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Brandenburg – Magnet für Filmemacher

Pro Jahr entstehen rund 40 Filme in fast allen Regionen der Mark. Jetzt soll der Wirtschaftszweig touristisch vermarktet werden.

„Hot Dog“ entstand auch in Potsdam-Mittelmark sowie in Teltow-Fläming

„Hot Dog“ entstand auch in Potsdam-Mittelmark sowie in Teltow-Fläming

Foto: warner bros

Berlin/Potsdam/Nauen.  Harald Juhnke kam 1995 für den Dreh von „Der Trinker“ nach Nauen. In der Goethe­straße entstanden Szenen für den Defa-Film „Jakob der Lügner“. Für den Ost-Kultstreifen „Solo Sunny“ wurden dort schon die Kameras aufgebaut. Auch Quentin Tarantino filmte Teile seines Hollywood-Streifens „Inglourious Basterds“ in der Stadt im Havelland. Seit 1935 wurden in Nauen über 30 Filme gedreht. Kein Einzelbeispiel. Brandenburg hat sich laut Medienboard-Geschäftsführerin Kirsten Niehuus zu einem Magneten für Filmemacher entwickelt. Pro Jahr werden rund 40 Filme in fast allen Regionen der Mark gedreht. Für das DDR-Drama „Das schweigende Klassenzimmer“, das gerade seine Weltpremiere auf der Berlinale feierte, drehte Regisseur Lars Kraume in Eisenhüttenstadt. Bald zieht es die Dramedy „Milk & Honey“ zum Drehen nach Beelitz.

„Unsere Bilder gehen um die Welt“, betont Niehuus. Die Filmwirtschaft profitiert davon längst. Die 1800 Filmunternehmen in Berlin und Brandenburg erzielten 2016 einen Jahresumsatz von 900 Millionen Euro, 47 Film- und Serienproduktionen wurden gefördert. Der Tourismus bekam davon bislang jedoch kaum etwas ab. Was Hendrik Fischer (SPD), Staatssekretär im Brandenburger Wirtschaftsministerium, ärgert: „An Material mangelt es nicht. Es fehlt an Sichtbarkeit.“ Millionen Zuschauer wüssten nicht, dass Matthias Schweighöfer in den Landkreisen Barnim und Spree-Neiße und im Havelland Filme gedreht hat, der mit über 20 internationalen Preisen ausgezeichnete Film „Das weiße Band“ komplett in der Prignitz, die Serien „Weißensee“ und „Deutschland 86“ in drei Brandenburger Landkreisen und Potsdam aufgenommen wurden, Til Schweiger für mehrere Filme geeignete Drehorte im Havelland fand. Angebote für diverse Zielgruppen müssten her, um das Filmland Brandenburg erlebbar zu machen, sagte Fischer.

Vermarktungskonzept soll Agentur „3 Rosen“ erstellen

Mit einem filmtouristischen Vermarktungskonzept haben Wirtschaftsministerium, die Filmfördergesellschaft Medienboard und die TMB Tourismus-Marketing Brandenburg die „3 Rosen Agentur für Film & Entertainment Marketing GmbH“ beauftragt. „Ohne die Mitarbeit von Landkreisen und Gemeinden wird dessen Umsetzung allerdings nicht gelingen“, appellierte Fischer am Freitag bei einem Werkstattgespräch in der brandenburgischen Landesvertretung in Berlin an 60 Vertreter aus Tourismusbranche, Landkreisen und Kommunen. 3-Rosen-Chef Jürgen Fabritius, der in Hamburg ein eigenes Kino führt und an der Filmuniversität in Babelsberg als Professor unterrichtet, fehlt es nicht an Vorschlägen. Deren Umsetzung sei nur abhängig vom Personaleinsatz, von der Größe des Geldbeutels für moderne Technik und Foto- und Filmlizenzen sowie technischen Voraussetzungen wie einem guten Netzempfang, um Angebote der Virtual oder Augmented Reality zu ermöglichen.

„Brandenburg fängt nicht bei null an“, hat Fabritius bei seiner Analyse festgestellt. Er hebt die Website der TMB hervor, auf der Filmorte bereits mit touristischen Informationen unterlegt sind. Er verweist auf Führungen in Lübbenau zum ZDF-Spreewaldkrimi, auf Film-Touren durch Filmpark und Studio Babelsberg oder zu den einstigen Wohnungen der Stars in der Villenkolonie Neu-Babelsberg. Und er denkt dabei auch an die Filmfestivals in Cottbus und Potsdam, Bad Saarow und Eberswalde sowie die Ökofilmtour Brandenburg.

Am deutsch-amerikanischen Mystery-Thriller „A Cure for Wellness“, der in Beelitz-Heilstätten gedreht wurde, spielt Fabritius Möglichkeiten durch. „Touristen könnten durch die Location geführt werden, Drehorte mit Szenografen inszeniert, Fotoshootings für Besucher organisiert, Statisten im Look des Films in der Szenerie drapiert, der Film vor Ort gezeigt werden.“ Vor allem müssten Partner fürs Projekt gewonnen werden – vom Tourismusverband Fläming über die Stadt Beelitz, DB Regio, Busunternehmen, Restaurants, Hotels, Eventorganisationen, Sponsoren. Mit Baumkronenpfad und Barfußpark könnten zusätzliche Attraktionen beworben werden, ergänzt um Dinner an Original-Drehplätzen oder digitale Stadtführungen. Gedankenspiele, bei denen die Orte von Anfang an eingebunden sein sollten, sind sich sämtliche Akteure einig. „Wenn wir rechtzeitig wissen, dass in Potsdam ein Film gedreht wird, können wir Fotografen beauftragen, die vom Drehprozess Fotos machen, um sie später zu zeigen, uns rechtzeitig Marketingstrategien überlegen“, fordert Raimund Jennert, Chef der Potsdam Marketing & Service GmbH, eine frühzeitige Kommunikation mit dem Medienboard ein. Ellen Langer vom 2016 gegründeten Virtual Reality Verein Berlin-Brandenburg in Potsdam denkt auch an die Filmschaffenden selbst, regt Komplettpakete für Filmemacher an. „Die Kosten für Catering und Übernachtung sind bei Filmproduktionen enorm.“ Christine Raab, Leiterin der Berlin Brandenburg Film Commission (BBFC) setzt nach, will Locationscouts in einen Kleinbus setzen und ihnen gemeinsam mit einem Tourismusexperten besondere Regionen zeigen – um die Bandbreite der Mark zu unterstreichen.