Gründerzentrum

Potsdam lockt Berliner IT-Gründer

Das ehemalige Ausbesserungswerk der Bahn am Hauptbahnhof soll zum Innovationszentrum für junge Unternehmer werden.

Das ehemalige RAW-Gelände in Potsdam soll zu einem Treffpunkt für IT-Gründer werden und Start-ups in die Brandenburger Landeshauptstadt locken

Das ehemalige RAW-Gelände in Potsdam soll zu einem Treffpunkt für IT-Gründer werden und Start-ups in die Brandenburger Landeshauptstadt locken

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Potsdam/Berlin.  Wer mit der Bahn aus Berlin nach Potsdam fährt, wird kurz vor dem Hauptbahnhof von einem hässlichen Gebäude begrüßt. Seit Jahren steht das ehemalige RAW-Gelände der Reichsbahn leer und verfällt. Die Fenster sind eingeschlagen, Büsche und Bäume wuchern, die denkmalgeschützte Fassade aus rotem Backstein ist mit großflächigen Graffiti beschmiert. Mehrere Brände haben dem Gebäude zusätzlich zugesetzt. Alle Versuche, das historisch bedeutsame, insgesamt 1,1 Hektar große Gelände zu restaurieren, zu renovieren und einer neuen Nutzung zuzuführen, scheiterten bislang.

Das soll sich jetzt ändern. Mal wieder. Potsdam will junge IT-Unternehmer aus Berlin in die Stadt locken. "Berlin ist der Hotspot für IT-Gründer", sagt Potsdams Leiter der Wirtschaftsförderung, Stefan Frerichs. "Das wollen wir nutzen." Der morbide Charme des ehemaligen Ausbesserungswerks der Bahn soll zu einem Anlaufpunkt für hippe Jungunternehmer werden. "Ziel ist es, einen Innovationshotspot zu errichten", sagt Frerichs. Es soll ein Gründerzentrum für IT-Unternehmer mit Büros, Lounges, Beratungs- und Fördereinrichtungen entstehen. "Die Lage direkt am Hauptbahnhof ist dafür ideal", sagt Frerichs. "Von Berlin-Mitte aus dauert es nach Potsdam auch nicht länger als nach Treptow-Köpenick." Dazu passt, dass in Berlin Gewerbeflächen knapp sind. Wegen des großen Bedarfs sollen vor allem neue Wohnungen auf den Brachflächen der Stadt entstehen.

Erster Interessent war abgesprungen

Ein erster Interessent für die Idee des Innovationszentrums war allerdings Ende vergangenen Jahres abgesprungen. Er hatte sich wohl doch nicht als so solvent herausgestellt wie ursprünglich gedacht. Jetzt sei man zusammen mit Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD) und der Stadt in Erfolg versprechenden Verhandlungen. "Wir sind in Gesprächen", sagt Frerich knapp. "Unterschrieben hat aber noch niemand."

Vorbild für das ehrgeizige Vorhaben sind zwei derartige Zentren in Paris und Malmö. Anfang dieses Jahres eröffnete in der französischen Hauptstadt die "Station F", in der aufstrebende Jungunternehmer alles unter einem Dach finden, was sie brauchen: Büros, Co-Working-Plätze, Computer – und vor allem viel Platz, um ihre Ideen zu verwirklichen. Mit 34.000 Quadratmetern ist Station F derzeit der größte Start-up-Campus weltweit. Weil die 3000 Arbeitsplätze und 60 Konferenzräume gut ausgelastet sind, wird die ehemalige Eisenbahnhalle schon im kommenden Jahr erweitert. In Malmö existiert mit der "Mediaevolutioncity" ebenfalls ein Gründerzentrum, das den Firmengründern ein Rund-um-sorglos-Paket anbietet.

Älteste Eisenbahnwerkstätte Deutschlands

Auf eine ähnliche Entwicklung für das RAW-Gelände hofft nun Potsdam. Das Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) Potsdam wurde 1838 in Betrieb genommen und galt bis zur Schließung 1999 als älteste Eisenbahnwerkstätte Deutschlands. Seit dem Jahr 2002 liegt das Gelände brach. 2007 kaufte eine Unternehmensgruppe das Gebäude.

Der gegenwärtige Besitzer des Grundstücks sei wohl verkaufsbereit, heißt es. Er wollte ursprünglich Wohnungen und Geschäfte in das RAW-Gebäude bauen. Das scheiterte bislang aber an den Vorgaben der Stadt, die das Gebiet rein gewerblich nutzen lassen will. Die Geschäfte in der Innenstadt sollen nicht durch innenstadtnahe Supermärkte geschwächt werden, heißt es im Einzelhandelskonzept Potsdams.

Wirtschaftsförderer Frerichs ist verhalten optimistisch, dass es diesmal mit einem Investor klappt. "Die Idee eines Innovationszentrums fasziniert viele Leute", sagt Frerichs. "Interessenten, das zu machen, gibt es – und auch interessante Betreibermodelle." Allerdings wird ein Umbau teuer. Das riesige Gebäude ist denkmalgeschützt und stark baufällig. Aber die Pläne für eine denkmalgeschützte Sanierung liegen im Potsdamer Rathaus in der Schublade, versichert Frerichs. "Wir haben den langen Atem."

Im Babelsberger Lok-Zirkus entsteht ein Bürokomplex

Mehr Glück mit der Umnutzung hatte die Stadt mit dem ebenfalls lange stehenden "Lok-Zirkus" in Babelsberg. Im vergangenen Jahr erwarb die Paranet GmbH die alte Halle, in diesem Sommer stellte sie zusammen mit Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) die Pläne vor. Hier sollen auf 5000 Quadratmetern Büros entstehen, die für Zulieferer für die Filmstadt Babelsberg arbeiten. "Ich gehe davon aus, dass dies die Entwicklung des Medienstandortes Potsdam-Babelsberg noch weiter beschleunigen wird", sagte Jakobs bei der Vorstellung. "Der Ausbau der Lokhalle mit seinen sehr umfangreichen Büroangeboten für Firmen der IT- und Medienbranche kommt gerade zur rechten Zeit." Baubeginn ist kommendes Jahr, eröffnet werden soll der Businesspark 2020.

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