Ludwigsfelde

Daimler ist in Brandenburg eine Erfolgsgeschichte

Mehr als 200 Sprinter produziert Daimler in Ludwigsfelde täglich. Die Nachfrage ist enorm. Im Unternehmen herrscht Optimismus.

Wirtschaft: Mercedes-Benz Ludwigsfelde, Sprinter-Werk Sebastian Streuff - Werksleiter

Wirtschaft: Mercedes-Benz Ludwigsfelde, Sprinter-Werk Sebastian Streuff - Werksleiter

Foto: Christian Kielmann

Ludwigsfelde.  Ein Motorlager nehmen, dazu zwei Schrauben aus der Kiste, mit dem Schrauber anziehen. „Bis es knackt“, sagt Hans-Joachim Rief und hört genau hin. „Dann nimmste die Schaltung und drei Schrauben aus der anderen Kiste.“ Akkuschrauber ansetzen. Der Anschluss für das Schaltgestänge sitzt. Dann kommt der komplizierte Teil: Das an einer Tragekonstruktion hängende Getriebe muss millimetergenau zum Motorblock bugsiert werde, so dass alle sieben bis neun Schrauben in die Bohrungen passen. Das erfordert Kraft und Fingerspitzengefühl. Rief übernimmt.

Er steht seit 44 Jahren in der Fabrik und ist mit Freude bei der Sache. Für den Reporter in der Montagehalle ein Abenteuer. Für Rief eine Fünf-Minuten-Routine. Er ist einer von 2000 Mercedes-Angestellten, die in Ludwigsfelde den Lieferwagen „Sprinter“ montieren. Das Modell ist eine Erfolgsgeschichte des Autokonzerns Daimler.

660.000 dieser Transporter hat das Werk in Brandenburg seit der Gründung vor einem Vierteljahrhundert hergestellt. „Die Fabrik in Ludwigsfelde ist das drittgrößte Transporterwerk von Daimler und das einzige in Europa für die offenen Versionen, also Pritschenwagen und Fahrgestelle“, sagt Werkleiter und Geschäftsführer Sebastian Streuff. Deutlich mehr als 200 Fahrzeuge verlassen täglich das Werk in Richtung Aufbauhersteller, die daraus Wohnmobile, Krankentransporter oder Kühlfahrzeuge herstellen. Die Nachfrage ist hoch: „Wir haben am 22. August eine zeitweise dritte Schicht eingerichtet, um der hohen Nachfrage nachkommen zu können“, sagt Streuff. Zudem steckt Mercedes-Benz gerade in Vorbereitungen für die neue Sprinter-Generation.

Produktionsfläche wird um Tausende Quadratmeter erweitert

Das erfordert einen hohen Einsatz: „Wir haben die Investitionen im vergangenen Jahr von zwölf auf 25 Millionen Euro mehr als verdoppelt. In 2016 verdoppeln wir erneut auf über 50 Millionen Euro. Bis zum Ende des Jahrzehnts werden wir dann 150 Millionen Euro hier für die nächste Generation des Sprinter investiert haben“, fasst der Werkleiter zusammen. In den vergangenen Jahren hat der Konzern bereits 750 Millionen in die Fabrik gesteckt. Im Karosseriebau wird die Produktionsfläche um 2000 bis 3000 Quadratmeter erweitert, so dass mehr Fahrzeuge gebaut werden können. „Wir modernisieren unter anderem die Fördertechnik, so dass wir jedes Fahrzeug in jeder Station punktgenau lokalisieren können und bilden die Produktion digital ab“, erläutert der Manager.

