Brandenburg

Wie ein Dorf unter den Windrädern leidet

Einst war Siegadel ein idyllisches Dorf. Doch seit Investoren 19 Windräder aufgestellt haben, sind die Einwohner zerstritten.

Anne Wieprich (rechts), Bettina Göbel (links) und Michael Bock sind Gegner der Windkraft

Anne Wieprich (rechts), Bettina Göbel (links) und Michael Bock sind Gegner der Windkraft

Foto: Christian Kielmann

Schwielochsee.  Mächtige Linden säumen die Straße. Vor den zumeist neu gestrichenen Häusern blühen bunt die Astern, an den alten, roten Backsteinhöfen ranken sich zartblättrige Rosen. Siegadel, 20 Kilometer von Lübben im Spreewald gelegen, ist ein Bilderbuch-Dorf – so wie man es sich als Städter vorstellt. Auch Zugezogene haben das Idyll in der Gemeinde Schwielochsee für sich entdeckt. „Wir wurden richtig nett aufgenommen“, erinnert sich Anne Wiebrich. „Am Anfang war alles traumhaft.“

Die Diplompädagogin und Pferdeliebhaberin aus Tübingen hat hier mit ihrem Mann einen lange leerstehenden Hof gekauft. 17 Jahre ist das jetzt her. „Eine richtig gute Gemeinschaft waren wir“, pflichtet ihr die Verlagskauffrau Bettina Goebel aus Nordrhein-Westfalen bei. „Das ist jetzt vorbei“, bedauert sie. Wie vielen anderen Dorfgemeinschaften hat auch dem kleinen Siegadel die Windkraft kein Glück gebracht.

„Das Dorfklima ist zerstört“, sagt Michael Bock. Der gebürtige Leipziger und Maler war 2002 aus Berlin in den kleinen Ort gezogen – als dort noch kein Windrad stand. Heute sind es 19 Stück. 196-Meter-Riesen, die sich in unmittelbarer Nähe drehen. Im nahen Wald sollen bald weitere Windräder aufgestellt werden. „Das profitable Geschäft für die Investoren und die mangelnde Steuerung durch die Politik hat den Unfrieden in die Dörfer getragen“, konstatiert Bock. „Auf Deibel komm raus werden Windräder aufgestellt, ohne Rücksicht auf Landschaft und Menschen.“

Der 62-Jährige wirft der Landesregierung in Potsdam vor, dass sie die Abstandsflächen zu den bewohnten Gebieten – abhängig von der Größe der Windräder – immer noch nicht gesetzlich klar geregelt habe. Die derzeit geltende Empfehlung lautet: 1000 Meter. „Die Verantwortlichen setzen sich mit den Auswirkungen der Energieziele auf die Bewohner überhaupt nicht auseinander“, kritisiert Bock.

In Brandenburg stehen derzeit rund 3500 Windräder

In Brandenburg stehen laut Wirtschaftsministerium derzeit etwa 3.460 Windenergieanlagen. Bisheriges, mittlerweile aber wohl nicht mehr erreichbares Ziel der Regierung ist es, bis 2030 die Zahl mehr als zu verdoppeln. Das Land überarbeitet derzeit die Energiestrategie.

Dass seine Frau und er wegen der Windradgeräusche mitten auf dem Land nachts nicht einmal mehr bei offenem Fenster schlafen können, sei schon traurig, meint Bock. „Noch schlimmer aber ist, dass wir uns im Dorf über die Windkraftanlagen zerstritten haben.“

Zwei Häuser weiter wohnt der frühere Bürgermeister. Wolfgang Gliese sitzt auf der Terrasse seines Garten, in dem riesige Zucchini und prächtige Tomaten reifen. Er sagt: „Gewisse Leute sind heute für mich Luft.“ Bock, Wiebrich und Goebel gehörten zu den Bewohnern, die sich im Januar 2012 an die Landesregierung in Potsdam und an die Kommunalaufsicht gewandt hatten. Ihr Vorwurf wog schwer: Der Bürgermeister und ein Gemeindevertreter hätten aktiv an den Windkraftbeschlüssen mitgewirkt, obwohl sie befangen seien. Denn beide würden Grundstücke zur Verfügung stellen, für die sie angeblich Pachtsummen von mindestens 25.000 Euro jährlich einnehmen, und das über 20 Jahre.

