Brandenburg

Teltow will mehr als nur eine Schlafstadt sein

Die Stadt im Süden Berlins ist die am schnellsten wachsende Kommune Deutschlands. Doch der Boom stellt sie vor Herausforderungen.

Jana und Anna (r.) Prothmann leben in Teltow, der deutschlandweit am stärksten wachsenden Kleinstadt

Jana und Anna (r.) Prothmann leben in Teltow, der deutschlandweit am stärksten wachsenden Kleinstadt

Foto: Jakob Hoff

An einem sonnigen Sonnabendnachmittag herrscht in der Altstadt der am schnellsten wachsenden Stadt Deutschlands schläfrige Stille. Die von Blumenampeln gesäumten Sträßchen mit bonbonfarbenen Fassaden sind leer. Ein paar Touristen sitzen im Café vor dem Rathaus. Der junge Kellner zuckt die Schultern. „Ansonsten ist hier ja auch nichts“, sagt er.

Die „Boomtown“, wie Teltow seit einer Städte-Studie vor einigen Monaten oft genannt wird, boomt auf den ersten Blick ziemlich leise. „Es ist natürlich keine Großstadt“, wiegelt Bürgermeister Thomas Schmidt (SPD) ab. Aber ein reiner Wohnvorort will die Stadt im Speckgürtel zwischen Berlin und Potsdam auch nicht sein. Manche Teltower wünschten sich „Jubel, Trubel, Heiterkeit“, andere Beschaulichkeit. „Den Spagat muss man dann auch hinkriegen“, sagt Schmidt.

In alter VEB-Kantine eröffnete ein China-Restaurant

Teltow, das mit dem Kanal im Norden an den Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf grenzt und sich nach Süden spitz ins märkische Grün zieht, ist mittlerweile einer der am dichtesten besiedelten Orte des Berliner Umlands. Das frühere Industriezentrum stand nach dem Fall der Mauer kurz vor der Pleite, ist aber heute ein gefragter Standort für Dienstleister.

Seit dem Mittelalter brannte die Stadt sieben Mal ab, nach dem sechsten Feuer begannen die Teltower der Legende nach mit dem Anbau ihrer berühmten Rübchen. In der früheren Kantine des „VEB Elektronische Bauteile“ eröffnete vor fünf Jahren das nach eigenen Angaben größte China-Restaurant Deutschlands. Der Zuzug von Großstädtern mit Sehnsucht nach Natur mit S-Bahnanschluss hat dazu geführt, dass der Ort in den vergangenen Jahren das mit Abstand steilste Wachstum aller deutschen Städte hingelegt hat. Im Laufe der kommenden Monate wird Teltow auf 26.000 Einwohner anwachsen – 16.000 waren es noch vor knapp 20 Jahren.

Die Pendlerzüge sind in beiden Richtungen voll

Der Düsseldorfer Martin Jacoby zog vor acht Jahren zur Familiengründung nach Teltow. „Wir wollten das Kind in einer Umgebung aufwachsen lassen, in der es sich frei bewegen kann“, erzählt der Grafiker. In seiner Doppelhaus-Nachbarschaft leben Familien aus Sachsen-Anhalt, Sri Lanka und der Schweiz. Wie der Großteil aller in Teltow lebenden Arbeitnehmer pendeln auch Jacobys Frau und seine Nachbarn nach Berlin. Weniger als ein Fünftel der Teltower Arbeitnehmer arbeitet tatsächlich in Teltow.

Doch die Züge und Autobahnen sind in beide Richtungen voll: Mehr Pendler, als Teltow jeden Morgen verlassen, kommen umgekehrt aus Berlin und Brandenburg zum Arbeiten in die Stadt. Auch der 23 Jahre alte Kellner im Restaurant am Rathaus lebt als gebürtiger Teltower mittlerweile in Berlin. Als Attraktion von Teltow fällt ihm neben dem Heimatmuseum spontan nur der Open-Air-Kinoabend ein – einer von zwei Abenden im ganzen Sommer. Wer öfter ins Kino möchte, muss in den Nachbarort fahren. Ein eigenes Kino hat Teltow seit 2005 nicht mehr.

Wichtig sind Straßen, Schulen und Kitas

Manche Dinge lohnen sich für eine Stadt im Speckgürtel einfach nicht, erklärt der Bürgermeister. „Jemand, der ins Theater will, wird immer nach Berlin oder nach Potsdam fahren. Da müssen wir nichts aufbauen, was im nahen Umfeld vorhanden ist“, sagt Schmidt. Wichtiger seien Straßen, Schulen, Kitas.

Der Hof von Roni Jacobowitz hat fast das ganze Jahr über offen. In einem mausbraunen Haus an der Potsdamer Straße, der Hauptstraße Teltows, führen der 69-Jährige und seine Frau seit 14 Jahren ein Antikgeschäft. Steigende Mieten in Berlin waren es, die das Ehepaar das Haus in Teltow kaufen ließen. Mittlerweile haben auch die Mieten in Teltow Rekordniveau erreicht. „Mietmäßig hätten wir das Gewerbe hier nie schaffen können“, sagt Jacobowitz. Wohnblocks mit Eigentumswohnungen wachsen in den Himmel, daneben stehen Läden leer. Die Entwicklung sei auf die Klientel ausgerichtet, die auch der neue Sportboothafen anlocken soll, sagt Jacobowitz. „Aber der Hafen ist ja noch eine Fata Morgana.“

Eine Mietpreisbremse wurde eingeführt

Der Bau der Marina am Teltowkanal war schon umstritten, bevor die Kosten der Baustelle von ursprünglichen 5,5 Millionen Euro auf mittlerweile fast 15 Millionen Euro explodierten. Von den 39 Bootsliegeplätzen mit Hafenanlage und Gastronomie erhoffen sich Befürworter einen Magnet für Touristen und ein beflügeltes Stadtleben. Gegner sehen in dem Projekt lebensfernen Luxus und plädieren stattdessen für ein Schwimmbad.

Widerstand gegen den Hafen war auch der Grund, weshalb Jeannette Paech für die Piratenpartei ins Stadtparlament zog. „Es werden viele Eigentumswohnungen gebaut, aber es gibt keinen bezahlbaren Wohnraum für sozial Schwache. Ich habe das Gefühl, dass alte Teltower immer mehr verdrängt werden“, sagt die 49-Jährige, die seit 2004 in Teltow lebt.

„Es gibt für mich da keine wahrnehmbaren Konflikte“, sagt Bürgermeister Schmidt. Man müsse den Wohnraum auch den Menschen mit schmalem Geldbeutel erhalten. Das Land Brandenburg hat für Orte wie Teltow zu Beginn des Jahres 2016 eine Mietpreisbremse eingeführt. Auf Hilfe vom Land hofft man auch für die zwei Dutzend Sozialwohnungen, die bis 2018 gebaut werden sollen. Im selben Jahr soll auch die Marina fertig sein.