Heilstätten

Beelitz will den Grusel beenden und Wohnungen bauen

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Anna Kristina Bückmann
Nach dem Abzug der russischen Truppen 1994 verfielen die Heilstätten. Heute befindet sich dort ein Baumwipfelpfad, ein Investor plant 750 Wohnungen

Nach dem Abzug der russischen Truppen 1994 verfielen die Heilstätten. Heute befindet sich dort ein Baumwipfelpfad, ein Investor plant 750 Wohnungen

Foto: dpa Picture-Alliance / Oliver Mehlis / picture alliance / ZB

Die einstigen Heilstätten Beelitz sind Kulissen wie für einen Horrorfilm. Die Stadt will dort lieber Hunderte Wohnungen bauen.

Beelitz.  Dem Bürgermeister von Beelitz (Potsdam-Mittelmark), Bernhard Knuth, schwant nichts Gutes. Die Zeiten, in denen ganze Gruppen heimlich durch die Ruinen der Beelitzer Heilstätten schlichen und den morbiden Charme der verfallenden Klinik genossen, wähnte er vorbei. Doch derzeit verabreden sich wieder zahlreiche Horrorfans zu gemeinsamen Touren durch die Ruinen. Den Grund dafür bietet ein neuer Spielfilm, der demnächst in die Kinos kommt und den Titel „Heilstätten“ trägt. Zwar wurde er nicht in Beelitz gedreht, aber der Verweis auf das historische Gelände ist klar. Als die Macher des neuen Horrorfilms Beelitz als Drehort anfragten, wurde das von den Betreibern des neu entstandenen Baumkronenpfads abgelehnt. Man wolle dem Denkmal keinen „Grusel-Stempel“ aufdrücken, hieß es.

Beelitz würde gern auf diese Art von Tourismus verzichten, denn inzwischen ist auf dem Gelände der ehemaligen Lungenheilanstalt viel geschehen. Der Baumkronenpfad hat im vergangenen Jahr eröffnet, auf dem Areal daneben soll in den kommenden Jahren ein neues Wohngebiet entstehen. Ein Investor will 750 Wohneinheiten auf dem Gelände der Anfang des 20. Jahrhunderts erbauten Heilanstalt bis 2028 bauen. Dazu eine Schule, eine Kita und ein Supermarkt. „In den großen Städten kann es sich doch kaum mehr einer leisten zu wohnen“, sagt Thomas Lähns, Sprecher der Stadt Beelitz. Auch ein Seniorenheim sei in dem neuen Wohnquartier im Kiefernwald geplant. Mit den Arbeiten soll noch in diesem Jahr begonnen werden.

Für Arbeitsplätze will der Landkreis sorgen. Vorgesehen ist ein neuer Verwaltungssitz mit 550 Mitarbeitern. Daneben sollen weitere 900 Jobs auf rund 17.500 Quadratmeter Gewerbefläche entstehen – unter anderem im Männersanatorium und dem zentralen Badehaus der ehemaligen Heilanstalt.

Das Areal ist gut angebunden. „Bald soll der Regionalexpress im Halbstundentakt fahren“, berichtet Lähns. Die Linie RE7 verbindet Beelitz-Heilstätten mit Dessau und Berlin.

Ein Ausflug nach Beelitz-Heilstätten im Südwesten Brandenburgs gleicht einer Reise mit der Zeitmaschine: zurück zu den Anfängen des 20. Jahrhunderts. Erbaut wurde die Anstalt für an Tuberkulose erkrankte Berliner Arbeiter. Die damals als Schwindsucht bekannte bakterielle Infektionskrankheit breitete sich rasend schnell aus.

Frischluft-Liegekuren für lungenkranke Arbeiter

Mediziner entdeckten allerdings, dass frische Luft und geistige Erholung den Patienten neben der Behandlung mit Medikamenten guttaten. Eine „Frischluft-Liegekur“ versprach, die tödliche Krankheit zu heilen. Da sich aber nur wenige Kuren in teuren Sanatorien leisten konnten, mussten Alternativen her. Beschlossen wurde der Bau einer Arbeiter-Heilanstalt in den Beelitzer Wäldern. Die Pläne für das 200 Hektar große Areal mit rund 65 Gebäuden entwickelten Ärzte und Schwestern selbst mit. Die Architekten Heino Schmieden und Julius Boethke brachten Laufwege und Operationssäle in architektonische Gestalt.

Englischer Landhausstil, Fachwerkgiebel und Erker sollten Patienten das für die Heilung notwendige Wohlbefinden geben. Hoffnungsvolles Grün und lebendiges Orange – auch bei den Farben wurde an das Wohl der Patienten gedacht. Die großen Badesäle erinnern mit ihren runden Decken an ein türkisches Dampfbad.

1930 war der Bau abgeschlossen. 1200 Betten standen für Patienten bereit. Zu den prominentesten unter ihnen zählten der im Krieg verletzte Adolf Hitler und der an Leberkrebs erkrankte Erich Honecker.

Wo Patienten früher Frischluft tankten, gibt es heute Picknickflächen. Krankenhausbetten wurden gegen Bänke und Tische ausgetauscht. Nördlich der ehemaligen Heilanstalt beginnt der 320 Meter lange Baumkronenpfad. „Eigentlich wollten wir nur ein Stück Wald kaufen“, erzählt Beate Hoffmann. Seit 2015 betreibt sie den Weg gemeinsam mit ihrem Mann Georg. Bei gutem Wetter können Besucher den Berliner Funkturm erblicken oder am Abend den Sonnenuntergang über den Baumwipfeln betrachten.

Bis 1994 war die Anlage ein Militärkrankenhaus

„Für die Beelitzer war die ehemalige Lungenheilanstalt lange Zeit ein Ufo“, sagt Hoffmann. Nachdem die Anstalt im Zweiten Weltkrieg als Kriegslazarett verwundeten Soldaten diente, wurde sie bis 1994 als Militärkrankenhaus von der Roten Armee genutzt. Nach deren Abzug hätten sich viele Bewohner gefragt, ob das Areal überhaupt zur Stadt gehöre, erinnert sich Hoffmann.

Bereits vor einigen Jahren suchten Grusel-Touristen und Plünderer das Areal heim. Zerbrochene Fenster, abgesägte Treppengeländer, Graffiti an den Wänden – in den Beelitzer Heilstätten sind die Spuren des Vandalismus unübersehbar. Warnschilder und Wachschutz sollen nun dafür sorgen, dass der Ort seine barocke Eleganz bewahren kann. Grusel-Touristen, die den Ort dennoch aufsuchen, müssen mit Anzeigen rechnen, kündigte die Stadt an.

Die Stadt setzt stattdessen auf eigene Kulturveranstaltungen. Bürgermeister Bernhard Knuth hat vor fünf Jahren die Beelitzer Festspiele gegründet, die Altstadt aufwendig sanieren lassen und einen Kunst- und Handwerkermarkt etabliert. Hauptattraktion bleibt das Spargelfest mit jährlich bis zu 45.000 Besuchern. Zudem richtet die Stadt im Jahr 2022 die Landesgartenschau aus.

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