Pendler

Gute Chance für eine S-Bahn nach Nauen

Immer mehr Berufstätige pendeln zwischen Berlin und dem Umland. Das weckt den Wunsch nach neuen Strecken für S-Bahn oder Regionalbahn.

Eine neue Strecke soll Pendlern den Berufsweg ins Umland erleichtern

Eine neue Strecke soll Pendlern den Berufsweg ins Umland erleichtern

Foto: Rundfunk Berlin-Brandenburg

Berufspendler im brandenburgischen Umland von Berlin können hoffen. Erstmals seit Langem beschäftigt sich die Landesregierung in Potsdam mit dem Bau neuer Schienewege. Im Gespräch sind etwa die Erweiterung des Netzes der Berliner S-Bahn nach Nauen (Havelland) oder Rangsdorf (Teltow-Fläming). Konkreter werden auch Pläne, den Prignitz­express (RE6) von Wittenberge nach Spandau über Tegel bis zum Berliner Bahnhof Gesundbrunnen weiterfahren zu lassen. Auch Ideen für eine Reaktivierung der ersten Eisenbahnverbindung in Preußen, der nach dem Zweiten Weltkrieg weitgehend stillgelegten Stammbahn zwischen Berlin und Potsdam, bekommen nach einer jetzt veröffentlichten Verkehrsprognose neuen Schwung.

Bürgerinitiativen kämpfen um neue Bahnstrecken

Kommunalpolitiker und Bürgerinitiativen, etwa in Velten (Oberhavel) oder Stahnsdorf (Potsdam-Mittelmark), kämpfen seit Jahren darum, dass ihre Orte einen Anschluss an die Berliner S-Bahn bekommen. Dies erhöht nicht nur die Attraktivität der Gemeinden, sondern könnte auch manches Verkehrsproblem entschärfen. Doch in der Vergangenheit zeigten die jeweiligen Landesregierungen in Potsdam wenig Bereitschaft, über den Bau teurer Schienenwege auch nur nachzudenken. Einzige Ausnahme war in den letzten Jahren die Verlegung eines zweiten S-Bahngleises am nordöstlichen Ende der Linie S5, das seit einem Jahr einen 20-Minuten-Takt nach Strausberg Nord (Märkisch-Oderland) ermöglicht. Durchgesetzt wurde der Streckenausbau noch vom vormaligen Infrastrukturminister Jörg Vogelsänger (SPD), dessen Wahlkreis wohl nicht ganz zufällig an genau dieser S-Bahnlinie liegt.

Fahrgäste können über neue S-Bahn-Züge mitentscheiden

Pendler fahren oft in überfüllten Zügen

Mit Kathrin Schneider (SPD) versucht nun erstmals eine brandenburgische Verkehrsministerin, sich dieses heiklen, weil überaus teuren Themas ohne wahltaktischen Hintergrund anzunehmen. In ihrem Auftrag hat der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) jetzt eine Studie zur Nutzung der Schienenwege zwischen Berlin und dem märkischen Umland vorgelegt. Das Fazit dürfte für die vielen Berufspendler, die jeden Tag in überfüllten Zügen unterwegs sind, wenig überraschen: Die Nachfrage übersteigt in vielen Regionen, speziell im Speckgürtel von Berlin, das Angebot. Verbesserungen im Nahverkehr sind in den nächsten Jahren dringend notwendig.

„Deutlich wird, dass das wachsende Verkehrsaufkommen zwischen Brandenburg und Berlin nur durch zusätzliche Angebote und Investitionen in die Infrastruktur beherrschbar sein wird“, konstatierte dann auch Ministerin Schneider im Anschluss an ein Gespräch mit Vertretern von Randberliner Kommunen am Montag. Diese hatten das Treffen auch genutzt, um auf weitere Wohnbauprojekte und Gewerbeansiedlungen zu verweisen, die den Bedarf an neuen Bahn-Angeboten eher noch größer werden lassen.

