Tiere

Bauern in Brandenburg wollen "Problemwölfe" töten lassen

Der Bauernbund fordert nun einen Managementplan vom Agrarministerium für die Wölfe. Die Schäden seien beträchlich.

Wölfe haben in Brandenburg dieses Jahr schon 174 Nutztiere gerissen

Wölfe haben in Brandenburg dieses Jahr schon 174 Nutztiere gerissen

Foto: dpa

142 Schafe, eine Ziege, zwölf Stück Damwild und 20 Rinder, davon 13 Kälber, gehen in diesem Jahr in Brandenburg offiziell auf das Konto von Wölfen. „Allein die Zahl der von einem Wolf gerissenen Kälber hat sich im Vergleich zum Vorjahr vervierfacht“, ist Reinhard Jung alarmiert. „Und die Dunkelziffer liegt weitaus höher“, sagt der Geschäftsführer des Brandenburger Bauernbundes, der 430 vornehmlich kleine Familienbetriebe vertritt, am Donnerstag in Groß Kreutz (Potsdam-Mittelmark). Der 51-Jährige, der in der Prignitz Mutterkühe hält, geht von einer Verdoppelung der Verluste aus. Er habe etliche Mitgliedsbetriebe kontaktiert, auch nicht organisierte Tierhalter befragt. „Viele Züchter haben einen Wolfsriss wegen des bürokratischen und zeitraubenden Verfahrens gar nicht erst gemeldet“, sagt er.

Zumal die Entschädigung seitens des Landes nur den Verkehrswert eines Tieres abdecke. „Zusätzliche Kosten für Futter und Pflege, auch der nun verloren gegangene Gewinn beim Verkauf des endgemästeten Tieres fließen in die vom Land aufgemachte Rechnung gar nicht ein.“ Hinzu komme, dass die Zahlungen derzeit freiwillig geleistet würden, ohne dass die Bauern einen Rechtsanspruch darauf hätten. „Wenn das Land irgendwann beschließt, keine Entschädigungen mehr zu zahlen, sind wir machtlos“, kritisiert Jung. „Wir brauchen eine Wolfsverordnung“, fordert er von der Landesregierung, „einen aktiven Herdenschutz“.

Im Land Brandenburg sind 19 Wolfsrudel unterwegs

Laut dem Brandenburger Landwirtschaftsministerium sind mittlerweile wieder 19 Wolfsrudel und drei Tierpaare in 24 Gebieten der Mark heimisch. Hinzu kommen noch zwei Gebiete in Elbe-Elster und im Raum Hangelsberg mit unklarem Wolfsstatus. „Das sind nur Mindestwerte“, sagt Jung und spricht von einer groben Schätzung. „Wegen des Fehlens natürlicher Feinde wird diese Population sehr schnell stärker anwachsen“, fürchtet er die Folgen. Auch für den Menschen: „Für einen alten, nicht mehr so agilen Wolf passt der Zweibeiner ins Beuteschema.“

Alleingelassen fühlt sich auch Marco Hintze, Vorstandsmitglied im Bauernbund. Der 44-Jährige hält in Krielow (Havelland) 85 Mutterkühe und 150 Färsen. Vor vier Jahren verlor er fünf Kälber an Wölfe. Seitdem hält er drei Esel zur Abschreckung. Aber es sei nur eine Frage der Zeit, bis sich der Wolf ans Eselgeschrei gewöhnt habe. „Wird dem Wolf nicht begegnet, macht das die Weidetierhaltung so teuer, dass sie sich nicht mehr rechnet“, sagt Hintze. Verschwinde die Weidetierhaltung, würden berufliche Existenzen zerstört. „Das ist zudem nicht im Sinne der Verbraucher, die Wert auf die art- und umweltgerechte Haltung der Rinder auf Brandenburger Weiden legen“, so der Landwirt weiter.

Notwendig sei ein Herdenschutz, „der sofort von den Jägern vor Ort umgesetzt werden kann“. Es gehe nicht darum, Wölfe auszurotten, die immer mehr vom Aussterben bedroht seien, sagt Bauernbund-Geschäftsführer Reinhard Jung. Aber ein Wolf, der weniger als eintausend Meter in die Nähe der Menschen komme, sei eindeutig ein „Problemwolf“. Diese Tiere gefährdeten Menschen und Herden. „Brandenburg kann hier problemlos eine Verordnung erlassen, die Jägern den legalen Abschluss ermöglicht.“ Was bislang die europäische Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie verbietet – zum Schutz der gefährdeten Population.

Für Landwirt Hintze steht fest: „Der 2013 vom Landesumweltamt mit Verbänden, Vereinen und Wissenschaftsinstitutionen erarbeitete Wolfsmanagementplan ist gescheitert. Kompromisslösungen wie das Halten von Herdenschutzhunden oder hohe Zäune mit Untergrabschutz halten Wölfe auf Dauer nicht ab.“ Da nützten auch keine Fördermittel für Präventivmaßnahmen. Davon wurden laut Landwirtschaftsministerium zwischen 2008 und 2015 mehr als 500.000 Euro ausgezahlt. Der Wolf sei schlau, lerne dazu, so Hintze. In Frankreich hätten Wölfe bereits 1,80 Meter hohe Schutzzäune überwunden, auch Herdenschutzhunde gerissen. „Würden wir unsere Weiden flächendeckend mit den bei uns geforderten 1,60 Meter hohen Zäunen schützen, müssten rund 250 Millionen Euro investiert werden“, ergänzt Jung. In seinen Augen reine Geldverschwendung.

2017 wollen Land und Verbände einen neuen Wolfsmanagementplan erarbeiten. Die Position des Bauernbundes will Frank Michelchen einbringen. Der 50-Jährige ist dessen neuer Wolfsschutzbeauftragter. „Aus traurigem Anlass“, betont er. Im Mai und im September holte sich ein Wolf je ein Kalb aus der Herde, die der Öko-Landwirt in Leibsch (Spreewald) hält. „Ich war ratlos und völlig überfordert“, erinnert er sich. Nun will er anderen Betroffenen mit Rat und Tat zur Seite stehen – „auch denen, die nicht organisiert sind und nur zwei Schafe als Rasenmäher auf dem Grundstück halten“.

Aufmerksam verfolgen Jäger die Debatte

Im Brandenburger Landesjagdverband verfolgt man die Debatte aufmerksam. „Brandenburg ist das Bundesland mit dem höchsten Wolfsvorkommen. In rund vier Jahren werden flächendeckend Wolfsrudel auftreten“, so Sprecher Tino Erstling. „Wird 2017 der neue Wolfsmanagementplan evaluiert, fordern wir klare Regeln von der Politik, wie mit der ständig steigenden Wolfspopulation umzugehen ist“, sagt er. „Wenn die Politik uns in Sachen Abschuss einen Auftrag erteilt, werden wir dem nachkommen.“