Brandenburg

Potsdam droht der Verkehrsinfarkt

Brandenburgs Landeshauptstadt will mehr Menschen zum Umstieg vom Auto auf Bus und Bahn bewegen. Ein erster Versuch verlief erfolgreich.

Eine Tram in Potsdam (Archivbild)

Eine Tram in Potsdam (Archivbild)

Foto: dpa Picture-Alliance / Ralf Hirschberger / picture alliance / Ralf Hirschbe

Potsdam.  Die Brandenburger Landeshauptstadt wächst jedes Jahr um bis zu 4000 Bewohner, die Tourismuszahlen steigen – aber damit nehmen auch der Verkehr und die Umweltbelastung der Anwohner zu. Um die Schadstoffbelastung zu senken, plant die Stadtverwaltung eine Reihe von Verkehrsumbauten, die eine Entlastung schaffen sollen – um Fahrverbote, wie sie das Bundesverwaltungsgericht jetzt ermöglichte, zu vermeiden.

Dazu soll zunächst der Modellversuch zur Verkehrsvermeidung in der viel befahrenen Zeppelinstraße dauerhaft bestehen bleiben. Das kündigte der Potsdamer Chef der Verkehrsabteilung, Bernd Rubelt, am Dienstag an. „Der Versuch hat gezeigt, dass die Reduzierung der Fahrspuren erfolgreich war“, sagte Rubelt. Zusammen mit Verkehrsexperten der TU Dresden präsentierte er am Dienstag die Auswertung des halbjährigen Modellversuchs.

Umbau der Zeppelinstraße ist umstritten

Demnach konnten sowohl das Verkehrsaufkommen als auch die Schadstoffbelastung deutlich gesenkt werden. Durchschnittlich 2500 bis 3500 Autos weniger sind auf der wichtigen Durchgangsstraße durch die Potsdamer Innenstadt bis nach Werder unterwegs, ergaben die flächendeckenden Verkehrszählungen. „Wir empfehlen die Beibehaltung“, bilanzierte der Potsdamer Chef der Verkehrsabteilung, Bernd Rubelt, am Dienstag. Die Potsdamer Stadtverordneten hatten den Versuch beschlossen und müssen jetzt auch über die dauerhafte Einrichtung abstimmen.

Der Umbau der Zeppelinstraße ist umstritten. Die Straße ist die einzige direkte Verbindung nach Werder. Viele Pendler und Wirtschaftsfahrzeuge nutzen sie. In einem ersten Schritt verengte die Verwaltung die Straße auf eine Fahrspur, ohne allerdings die angekündigte Busspur einzurichten. So standen die Busse des öffentlichen Nahverkehrs ebenso im Stau wie die Privat- und Wirtschaftsfahrzeuge. Einen nennenswerten Anstieg der Nutzerzahlen konnten die Verkehrsexperten der Technischen Universität (TU) Dresden deshalb auch nicht feststellen.

Busspur soll nun 2019 fertiggestellt werden

Vor allem der ADAC kritisierte darin eine gründliche Fehlplanung der Stadt. Die Busspur soll nun 2019 fertiggestellt werden, kündigte Rubelt an. Derzeit laufen die Planungsarbeiten. Auch durch die neue Radspur auf der Fahrbahn hat sich nach den Erkenntnissen der Verkehrsplaner die Zahl der Nutzer bislang nicht erhöht. „Aber die Konfliktsituation zwischen Autofahrern, Radfahrern und Fußgängern hat sich entspannt“, sagte der Projektleiter der TU Dresden, Tobias Schönefeld.

Die angrenzenden Gemeinden werfen Potsdam zudem vor, ohne Absprache gehandelt zu haben. Verkehrschef Rubelt kündigte am Dienstag nun an, weitere Schritte mit den Nachbarn besprechen zu wollen. „Die Region muss mitentscheiden“, sagte Rubelt. So sollen vor allem neue Park-and-ride-Plätze in der Umgebung entstehen, um den Menschen aus der Region den Umstieg vom Auto zum öffentlichen Nahverkehr zu erleichtern.

Die Auswertung des Modellversuchs hat auch gezeigt, dass Pendler bislang eher verhalten auf die Umbauten in dem Nadelöhr reagiert haben. Die meisten Park-and-ride-Nutzer registrierten die Verkehrsexperten zur Mittagszeit – dabei handelt es sich demnach vor allem um Besucher aus dem Umland, da Pendler am Morgen und am Nachmittag unterwegs sind.

Nirgendwo sonst ist die Belastung mit Stickoxiden so hoch

Die Belastung der Zeppelinstraße beschäftigt die Potsdamer schon lange. Nirgendwo ist die Belastung der Anwohner mit Stickoxiden so groß wie hier, deswegen wird die Straße auch als „dreckigste Straße Brandenburgs“ bezeichnet. Sollte es nicht gelingen, die Werte dauerhaft zu senken, müsste die Stadt Strafzahlungen an das Land leisten.

Insgesamt droht Potsdam der Verkehrsinfarkt. Fast alle Zufahrtsstraßen sind während des Berufsverkehrs überfüllt. Neben der Zeppelinstraße betrifft das vor allem die Nedlitzer Straße im Norden, die Nuthestraße und die Heinrich-Mann-Allee im Südosten und die Großbeerenstraße in Babelsberg. Gerade in der Großbeerenstraße muss die Situation dringend verbessert. Bislang haben alle Versuche – wie die Einführung von Tempo 30 – keine Entlastung gebracht. Hier stehen nach Angaben Rubelts die nächsten Schritte an.

Mehr Umweltschutz zulasten des Autoverkehrs

Potsdams Verkehrskonzept für die Innenstadt sieht vor, umwelt- und stadtverträgliche Verkehrsformen zulasten des Autoverkehrs zu stärken. Schon jetzt herrscht in weiten Teilen der Stadt Parkraumbewirtschaftung, bestehen Einschränkungen für den Privatverkehr, und der öffentliche Nahverkehr soll ausgebaut werden. So gibt es Planungen, das Straßenbahnnetz um 17 Kilometer zu erweitern und die existierenden Linien bis nach Golm im Westen, Drewitz im Osten und in den neu entstehenden Stadtteil Krampnitz im Norden der Stadt zu erweitern. „Wenn wir den Umweltverbund stärken, werden mehr Menschen vom Auto umsteigen“, sagte Rubelt.

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