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Experten untersuchen sechs Verkehrskorridore

Konkret haben die VBB-Fachleute sechs „Verkehrskorridore“ untersucht. Sie reichen von der Bahnverbindung Berlin–Velten im Norden der Hauptstadt bis zur Strecke Berlin–Frankfurt (O.) im Osten. Den größten Handlungsbedarf machten die Verkehrsexperten aber bei Strecken aus, die die Bundeshauptstadt mit Potsdam sowie den prosperierenden märkischen Gemeinden im Südwesten verbinden.Laut VBB-Prognose werden künftig erheblich mehr Menschen zwischen Berlin und den Umlandgemeinden mit der Bahn unterwegs sein. Den größten Nachfrage-Zuwachs bis 2030 machten sie dabei für die Bahnverbindungen nach Oranienburg und Blankenfelde (jeweils plus 47 Prozent), nach Strausberg (plus 44 Prozent) sowie nach Michendorf (plus 41 Prozent) aus.

Doch während in einigen „Korridoren“ die vorhandenen Gleise noch mehr Zugfahrten und damit Angebotsverbesserungen zulassen, fehlen in anderen Regionen die Möglichkeiten dafür. An der Grenze liegen demnach die Kapazitäten auf den Strecken von Berlin nach Werder (Potsdam-Mittelmark), nach Nauen (Havelland) sowie von Berlin nach Fürstenwalde (Oder-Spree).

Wie die Mobilität der Zukunft in Berlin aussieht

Noch keine Entscheidungen

Konkrete Entscheidungen für den Bau neuer S-Bahn- oder Regionalzugstrecken gibt es indes noch nicht. Doch die Verkehrsprognose bis 2030 und die erfolgten Varianten-Untersuchungen sind für Ministerin Schneider „eine gute Grundlage für den weiteren Entscheidungsprozess“. Zunächst will sie das Gespräch mit der neuen Verkehrssenatorin suchen. Das Ressort wechselt in Berlin gerade von der SPD in die politische Verantwortung der Grünen. Am Ende geht es aber darum, wo das Geld für neue Schienenwege herkommt.Beide Länder schauen dabei erwartungsvoll auf den Bund und die bundeseigene Deutsche Bahn.

S-Bahn nach Nauen kostet 250 Millionen Euro

Allein die Verlängerung der S-Bahn bis nach Nauen, gegen die sich die Landesregierung bislang immer sträubte, würde 250 Millionen Euro kosten. Die VBB-Studie kommt nun aber zu dem Ergebnis, dass diese Variante den höchsten Fahrgast-Zuwachs (plus 6500 am Tag) bringen würde. Mit einem Kostenaufwand von 60 Millionen Euro käme der Ausbau der Schienenwege für den Regionalverkehr zwar deutlich günstiger, würde aber nur 1200 Menschen dazu bringen, vom Auto auf den Zug umzusteigen. Zudem plant die Bahn, auf der Strecke mehr Fernzüge nach Hamburg fahren zu lassen.

Dies und der Engpass am Bahnhof Spandau könnten einen Ausbau des Regionalzugverkehrs ausbremsen. Schneider will nun eine „vertiefende Betrachtung zur Infrastrukturentwicklung auf der Hamburger Bahn und den Möglichkeiten einer Erweiterung des Knotens Spandau“ in Auftrag geben.

Neue S-Bahngleise über die Stammbahn nach Potsdam

Als „besonders komplex“ wird die Sachlage im Raum Berlin-Potsdam-Teltow-Kleinmachnow-Stahnsdorf eingeschätzt. Die Verlängerung der S-Bahn von Zehlendorf über den Europarc Dreilinden bis nach Potsdam würde demnach „große Nachfragesteigerungen“ bringen (bis zu 7800 Fahrten am Tag). Der von verschiedenen Bürgerinitiativen geforderte Bau von Zehlendorf beziehungsweise von Teltow nach Stahnsdorf hätte dagegen geringeres Potenzial. Für die neue S-Bahn-Strecke könnten die Gleise teilweise auf der sogenannten Stammbahn verlegt werden. Dann stünde die Trasse aber nicht mehr für eine Regionalbahnstrecke zur Verfügung, wie sie etwa Berlins scheidender Verkehrssenator Andreas Geisel (SPD) jüngst als Entlastung der Bahnverbindung Berlin–Potsdam ins Gespräch gebracht hatte.

Im Video: So sieht die neue Berliner S-Bahn aus

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