Zesch

Jahrhunderte alt: Seltener Tropfen aus Brandenburg

In Zesch liegt der am längsten kontinuierlich betriebene Weinberg Brandenburgs. Seit kurzem wird auch wieder geerntet.

Zwei Mitglieder des Fördervereins zur Förderung des Weinberganbaus: Uta Schelinski und Hagen Ludwig

Zwei Mitglieder des Fördervereins zur Förderung des Weinberganbaus: Uta Schelinski und Hagen Ludwig

Foto: Katrin Starke

Zesch.  Auf Marder und Dachs ist Uta Schelinski nicht gut zu sprechen. Die 50-Jährige kniet im Sand, begutachtet die prallen dunklen Trauben am Rebstock. „Da hat doch schon wieder einer genascht“, sagt sie verärgert und deutet auf einige angeknabberte Beeren. Schon mehrfach haben sich die Nagetiere an den Früchten am Südhang des Weinbergs in Zesch am See (Teltow-Fläming) gütlich getan. „Und das trotz Wildtierschutzzaun.“ Den hat der „Verein zur Förderung des historischen Weinbaus in Zesch“ selbst gesetzt.

Genauso wie die 1500 Reben und die Metallstreben, an denen sich die Pflanzen seit 2013 hochranken. „Nur wenige haben anfangs an unser Projekt geglaubt“, sagt die studierte Agraringenieurin, die heute in der Verwaltung des Landkreises arbeitet. Einige seien nach den ersten Arbeitseinsätzen wieder abgesprungen. Ein Fehler, wie die 650 Flaschen Rot- und Weißwein beweisen, die aus der ersten Lese 2015 hervorgegangen sind. Außer einigen Restflaschen sind „Regent“, „Acolon“ und „Weißer Burgunder“ längst verkauft. Einige der Flaschen haben sich die heute 14 Mitglieder des Vereins in ihren Kellern gesichert. „Zum jahrelangen Aufbewahren eignet sich der Landwein allerdings nicht“, sagt Mitstreiter Hagen Ludwig.

1595 wurde der Weinberg erstmals erwähnt

Dass es noch einmal Rebensaft vom Weinberg Zesch geben würde, davon hatte Carsten Preuß, einer der Vereinsgründer, 2010 noch geträumt. In einer lauen Sommernacht sei im Gespräch mit Freunden diese „Schnapsidee, die sich zu einer Weinidee ausgewachsen hat“, entstanden. Der Zossener, gebürtig aus dem Niederen Fläming, wollte „nicht länger nur im Büro sitzen“. Sondern viel lieber mal wieder in der Erde wühlen, Natur erleben. Preuß hat Landwirtschaft studiert. Dass direkt vor seiner Haustür der am längsten kontinuierlich betriebene Weinberg in Brandenburg liegt – im Zossener Ortsteil Zesch am See, zu DDR-Zeiten eher als Feriendorf bekannt –, ist ein Zufall. Den er zu nutzen wusste.

Preuß stöberte in Chroniken und wurde fündig: 1595 wurde der Weinberg erstmals erwähnt. Damals gehörte er zum Besitz der Niederlausitzer Standesherrschaft, der fürstlichen Familie zu Solms-Baruth. „Über Jahrhunderte wurde hier Wein geerntet.“ Für Preuß ein Anstoß: „Ich wollte, dass Brandenburg wieder als Weinland wahrgenommen wird.“

Vom Ortskern aus ist der Wanderweg zum Weinberg hinauf ausgeschildert. Urlauber sind ihm gefolgt, stehen vor der Schautafel neben der neuen, vom Verein gefertigten Sitzbank. „In Brandenburg wächst Wein?“, fragen beispielsweise Gäste aus Bayern überrascht. Hagen Ludwig, der gemeinsam mit Uta Schelinski gerade auf dem Weinberg nach dem Rechten sieht, erzählt ihnen von einem sogar noch nördlicher gelegenen Anbaugebiet in der Uckermark und berichtet vom Weinanbau in der Lausitz im Süden des Landes. „Hätten wir nicht für möglich gehalten“, kommentiert einer der weißhaarigen Touristen.

Areal wieder in Privatbesitz

Aufzeichnungen über die Tradition des Anbaus und Kelterns in Zesch am See seien nur spärlich vorhanden, sagt Ludwig. Immerhin habe der Verein eine mit Schreibmaschine geschriebene Chronik über die Arbeit am Berg entdeckt, und auch zwei Zeitzeuginnen ausfindig gemacht. Die hätten erzählt, dass für die Pflege und Lese früher vornehmlich die Frauen des Dorfes und der Umgebung zuständig waren. „1944 wurde hier zum letzten Mal Wein geerntet“, sagt Preuß. Das Kriegsende bedeutete die Enteignung. Danach hatten der Wald und der Oberförster das Sagen. Kiefern und Robinien dominierten das Gelände, Bäume, Sträucher und Unkraut überwucherten den Wein. Bis der Verein gegründet wurde und dessen emsige Mitglieder mit Hacke und Spaten beherzt herausrissen, was störte, um die sonnenverwöhnte Hanglage wieder nutzbar zu machen.

Mittlerweile ist das Areal wieder in Privatbesitz. Mit dem jetzigen Eigentümer Graf von Hatzfeldt-Wildenburg konnte Preuß einen Pachtvertrag aushandeln: „Bezahlt wird mit einem Deputat von Weinflaschen.“ Für Preuß ein Zeichen, dass der Besitzer des Berges an die Vereinsidee glaubt. Zu Recht: Auch der Jahrgang 2016 verspricht eine gute Lese. „Vielleicht nicht ganz so optimal wie im Vorjahr“, schätzt Preuß ein. Es habe weniger Sonnentage gegeben.

Künstler gestalten die Etikette der Flaschen

Einige örtliche Gastwirtschaften wie das Lokal „Märkische Traube“ haben den Wein von Zesch am See bereits in ihre Karte übernommen. Auch das Weingeschäft in der Baruther Glashütte vertreibt ihn. In Zossen hat der Verein, der Mitglied im Gartenbauverband des Landes ist, einen eigenen Stand auf dem regionalen Kraut-und-Rüben-Markt. „Der Wein kommt gut an“, sagt Schelinski. „Gerade bei Berlinern.“ Der Preis von 9,50 Euro pro Flasche schrecke nach dem ersten Probeschluck niemanden. Auch wenn die Sorten untypisch für die Region seien und der Wein kein Biosiegel habe. „Wir müssen mit Chemie gegen den Mehltau vorgehen. Da haben wir wegen der fehlenden Arbeitskräfte sonst keine Chance“, begründet sie. Schelinski hat über Monate für den Sachverständigennachweis gebüffelt, ihre Prüfung gemacht.

Der Verein setzt auf Transparenz, stellt sein Konzept beim jährlichen Tag des Weinbaus vor. Ein Künstler aus Wünsdorf hat das diesjährige Etikett gestaltet. Auch für das nächste soll ein regionaler Künstler gewonnen werden, sagt Schelinski. Mit Schlauch und Gießkanne wässert sie seit Monaten die Pflanzen, hofft auf eine automatische Tröpfchenbewässerung. Der Erfolg könnte das nötige Geld dafür in die Kasse spülen. „Noch sind wir am Anfang“, sagt Schelinski. Aber Preuß hat für mehrere Finanzspritzen gesorgt. Lottomittel des Landes Brandenburg sind aufs Vereinskonto geflossen, das Leader-Programm zur Förderung des ländlichen Raums hat Preuß angezapft. „Das war allerdings aufwendiger, als den Weinberg neu zu bestellen“, so sein Fazit.