Brandenburg

Wie ein Möbelhändler Flüchtlinge integriert

Im Logistikzentrum des Onlinehändlers Home24 in Ludwigsfelde sind 115 von 180 Mitarbeitern Flüchtlinge.

Thierry kommt aus Kamerun und arbeitet seit zwei Jahren bei Home24

Thierry kommt aus Kamerun und arbeitet seit zwei Jahren bei Home24

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Frank Fritzsche steht in einem der endlosen Flure seines Lagers und ist zufrieden. "Wenn mir vor drei Jahren jemand gesagt hätte, ich arbeite einmal mit 115 Flüchtlingen und es klappt wunderbar, dann hätte ich das nicht geglaubt", sagt der Betriebsleiter. Fritzsche leitet das Logistikzentrum des Online-Möbelhändlers Home24 in Ludwigsfelde südlich von Berlin. Insgesamt 180 Mitarbeiter sind hier beschäftigt, inzwischen sind mehr als die Hälfte Flüchtlinge. "Allein im vergangenen Jahr haben wir 70 eingestellt, ich könnte sofort 40 weitere einstellen", sagt der 35-Jährige.

Der Grund dafür ist einfach. Mit dem Boom des Onlinehandels wächst auch die Logistikbranche rund um Berlin rasant. Alle Unternehmen suchen händeringend Mitarbeiter. "Aber es gibt sie einfach nicht", sagt Fritzsche. Das änderte sich, als er die ersten Flüchtlinge aus dem benachbarten Flüchtlingsheim Birkengrund einstellte. "Das war ein Zufall", sagt der Betriebsleiter. Eigentlich hatte er sich vor drei Jahren im Heim erkundigt, ob die Bewohner etwas gebrauchen können, was das Unternehmen spenden könnte. Daraus entstand die Idee, geeignete Flüchtlinge als Lagerarbeiter einzustellen.

"Wir haben das Schritt für Schritt aufgebaut und gelernt", sagt Fritzsche. Denn der bürokratische Aufwand ist gewaltig. Die Ausländerbehörde und das Jobcenter müssen die Arbeitsgenehmigung prüfen und erteilen. Da viele Flüchtlinge nur eine befristete Arbeitsgenehmigung haben, müssen die Behördengänge alle zwei oder drei Monate wiederholt werden. Inzwischen arbeiten Asylbewerber aus zwölf Nationen im Lager, sie kommen aus Berlin, Brandenburg und sogar Sachsen täglich angereist.

Thierry arbeitet seit zwei Jahren im Logistikzentrum

Thierry ist einer von ihnen. Der 30-jährige Kameruner ist seit vier Jahren in Deutschland, seit zwei Jahren arbeitet er bei Home24. "Ich habe lange nach einer Arbeit gesucht, aber viele Leute haben gesagt, ich hätte keine Chance", sagt Thierry. Bei Home24 hat es dann geklappt. "Ich musste zwei Tage zur Probe arbeiten, dann habe ich den Vertrag bekommen." Inzwischen fährt er mit dem Gabelstapler durch die Hallen oder erledigt Büroarbeiten. "Thierry ist vorbildlich", sagt sein Chef Fritzsche. Er habe innerhalb von zwei Monaten Deutsch gelernt, mittlerweile ist er Mentor für diejenigen, die neu anfangen. Eine fast perfekte Integrationsgeschichte – wäre da nicht das Wohnungsproblem. Auf dem angespannten Wohnungsmarkt in Berlin und im Speckgürtel haben es Flüchtlinge besonders schwer. Thierry wohnt noch im Heim, trotz eines erfolgreich durchlaufenen Asylverfahrens und seines unbefristeten Arbeitsvertrages.

Die Aufstiegsgeschichte ist Teil der Unternehmensphilosophie. "Alle, die hier arbeiten, ob Abteilungs- oder Teamleiter, haben als Lagerarbeiter angefangen", sagt Fritzsche, der selbst in einem Lager angefangen hat, bevor er Speditionskaufmann lernte und nebenher studierte. Seit sechseinhalb Jahren arbeitet er bei Home24 und hat das Logistikzentrum in Ludwigsfelde mitaufgebaut.

Online-Möbelhändler setzte zuletzt 230 Millionen Euro um

Home24 ist ein rasant wachsendes Berliner Unternehmen. 2009 gegründet, ist es seitdem stetig gewachsen. Zuletzt setzte der Online-Möbelhändler 230 Millionen Euro um. Weltweit beschäftigt das Unternehmen mehr als 1000 Mitarbeiter. Insgesamt bietet Home24 180.000 Artikel im Internet an, die mittlerweile europaweit ausgeliefert werden. "Die Infrastruktur in gleicher Geschwindigkeit nachzuziehen, ist mit einem hohen Aufwand verbunden", sagt Vorstand Christoph Cordes. Nach einem Jahr der Konsolidierung strebt das Unternehmen in diesem Jahr wieder ein weiteres Wachstum an. Betriebsleiter Fritzsche erwartet allein in den kommenden Wochen einen Anstieg der Aufträge um 30 Prozent. Aktuell werden in Ludwigsfelde täglich 4000 Möbelstücke verpackt und versandt.

Dabei setzt das Unternehmen weiter auch auf Flüchtlinge. "Ich kenne kein anderes Unternehmen, das das so macht wie wir, dabei ist das für alle Seiten ein Gewinn", sagt Cordes. "Für uns, die Flüchtlinge und die Gesellschaft durch die Integration sowieso." Auch die Zusammenarbeit mit den Berliner und Brandenburger Behörden sei vorbildlich. "Wir würden das gern an allen unseren Standorten so machen, da klappt es aber nicht so gut wie in Ludwigsfelde", sagt Cordes.

Fast täglich melden sich neue Flüchtlinge

Selbst um neue Mitarbeiter werben muss das Lager in Ludwigsfelde nicht mehr. Die Gelegenheit, auch ohne anerkannten Schulabschluss eine Arbeit zu bekommen, hat sich herumgesprochen. Fast täglich melden sich neue Flüchtlinge an der Pforte.

"Anfangen kann jeder, der motiviert, lernwillig und fit ist", sagt Betriebsleiter Fritzsche. Mittlerweile gibt es Dolmetscher für alle der zwölf vertretenen Nationen, die die neuen Mitarbeiter einarbeiten und erklären, worauf es ankommt. "Wir bilden auch aus, bezahlen Sprachkurse und unterstützen bei der Wohnungssuche", sagt Fritzsche. Wegen des riesigen Arbeitskräftemangels in der Branche müsse man sich als Unternehmen anders aufstellen. "Wer nur nach billigen Arbeitskräften sucht, hat keine Chance", sagt Home24-Vorstandsmitglied Cordes.

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