Brandenburg

Beelitz macht jedem Neugeborenen Geschenke

Zur Geburt gibt es in der Spargelstadt Beelitz Geschenke. Ziel ist es, die Familien zu unterstützen. Und viele machen mit.

Auf der Obstwiese: Familie Stoltenow-Rosga pflanzt einen Baum für die kleine Jona (ganz rechts)

Auf der Obstwiese: Familie Stoltenow-Rosga pflanzt einen Baum für die kleine Jona (ganz rechts)

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Beelitz.  Beelitz’ Eltern laufen mit ihren Babys auf dem Arm und aufgeregten Geschwisterkindern an der Hand neugierig über die Wiese. Sie sind gespannt auf den Baum, den die Stadtverwaltung für ihren Nachwuchs vorgesehen hat.

Es ist ein ganz besonderer Tag in der brandenburgischen Kleinstadt Beelitz. „Wir konnten uns die Obstsorte aussuchen“, erzählt die Physiotherapeutin Anne Stoltenow. Ihr dreijähriger Junis ist sehr stolz auf seinen Pflaumenbaum. „In diesem Sommer haben wir zum ersten Mal ein Kilo geerntet“, berichtet die Großmutter. Heute wollen sie auch für die kleine Schwester ein Bäumchen pflanzen. „Jona soll einen Apfelbaum kriegen“, sagt die Mutter.

Plaketten mit Vornamen und Geburtsdaten

Bürgermeister Bernhard Knuth wirkt selbst ganz gerührt. „An den Bäumen werden Vorname und Geburtsdatum des Kindes angebracht, sodass es auch in vielen Jahren noch seinen Baum findet und das Obst ernten kann“, sagt er in seiner kurzen Rede. „Ich war kürzlich zu Hause bei meiner 90-jährigen Mutter in Stralsund, wäre ich in der Heimat vor so einem Baum gestanden, hätte ich Gänsehaut bekommen.“

Es ist die sechste Baumpflanzaktion auf einer Streuobstwiese in Beelitz. Die Kinder aus der Kita „Sonnenschein“ singen, Eltern und Kinder lassen rote Luftballons mit den Namen der Babys steigen. In der Hoffnung, dass der Finder seine Wünsche für den Beelitzer Nachwuchs aufschreibt und die Karte in die brandenburgische Stadt zurückschickt. Das passiert manchmal, eine junge Familie bekam Post aus Polen.

„Wir wollen, dass sich unsere Bewohner bei uns wohlfühlen“, sagt der Bürgermeister. „Und tun viel dafür.“ Beelitz im Landkreis Potsdam-Mittelmark ist durch seinen Spargelanbau über die Region hinaus bekannt. Viele kennen die historischen Beelitzer Heilstätten und inzwischen auch den neuen Baumkronenpfad. Die Kleinstadt südwestlich von Berlin dient auch häufiger als Kulisse im „Polizeiruf 110“.

Beelitz ist als Wohnort wieder gefragt

Als Wohnort war Beelitz nicht immer begehrt. Ab 2005 ging die Einwohnerzahl zurück. Seit einigen Jahren wächst die Stadt mit ihren 17 eingemeindeten Dörfern am Rande des Berliner Speckgürtels wieder. Entgegen den Prognosen. „Heute haben wir über 12.500 Einwohner“, sagt Knuth, „und wir wollen weitere Wohngebiete ausweisen.“ Jede Woche erreichten die Stadtverwaltung derzeit etwa zehn Anfragen nach Baugrundstücken.

Die Stimmung hat sich gewandelt, vor allem seit Knuth im Amt ist. Er wohnt seit 1991 in Beelitz, war früher Optiker im Ort. Mit mehr als 63 Prozent der Wählerstimmen setzte sich der vom Bürgerbündnis nominierte Parteilose vor rund sechseinhalb Jahren gleich im ersten Wahlgang gegen den langjährigen Amtsinhaber von der SPD durch.

Seit 2011 wurden für den Beelitzer Nachwuchs nicht nur rund 400 Bäume im Stadtgebiet gepflanzt, die Eltern dürfen sich über ein außergewöhnliches „Baby-Willkommens-Paket“ freuen. Auf Wunsch kommt „Baby-Begrüßerin“ Regina Breyer zu den Familien nach Hause. Das Motto des Begrüßungsdienstes: „Wir lieben unsere Köpfchen.“ Die ehemalige Schulleiterin macht das ehrenamtlich und mit großem Engagement. „Viele Eltern freuen sich, dass sie im entspannten Gespräch einen Überblick über die Unterstützungsangebote und Freizeitmöglichkeiten erhalten“, sagt sie. Sieben Kitas gibt es, eine weitere ist geplant. Dazu zwei Grundschulen, eine Oberschule und ein Gymnasium.

Begrüßungsgeschenke und Erziehungsberatung

„Baby-Begrüßerin“ Breyer kommt nicht mit leeren Händen: Für jedes Kind bringt sie einen Beutel mit Geschenken mit. Gesponsert von Vereinen und Unternehmen. So bekommen die Kleinen neben selbst gestrickten Söckchen und Mützen zum Beispiel auch Gutscheine für Drogerie- und Apotheken-artikel oder kostenlose Vereinsmitgliedschaften für ein Jahr. Der Bäcker backt kostenlos eine Torte. Der Friseursalon spendiert den ersten Haarschnitt.

Da viele Eltern zugezogen sind und die Großeltern nicht in der Nähe wohnen, vermittelt die Stadt interessierte Ersatz-Omas und -Opas. „Oft bleibt es bei gelegentlichem Babysitten“, sagt Hauptamtsleiterin Dörthe Kiesel. „In zwei Fällen fahren die ,Großeltern’ aber auch mit den Kindern allein in Urlaub.“ Sie seien nun schon seit etwa fünf Jahren in die Familien integriert.

Im Eltern-Kind-Zentrum beraten zwei Mitarbeiterinnen in Erziehungsfragen und anderen Belangen des familiären Zusammenlebens. Außerdem werden Familienbildungsveranstaltungen zu Erziehungs- und Gesundheitsthemen angeboten. Willkommen sind alle Eltern und Großeltern mit Kindern bis zwölf Jahren. Es gibt ein Familiencafé, eine Tauschbörse zum Stöbern, Krabbel- und Spielgruppen, Babymassage und Eltern-Kind-Turnen. Die Jugendlichen treffen sich im Jugendklub.

Vielleicht liegt es auch an der besonderen freundlichen Stimmung wie an jenem Tag, an dem wieder einmal die Baby-Bäumchen gepflanzt werden. Der Kirchturm ist von der Wiese aus zu sehen. Die Herbstsonne scheint, der Himmel ist blau. Die Eltern äußern sich zufrieden mit dem Engagement des Bürgermeisters und der Stadtverwaltung. „Wir leben sehr gerne in Beelitz“, sagen auch Nicole und Sebastian Richter. Ihr Sohn, der zehnmonatige Ben, soll einen Kirschbaum bekommen. Der Bauhof hat schon alles vorbereitet. Sie werden ihn nun selbst einpflanzen. Ben wird ihn wachsen sehen, denn Richters wohnen ganz in der Nähe der Wiese.