Das ist ein Teil der intelligenten Produktion, bei der das Werk Ludwigsfelde für die Transportersparte des Konzerns Maßstäbe setzt. „Wir stellen dem Monteur exakt das Material zur Verfügung, das er braucht, um einen Sprinter aufzubauen“, sagt Streuff. „Das Material kommt mit fahrerlosen Transportsystemen ans Band. Sie ziehen das Car Set, das für den jeweiligen Sprinter die erforderlichen Bauteile beinhaltet.“ Hocheffizient. Und sicher – unfallträchtige Stapler kommen nur noch selten zum Einsatz. „Zudem hat das auch den Lärmpegel reduziert.“

Onlinehandel sorgt für Optimismus

Meister Sven Schmelzer ist für die Motorenmontage zuständig. „Wir arbeiten hier in Teams“, sagt er. Jedes Team erledigt zehn bis zwölf Takte. So heißen die einzelnen Arbeitsschritte. „Die Teams rotieren in der Produktion“, erläutert Schmelzer. Das soll Monotonie und Krankheiten vermeiden. „Wir wollen, dass unsere Monteure gesund bleiben.“

„Wir haben heute eine gesunde Kombination aus Robotik und manuellen Prozessen“, antwortet Geschäftsführer Streuff auf die Frage, ob menschenleer Autofabriken denkbar sind. Roboter schweißen und lackieren oder kleben Scheiben in die Karosserie. Lasergesteuerte Roboter können das präziser und schneller als Menschen. In der Montage dagegen wird stark manuell gearbeitet. „Jeder Sprinter ist ein Individualstück. Das kann nur durch den Menschen umgesetzt werden“, sagt Streuff.

Im Unternehmen herrscht Optimismus. Denn der Onlinehandel wächst. „Die Transporter-Nachfrage steht und fällt mit Logistik-Dienstleistungen. Im ersten Halbjahr 2016 verzeichnete Mercedes-Benz Vans gegenüber dem Vorjahr einen Anstieg des Sprinter-Absatzes von über sechs Prozent“, sagt Streuff. „Die Veränderung in der digitalen Welt wie beispielsweise der zunehmende Onlinehandel wirkt sich positiv auf die Nachfrage nach unseren Produkten aus.“

Und wie digital wird der Sprinter der Zukunft sein? Streuff hält sich da bedeckt: „Wir wollen die Konnektivität erhöhen“, sagt er. Es gehe um die Frage, wie sich der Van digital anbinden lasse. Auch einen Elektro-Sprinter kann sich der Werkleiter vorstellen. „Wir haben schon 2011 einen vollelektrischen ,Vito‘ in Serie angeboten. Doch es hat sich nicht die Nachfrage eingestellt, die wir damals erwartet hatten.“

Daimler ist einer der größten industriellen Arbeitgeber in der Region. Das weiß die Politik in Potsdam zu würdigen. „Bei der Entscheidung im Jahr 2014 an welchen Standorten die nächste Generation des Sprinter gefertigt werden soll, hatten wir viel und gute Unterstützung durch die brandenburgischen Behörden erfahren“, sagt Streuff zurückblickend.

Fachkräftemangel ist für das Unternehmen kein Problem: „Wir haben in den vergangenen 25 Jahren 1585 junge Menschen ausgebildet, die größtenteils auch heute noch bei Mercedes-Benz in Ludwigsfelde beschäftigt sind“, sagt Streuff. Pro Jahr kommen 30 bis 40 Auszubildende an Bord. Eine von ihnen ist Carolin Klein. Seit ihrem Abitur ist die bei Mercedes, lernt im dritten Jahr den Beruf der Kauffrau. Schon der Großvater und der Vater haben in dem Werk gearbeitet. Das hat den Vorteil, dass der Nachwuchs die Kultur des Unternehmens kennt. „Das Auswahlverfahren hatte es in sich“, sagt sie rückblickend. Wie fast alle Azubis will auch Carolin Klein in der Firma bleiben. „Hier erhalte ich die beste Ausbildung, die ich bekommen konnte“, sagt sie. Sie lernte zahlreiche Abteilungen kennen – sogar die Produktion.

„Unser Name und unsere Stellung in der Region helfen und natürlich, junge Menschen für unser Unternehmen zu begeistern“, sagt der Werkleiter. „Jedes Jahr gibt es einen Riesen-Run auf die Ausbildungsplätze und wir können die Menschen aussuchen, die am besten zu uns passen.“