Aussichtsplattform

In Angermünde gibt es Streit um den Kirchturm

Das 34 Meter hohe Bauwerk in Angermünde soll eine Aussichtsplattform werden. Dagegen regt sich Widerstand.

Das Streitobjekt: Der neugotische Kirchturm im Angermünder Ortsteil Altkünkendorf

Das Streitobjekt: Der neugotische Kirchturm im Angermünder Ortsteil Altkünkendorf

Foto: Patrick Pleul / dpa

Altkünkendorf.  Die Idee klingt verblüffend einfach und doch originell: Schon 2013 hatte das Stadtparlament in Angermünde (Uckermark) beschlossen, den 34 Meter hohen Kirchturm im Ortsteil Altkünkendorf so auszubauen, dass Besucher gefahrlos hinaufsteigen und aus den Turmfenstern den Blick auf Brandenburgs schönsten Buchenwald Grumsin mitten im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin genießen können.

"Vor sechs Jahren war der Grumsiner Forst von der Unesco zum Weltnaturerbe ernannt worden. Dieser Titel ist nicht nur eine Anerkennung, sondern für uns auch eine Verpflichtung", sagt Angermündes Bürgermeister Frederic Bewer (parteilos). Und die liege darin, diesen wertvollen Naturraum für Menschen erlebbar zu machen. "Das ist ja kein Totalreservat, das keiner betreten darf", sagt er.

Mehr als 180.000 Euro Lottomittel stehen bereit

Gemeinsam mit dem Altkünkendorfer Ortsbeirat seien Ideen entwickelt worden. So gibt es im Dorfgemeinschaftshaus jetzt einen Infopunkt mit jeder Menge Material zum mehr als 560 Hektar großen Grumsiner Forst. Jeweils von Donnerstag bis Sonntag wird diese Besucher-Anlaufstelle von Freiwilligen personell besetzt.

Zwei Altkünkendorfer ließen sich zu Natur- und Wanderführern ausbilden. An der Feuerwehr wurden zusätzliche Parkflächen für Besucher gebaut. Die Idee eines Aussichtsturms wurde zunächst wieder verworfen, weil Neubauten im Biosphärenreservat nur schwer umzusetzen sind, wie der Bürgermeister andeutet.

"Dann kamen wir schließlich auf den Kirchturm. Voraussetzung war aber, dass wir dafür vom Land Brandenburg finanziell unterstützt werden", sagt er. Die Zusage kam Anfang des Jahres: Mehr als 180.000 Euro Lottomittel stehen bereit. Immerhin ist der Grumsiner Forst das einzige Weltnaturerbe in Brandenburg und damit auch ein Aushängeschild für das Land.

Seit der Finanz-Zusage aber ist der Dorffrieden dahin. Einige Altkünkendorfer fürchten um ihre Privatsphäre, wenn ihnen Turmbesteiger von oben in den Garten schauen können. Der Ort würde zugeparkt von vielen Touristen, mit der Idylle sei es dann vorbei, heißt es weiter. "Wegen der Ruhe sind wir doch vor zwei Jahren aufs Land gezogen", sagt Thomas Hinz, einer der Kritiker. Jetzt aber werde der 172-Einwohner-Ort zu einer "Touristen-Hochburg" gemacht.

Mit Touristen hat der gebürtige Angermünder ohnehin schon seine schlechten Erfahrungen gemacht. "Im Infopunkt gibt es die einzige öffentliche Toilette im Dorf. Ist der geschlossen, sehe ich die blanken Hintern der Leute hinten in den Büschen", sagt er und deutet auf das Ende seines Grundstücks.

Die Befürchtungen, von Besuchern überrannt zu werden, seien völlig aus der Luft gegriffen, entgegnet Silvia Freier, die an diesem Tag den Infopunkt betreut. "Wenn hier 40 Leute in der Woche vorbeischauen, ist das schon viel. Das wird sich auch mit dem ausgebauten Turm nicht groß ändern", glaubt sie. Das sieht auch Hans-Ulrich Pöschel so, der in Altkünkendorf geboren wurde. "Wir können den Ort doch nicht zusperren. Im Gegenteil: Viele von uns freuen sich, wenn etwas Leben ins Dorf kommt."

Eine emotionsgeladene Einwohnerversammlung hatte es im Sommer gegeben, inklusive persönlicher Beleidigungen und der Konsequenz, dass sich Gegner im Dorf inzwischen nicht einmal mehr grüßen – die Fronten blieben verhärtet. Am 3. November soll es auf Initiative Bewers einen zweiten Versuch geben – immerhin moderiert vom mobilen Beratungsteam Brandenburg, das den Dorffrieden wiederherstellen soll.

Noch in diesem Jahr sollen die Umbauarbeiten beginnen

Der Angermünder Bürgermeister, der selbst in Altkünkendorf lebt, lässt sich nicht beirren. Die Bauvorbereitungen sind abgeschlossen. Noch in diesem Jahr sollen die Umbauarbeiten beginnen. "Es ist ja nicht so, dass wir den neugotischen Turm komplett verändern. Wir setzen auch keine Aussichtsplattform drauf, wie Gerüchte weismachen wollen", sagt er.

Vielmehr werde der enge, verwinkelte Treppenaufgang modernisiert. Einige morsche Holzbalken müssen ausgetauscht werden. Und die Turmfenster werden etwas vergrößert, um das Buchenwald-Panorama richtig sehen zu können. Mehr als zehn Besucher auf einmal dürfen aus Sicherheitsgründen nicht auf den Turm. "Also Massentourismus funktioniert da schon mal gar nicht", winkt er ab.

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