Stadtgeschichte

So schön war der Alte Markt in Potsdam

Potsdam hatte lange einen der schönsten Barockplätze Deutschlands. Jetzt wird seine Geschichte erzählt, von Tobias Rüloff.

Die St. Nikolaikirche am Alten Markt wurde zwischen 1830 und 1837 erbaut. Im Krieg wurde die Kirche sehr zerstört

Die St. Nikolaikirche am Alten Markt wurde zwischen 1830 und 1837 erbaut. Im Krieg wurde die Kirche sehr zerstört

Foto: Reto Klar

Potsdam.  Nachdenklich steht Tobias Büloff vor dem heruntergekommenen Bau der Fachhochschule Potsdam auf dem Alten Markt und spricht von zwei Seelen in seiner Brust. Er sei ein großer Fan des Gebäudes, sagt der Historiker. Es sei bedauerlich, dass dieses Zeugnis der DDR-Moderne abgerissen werde. „Aber es steht einfach an der falschen Stelle.“ Und gleichzeitig freue er sich auf die Neubauten in historischer Optik, die dort entstehen werden.

Bevor die Vorbereitungsarbeiten für den demnächst anstehenden Abriss begannen, ist Büloff mit der Kamera durch die Gänge der Hochschule gestreift. Der 43-Jährige ist sich sicher: „Diese Fotos werden Seltenheitswert haben.“ Denn solange ein Gebäude genutzt werde, komme kaum jemand auf die Idee, die Räume zu fotografieren. Das hat er auch bei der Arbeit an seinem Buch „Der Alte Markt von Potsdam“ festgestellt, das gerade erschienen ist.

Ein Buch, das den Alltag der Bewohner erzählen will

Zwar informiert sein Buch auch über die Baugeschichte des Alten Marktes, der bis zu seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg als einer der schönsten barocken Plätze Deutschlands galt, doch den weitaus umfänglicheren Teil widmet er den Bewohnern der Gebäude. „Ich bin kein Architekturhistoriker“, unterstreicht Büloff, „mir ging es um ein Stück Sozialgeschichte.“ Deswegen hätten ihn auch Bilder von Hoffotografen wenig interessiert, die es zuhauf gebe.

Für sein Buch hat sich Büloff, ein gebürtiger Halberstädter, im Stadtarchiv durch die Bauakten aller 22 privaten Grundstücke rund um den Alten Markt gewühlt, in denen bauliche Veränderungen dokumentiert sind, „alles noch in Sütterlinschrift“. Noch viel ergiebiger seien die Grundakten gewesen. „Da werden Eigentümerstrukturen deutlich, wer was vererbt oder veräußert hat“, erzählt Büloff. „Meist waren es Frauen, die die Häuser verkauften – weil die älter wurden als die Männer.“ Auch im Melderegister stöberte Büloff, „das in früheren Zeiten Seelenliste hieß“. Darin fand er unter anderem die Bestätigung, dass in dem Gebäude an der Humboldtstraße 1 einmal um die 100 Menschen gelebt haben.

Die Dampfschokolade kam auch von hier

Auf diese Zahl war Büloff in den Lebenserinnerungen des Fotochemikers Adolf Miethe gestoßen, der 1860 dort geboren worden war. „Dessen Vater betrieb in dem Gebäude eine Schokoladenfabrik, in der er 1830 die erste Dampfmaschine für die Produktion von Schokolade aufstellte“, berichtet Büloff. Die „Dampfschokolade“ des umtriebigen Fabrikanten Johann Friedrich Miethe sei damals zu einem Gütesiegel geworden.

„Auf dem Grundstück befand sich im 17. Jahrhundert übrigens ein Schiffbauhof, zu Beginn des 18. Jahrhunderts dann der königliche Bauhof“, weiß Büloff. Und später das „Palasthotel“, das bis 1945 an der Langen Brücke das En­tree in die Humboldtstraße bestimmte – dort, wo es sich die Potsdamer heute in der „L’Osteria“ schmecken lassen. „Am 14. April 1945 ging das Palasthotel in Flammen auf, beim letzten großen Bombenangriff auf Potsdam“, berichtet Büloff. Seit den 1930er-Jahren hätten Gäste dort einen Komfort gehabt, den man sonst nur aus den großen Berliner Häusern gekannt habe. „Mit einem Bad ,en suite‘, das über ein Wasserklosett und eine Badewanne verfügte.“

Ebenfalls in den letzten Kriegstagen völlig zerstört: das schmucke Haus mit der Adresse Alter Markt 17. „Doch die Erinnerungen an das Leben in dem Haus vor 1945 sind erhalten geblieben“, freut sich Büloff. Auf der Suche nach Fotos von den Häusern rund um den Alten Markt schrieb er die Nachfahren ehemaliger Bewohner an. So lernte er die bis heute in Potsdam lebende Hanne-Lore Wildt kennen, die einst in der Nr. 17 wohnte. „Sie ist über 90, aber topfit“, sagt Büloff. Sie habe ihm „unglaublich viel erzählen können“, daraus sei eine gute Freundschaft entstanden. „Diese Frau ist meine Verbindung in die Vergangenheit.“

Bei den Gesprächen mit ihr sei er sich oft wie ein „Erbschleicher“ vorgekommen: „Ich kannte die Familie doch genau aus den Akten, und dann lernte ich sie wahrhaftig kennen.“ Wenn Hanne-Lore Wildt ihm erzählt habe, dass sie als Jugendliche die Wäsche zur Bleiche bringen musste, habe er durch sein Aktenstudium gewusst, wo exakt sich die Wäscherei befunden habe.

Tobias Büloff: „Der Alte Markt von Potsdam“, Verlag für Berlin-Brandenburg, 25 Euro. Am 8. März um 18 Uhr spricht Büloff in der Urania „Wilhelm Foerster“ Potsdam (Gutenbergstraße 71–72) über den Alten Markt. Eintritt 6 Euro, weitere Infos unter www.urania-potsdam.de

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