Rehfelde

Mit Volksliedern Brücken schlagen an der polnischen Grenze

Hunderte von Wanderern besuchen inzwischen den zwölf Kilometer langen deutsch-polnischen Liederweg.

Brigitte und Hans-Günter Hoffmann vor einigen der insgesamt 33 Liedersteine auf dem 12 Kilometer langen deutsch-polnischen Liederweg, die Rehfelde mit Werder und Zinndorf verbinden

Brigitte und Hans-Günter Hoffmann vor einigen der insgesamt 33 Liedersteine auf dem 12 Kilometer langen deutsch-polnischen Liederweg, die Rehfelde mit Werder und Zinndorf verbinden

Foto: Katrin Starke

Rehfelde.  Auf den Schienenersatzverkehr ist Hans-Günter Hoffmann nicht gut zu sprechen. Denn der kostet die Rehfelder. „Nicht Zeit, sondern Geld“, erläutert der 67-Jährige. Vermutlich aus Langeweile hätten am Bahnhof auf den Bus Wartende schon mehrfach die Liedtexttafel der polnischen Volksweise „Karolinka“ zerstört. „Obwohl die doch den Startpunkt für den bislang deutschlandweit ersten deutsch-polnischen Liederweg markiert.“ Zum Glück verfüge die Gemeinde über einen Fonds zur Beseitigung von Vandalismusschäden. Trotzdem: Hoffmann ist verärgert. Der Liederweg symbolisiere doch den Brückenschlag zwischen Brandenburg und Polen. Außerdem ist er Ergebnis privaten Engagements der Ansässigen. Und bringt reichlich Touristen in den kleinen Ort nordöstlich von Berlin, nur wenige Kilometer hinter der Stadtgrenze.

Erster deutsch-polnischer Liederweg

Initiator des zwölf Kilometer langen Rundweges, der Rehfelde mit den Ortsteilen Werder und Zinndorf verbindet, sind der ehrenamtliche Arbeitskreis Rehfelder Tourismus und der Rehfelder Sängerkreis. „Uns gefiel das Pendant in Pulsnitz-Oberlichtenau“, erzählt Brigitte Hoffmann. Die pensionierte Lehrerin ist Mitglied im 30-köpfigen Sängerkreis und mag Volkslieder. „In denen steckt so viel Wahrhaftiges“, sagt die 66-Jährige verzückt und summt spontan „Wenn alle Brünnlein fließen“. Ihre Leidenschaft kann die gebürtige Sächsin nun auf dem Liederweg ausleben. Mal allein wie auch als bestellte Führerin von Wandervereinen, Schulklassen und Kitagruppen. Letztere müssen nicht die komplette Zwölf-Kilometer-Tour bewältigen, für die Hoffmann mindestens fünf Stunden veranschlagt – zumindest „wenn man an jedem Liederstein halt- macht, um zu singen“. Je nach Ausdauer lässt sich der Rundweg auch in Abschnitte von neun oder drei Kilometern aufteilen.

Der Sängerkreis besteht schon seit vielen Jahren

1998 zogen die Hoffmanns nach Rehfelde. „Für uns stand von Anfang an fest, dass wir uns für unsere neue Gemeinde einsetzen möchten.“ Das 25-jährige Bestehen des Sängerkreises 2012 gab den Ausschlag. Die Idee: 33 Granit- und Felssteine im Abstand von rund 600 Metern entlang eines Rundweges zu platzieren, versehen mit Tafeln, auf denen die Texte von Volksliedern notiert sind. Die Hürde, dass viele die Melodien nicht mehr richtig im Ohr haben, hat Hans-Günter Hoffmann mittels moderner Technik genommen: Er erstellte QR-Codes, die nun an jeder Tafel angebracht per Handy oder Tablet ausgelesen werden können und Youtube-Seiten öffnen, auf denen das jeweilige Lied vorgetragen wird.

Die Aufgaben fürs Projekt „Liederweg“ haben sich die Mitstreiter aufgeteilt. „Der Chor kümmerte sich um die inhaltliche Gestaltung, der Arbeitskreis Tourismus ums Management“, berichtet Hoffmann. Maßgeblich hat der ehemalige Bundeswehr-Mitarbeiter an der Konzeption mitgewirkt. Die Frage, die ihn in Atem hielt: Wie können wir den Liederweg finanziell stemmen?

Mindestens 7.000 Euro veranschlagte er für die Umsetzung. Hoffmann, mittlerweile Rentner, schrieb Förderanträge, warb bei Unternehmen in der Umgebung um finanzielle Unterstützung. Mit Erfolg: Neben Mitteln der Euroregion Pro Europa Viadrina für grenzüberschreitende Zusammenarbeit konnte er vor allem Mittelständler aus der Region gewinnen. Mehr als 5.000 Euro hat Hoffmann an Spenden erhalten – obwohl mit 200 Euro pro Tafel die geforderte Spendensumme nicht eben gering war. Anwohner wie Firmen zückten ihre Börse, werden nun als Gegenleistung auf den Tafeln genannt. Mit einer Ausnahme, dem Liedstein I, der gegenüber dem ehemaligen Rathaus Werder in die Erde gebracht wurde und den Text des unzählige Male vertonten Goethe-Gedichts „Sah ein Knab’ ein Röslein steh’n“ trägt. Der Spender wollte ungenannt bleiben, stattdessen ist auf dem Stein „Zur Erinnerung an Anton und Johanna Münsterer“ zu lesen. Brigitte Hoffmann löst das Rätsel auf: „Der Enkel des Ehepaares Münsterer hatte sich an uns gewandt, als er von unserem Vorhaben hörte.“

Ein Dorf sucht einen Bäcker

Durch Brandenburg wandern wie in den 20ern

Er spendierte einen Stein – mit der Bitte um dieses spezielle Lied und genau diesen Standort vor dem früheren Rathaus Werder: „Seine Großeltern gaben sich 1919 in diesem Haus das Jawort. Und beide hätten das Lied vom Röslein sehr geliebt.“ Für Hoffmann ein Beleg, dass der Liederweg bei den Leuten ankommt. Das bestätigt auch Sylvia Peicker. An fünf Tagen in der Woche betreut sie jeweils für ein paar Stunden die Tourist-Information im Bahnhof Rehfelde. „Zwischen März und Oktober habe ich mehr als 700 Wanderer auf dem Liederweg registriert.“ Übers Jahr gerechnet seien da aber sicher mindestens 1.500 Leute unterwegs.

In der Partnerstadt Zwierzyn ist man längst auf das Tun der Brandenburger aufmerksam geworden, denkt über ein ähnliches Projekt auf polnischer Seite nach. Acht der insgesamt 33 Volkslieder sind ohnehin aus Polen.