Lausitz-Projekt

Baggern am neuen Ostsee

Schwimmen, segeln, tauchen: Aus der ehemaligen Tagebau-Anlage Cottbus-Nord wird ein Naherholungsparadies

Projektleiterin Birgit Schroeckh vor dem ehemaligen Tagebau Cottbus Nord, der zum künstlichen See wird

Projektleiterin Birgit Schroeckh vor dem ehemaligen Tagebau Cottbus Nord, der zum künstlichen See wird

Foto: Katrin Starke

Heinersdorf.  Die Lausitz baut am Superlativ: Aus dem 2015 stillgelegten Tagebau Cottbus-Nord soll der größte See Brandenburgs und der größte künstliche See Deutschlands werden – ein Naherholungsparadies mit Häfen, Stränden und auch Naturschutzgebieten. In 62,5 Metern über dem Meeresspiegel soll geschwommen, gesegelt und getaucht werden.

Umsetzen wird das Projekt die Lausitz Energie Bergbau und Kraftwerke AG (LEAG), die in diesem Sommer die Nachfolge des Bergbaubetreibers Vattenfall angetreten hat. 126 Millionen Kubikmeter Wasser – 88 Prozent davon Spreewasser und zwölf Prozent Grundwasser – sollen eine Fläche von 19 Quadratkilometern füllen. Doppelt so groß wie der Senftenberger See.

Spätestens 2024 soll gebadet werden. „Vielleicht sogar schon früher“, sagt Ingolf Arnold, Leiter Geotechnik bei der LEAG. „Alles hängt vom Wetter ab.“ Folge ein trockener Sommer auf den anderen, müsse man mit sechs Jahren Befüllungszeit rechnen. „Wird es so regenreich wie 2010 oder 2013, haben wir es in vier Jahren geschafft.“

20 Jahre lang Erfahrungen im Tagebau-Fluten gesammelt

Allerdings müsse erst der Trinkwasserbedarf für Berlin und Brandenburg aus dem Wasser der Spree gedeckt werden. Auch für die Peitzer Teiche und den Spreewald mit seinen Fließen müsse genug Spreewasser vorhanden sein. Erst dann werde für die LEAG und den Ostsee der „Hahn“ aufgedreht. Ab 2018/19 soll das erste Wasser in die Ostsee-„Badewanne“ geleitet werden.

„Bis dahin müssen Seebecken wie Uferbereich geformt werden“, wirft Ostsee-Projektleiterin Birgit Schroeckh ein. „Unser Zeitplan ist anspruchsvoll.“ Uferbereiche müssen verflacht, kleine Inseln gestaltet, mehr als 46 Millionen Kubikmeter Boden verdichtet werden. „Um jegliche Rutschungen auszuschließen“, so Arnold.

Noch sieht er sich als Pionier, tauscht sich aus mit den Experten der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbauverwaltungsgesellschaft (LMBV). Die hätten 20 Jahre lang Erfahrungen gesammelt im Fluten von Tagebauen. Die Arbeiten im ehemaligen Tagebau Cottbus-Nord, aus dem seit 1981 rund 220 Millionen Tonnen Kohle gefördert wurden, laufen auf Hochtouren.

120 Fahrzeuge einer thüringisch-hessischen Firma – neben Planierraupen und Baggern allein 90 mächtige Kipplaster – durchpflügen gerade die künftige Bärenbrücker Bucht. Mittels schwerem Gerät schaben die bis zu 140 Mitarbeiter die Spitzen der Abraumberge ab, holen zugleich Sand aus der Mitte des künftigen Seebodens, um eine Wassertiefe von zwei Metern zu erreichen – damit der Ostsee nicht nur für kleine Boote, sondern auch für Fahrgastschiffe befahrbar wird.

Berliner Wasserbetriebe schlugen in den vergangenen Jahren Alarm

„Da herrscht ein Timing wie beim Boxenstopp in der Formel 1“, sagt Arnold bewundernd. 25.000 Liter Treibstoff schluckten allein die Kipper am Tag, betankt werden sie alle binnen einer Stunde – während der Mittagspause der Fahrer. Die sind innerhalb von sieben Minuten nach Pausenende wieder auf der Spur. „Eine logistische Meisterleistung. Der Schichtführer muss einmal Feldwebel gewesen sein.“ Allein 250 Millionen Euro fließen in das Ostsee-Vorhaben. Eine Idee, die bereits Mitte der 70er-Jahre geboren wurde.

Doch nicht von allen Seiten gibt es Beifall. Die Berliner Wasserbetriebe schlugen in den vergangenen zwei Jahren Alarm, als die Sulfatwerte des Spreewassers nach oben schnellten – eine Folge des Bergbaus. „Derzeit hat Cottbus-Nord einen Anteil von fünf Prozent an der Sulfatbelastung der Spree. Ist der Ostsee erst geflutet, werden es maximal vier Prozent sein“, betont Arnold. Die Brandenburger Bündnisgrünen fordern unterdessen verbindliche Grenzwerte für Sulfat und Eisenocker.

Positiv für die Region: Bereits jetzt seien Seegrundstücke gefragt. „Aber die Kommunen haben das Vorkaufsrecht“, sagt Birgit Schroeckh.