Die Schwerpunktstaatsanwaltschaft zur Korruptionsbekämpfung in Neuruppin ermittelte daraufhin wegen des Verdachts der Vorteilsnahme im Amt gegen den Bürgermeister und den Gemeindevertreter. „Es war ein Schock“, sagt Gliese. „Sie haben mehr als ein Jahr gegen uns ermittelt.“ Allein sein Akte habe 282 Seiten. „Das muss man sich mal vorstellen.“

Auf dem Grundstück des ehemaligen Bürgermeisters stehen heute zwei Windräder, der frühere Gemeindevertreter Helmut Jatzlau bekommt ebenfalls jährliche Pachteinnahmen. Den Vorwurf, sie hätten sich als spätere Nutznießer nicht am entscheidenden Beschluss beteiligen sollen, weisen die beiden zurück. „Wir haben lediglich bei der Aufstellung des Bebauungsplanes für das Windeignungsgebiet mitgestimmt“, sagt Jatzlau. „Dass mein Grundstück in dem auszuweisenden Gebiet liegt, war für mich nicht maßgeblich“. Er beteuert: „Mir ging es darum, dass die Investoren nicht einfach drauf los planen können.“

Gliese will sich vor dem Beschluss damals eigens mit der Kommunalaufsicht abgestimmt haben. Bei seinen späteren Abstimmungen enthielten sich beide. Die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen gegen sie im Mai 2013 schließlich ein. Die Beschuldigten scheinen durch das bisherige Verfahren in Zukunft hinreichend gewarnt, befand der Staatsanwalt. Konsequenzen hatte die Sache dennoch: Wiedergewählt wurden sie nicht mehr.

„Ich bedauere, dass alles so gekommen ist“

„Ich bedauere, dass alles so gekommen ist“, sagt Gliese. Seine Frau Sabine zeigt sich davon überzeugt, dass nicht die Sache mit den Windrädern dem 80-Einwohner-Dorf zugesetzt hat. „Das Leben hat sich verändert“, sagt sie.

Michael Bock sieht das Problem woanders: „Das Dorf ist in vier Fraktionen zerfallen. Da sind die beiden Gruppen, deren Pachteinnahmen durch die Windräder um 10.000 Euro im Jahr differieren, und jene, die gerne eines gehabt hätten und keines gekriegt haben.

Die Investoren schlossen in Siegadel unter dem Mantel der Verschwiegenheit unterschiedliche Pachtverträge mit den Bewohnern ab. „Die einen sollten 25.000 Euro im Jahr bekommen, die anderen 35.000 Euro“, sagt Bock. Er wünscht sich, dass man in den Gemeinden mit Windrädern künftig alle an einen Tisch holt und nach einer Lösung sucht, „mit der alle leben können“. Etwa einheitliche Pachten, klar geregelte Mindestabstände und günstigeren Strom.

Bislang ist in Siegadel auch nicht viel zu sehen von den Versprechungen für die Dorfgemeinschaft. Über 150.000 Euro aus Ausgleichszahlungen der Investoren liegen für den geplanten Radweg zwischen Siegadel und Goyatz auf einem Sperrkonto. Das Infrastrukturministerium in Potsdam verweigerte bislang die Fördermittel.

Zwischen den Parteien – alle versichern, der Streit sei keiner zwischen Einheimischen und Zugezogenen- wohnt Wolfgang Heidemann. Der 64-jährige hat kein Windrad und bekommt keine Pachteinnahmen. Früher war er Bauleiter im Lausitzer Bergbau, heute findet er: „Man muss mit der Zeit gehen und verstärkt auf erneuerbare Energien setzen.“ Der Mann ist zuständig für die Dorffeste. Eine mittlerweile nicht mehr ganz so dankbare Aufgabe.