförderung“, sagt der Sprecher der Wirtschaftsverwaltung, Matthias Borowski. „Leider zeigt die Erfahrung, dass gerade weniger zahlungskräftige gewerbliche Nutzungen mit höherem Flächenanspruch, also insbesondere Produktions- und Handwerksbetriebe, auf dem privaten Grundstücksmarkt keine bezahlbaren Flächen mehr finden und deshalb zwingend darauf angewiesen sind, landeseigene Flächen zu angemessenen Konditionen angeboten zu bekommen.“

Der Senat bemühe sich deshalb, zusätzliche Flächen innerhalb der Landesgrenze für Gewerbeabsiedlungen zu sichern. „Um dieser Entwicklung entgegenzutreten und Gewerbeflächen in der Stadt zu sichern, läuft derzeit die Überarbeitung des Stadtentwicklungsplans Gewerbe“, sagt Borowski. Außerdem stehen nach Angaben der Wirtschaftsverwaltung 50 Millionen Euro aus dem jüngsten Sonderinvestitionsprogramm für den Ankauf von Gewerbeflächen zur Verfügung.

„Vollkommen normale Metropolenentwicklung“

Für die Brandenburger Wirtschaftsförderer stellt der Trend dagegen eine normale Entwicklung dar. „Die Unternehmensbewegungen, die wir heute in Berlin und Brandenburg erleben, stellen eine vollkommen normale Metropolenentwicklung dar, wie wir sie nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt erleben“, sagt Kammradt. Dienstleistungen strebten in die Städte, produzierendes Gewerbe ordne sich in einem industriellen Gürtel drum herum an. „Für Berlin und Brandenburg bedeutet das eine Riesenchance“, sagt Kammradt.

Auch der wirtschaftlichen Entwicklung der Hauptstadt scheint das steigende Interesse von Berliner Firmen an Brandenburger Flächen nicht zu schaden. In der vergangenen Woche präsentierte Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) neue Zahlen für Berlin. Das Wachstum liegt demnach mit 3,1 Prozent im vierten Jahr in Folge deutlich über dem Bundesdurchschnitt (2,2 Prozent).