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DDR-Zeitzeugen erzählen von ihrer gestohlenen Kindheit

Auf einem neuen Internetportal erzählen Zeitzeugen von ihren Schicksalen in der SBZ und in der DDR.

Öffizielle Freischaltung des Zeitzeugenportals "Erfahrungsberichte über politisches Unrecht und Widerstand von 1945 bis 1989. Ein Beitrag zum historischen Gedächtnis des Landes Brandenburg".

Öffizielle Freischaltung des Zeitzeugenportals "Erfahrungsberichte über politisches Unrecht und Widerstand von 1945 bis 1989. Ein Beitrag zum historischen Gedächtnis des Landes Brandenburg".

Foto: Bernd Blumrich

Oranienburg.  Nicht weit von Berlin entfernt, in Oranienburg, errichteten die Nationalsozialisten ab 1936 ein Konzentrationslager. Nach der Kapitulation im Mai 1945 nutzte die Sowjetische Militäradministration (SMAD) das ehemalige KZ als Speziallager Nr. 7. In diesem sowjetischen Gefangenenlager wurden Sozialdemokraten, NS-Funktionäre der unteren und mittleren Ebene, Angehörige der Wehrmacht, Jugendliche unter „Werwolf-Verdacht“, Gegner der neuen politischen Ordnung und zum Teil völlig willkürlich Verhaftete interniert.

Für Barbara Kirchner ist dieser Ort ein Stück weit ihr Zuhause. Hier kam sie am 19. November 1946 zur Welt. In diesem sowjetischen Speziallager verbrachte sie die ersten drei Jahre ihres Lebens. Kirchner erlebte bereits im Kindesalter die politische Verfolgung und die Willkür in der Sowjetischen Besatzungszone. Wie andere auch: 47 Zeitzeugen berichten in kurzen Videointerviews auf einem neuen Internetportal über ihre Schicksale in der SED-Diktatur.

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„Wir wollten vermitteln, was Diktatur war“

Unter dem Titel „Erfahrungen über politisches Unrecht und Widerstand von 1945 bis 1989“ eröffnete die Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur (LakD) Ulrike Poppe gemeinsam mit Parlamentspräsidentin Britta Stark (SPD) am Mittwoch im Landtag Brandenburg das Zeitzeugenportal. Neben den Videointerviews finden sich hier persönliche Dokumente, Fotoaufnahmen und weitere Unterlagen, die dem Nutzer die Einzelschicksale näherbringen. „Wir wollten vermitteln, was Diktatur war, was ein Leben in Diktatur bedeutet hat“, sagte Poppe. So entstand die Idee zum Internetportal, das die Geschichte anhand konkreter Lebenszeugnisse aufarbeitet. Impulsgeber für die Internetseite waren die Zeitzeugen selbst, die auf die Mitarbeiter des LakD zugekommen waren, so die Aufarbeitungsbeauftragte. „Dieses Portal ist das historische Gedächtnis Brandenburgs, denn alle Teilnehmer stammen aus Brandenburg oder leben heute in Brandenburg“, sagte Poppe.

Kirchner sitzt in einem von Kunstlicht erfüllten Raum des Landtags. Hinter ihr erscheint auf einem großen Bildschirm ein altes Foto. Darauf zu sehen ist ein Plüschtier – eine Katze. Kirchners Blick schweift ab. „Als ich 16 Jahre alt war“, erinnert sich die heute 70-Jährige, „wurde im Geschichtsunterricht über die Konzentrationslager gesprochen. Da sagte ich zu meinem Lehrer: ,Ich bin in Sachsenhausen geboren.‘ Er schaute verwirrt. Am nächsten Tag warf mir ein Klassenkamerad vor, ich würde entweder lügen oder mein Vater sei ein Nazi gewesen.“ Es habe sich keiner vorstellen können, dass auch unschuldige Menschen in die sowjetischen Speziallager, die nach dem Zweiten Weltkrieg offiziell zur Inhaftierung von NS-Funktionsträgern errichtet worden waren, kamen.

„Die Entlassung ist wohl meine erste bewusste Erinnerung“

Heute weiß Kirchner, dass ihr Vater als Journalist für eine amerikanische Nachrichtenagentur in Berlin gearbeitet hatte. Das wurde ihm zum Verhängnis: Das sowjetische Militärtribunal verurteilte ihn zu 20 Jahren Lagerhaft wegen „antisowjetischer Propaganda und Spionage“. Barbaras schwangere Mutter kam ohne Urteil in das Speziallager Sachsenhausen. Erst 1950 kommt sie frei – da ist das Mädchen fast vier Jahre alt. „Die Entlassung ist wohl meine erste bewusste Erinnerung“, erzählt Kirchner und zu der Fotoprojektion hinter ihr. „Diese Plüschkatze war ein Geschenk eines russischen Soldaten.“ Bei der Entlassung sei das Spielzeug von den Wärtern zerschnitten worden. „Wahrscheinlich hatten sie darin irgendwelche geheimen Nachrichten vermutet“, so Kirchner. Bis heute könne sie diese Bilder nicht vergessen.

Die SED-Diktatur habe sie nachhaltig geprägt und auch für die aktuelle politische Weltpolitik sensibilisiert. „Wenn man Menschen sieht, die wieder aus einem diktatorischen System oder vor Krieg flüchten, dann wird die Vergangenheit gegenwärtig.“ Kirchner plädiert dafür, Menschen nicht als Masse, sondern als Individuen zu betrachten. Ein wichtiges Element für das friedliche Zusammenleben sei aber die Sprache, sagte die Sprachwissenschaftlerin Kirchner der Morgenpost. Sie selbst spricht mehrere Fremdsprachen – darunter Türkisch, Russisch und Ungarisch. „Wenn man ins Gespräch kommt, kann man der Entstehung eines Feindbildes entgegenwirken“, sagt Kirchner.

Brandenburgisches Zeitzeugenportal