Geschichte

Rangsdorf - Berlins vergessener Flughafen

Vor 80 Jahren die Eröffnung. Beate Uhse und Heinz Rühmann waren hier, Stauffenberg startete am 20. Juli 1944 zur Wolfsschanze.

Weil der Flughafen direkt am Rangsdorfer See lag, konnten Flugzeuge sowohl an Land als auch auf dem Wasser landen

Weil der Flughafen direkt am Rangsdorfer See lag, konnten Flugzeuge sowohl an Land als auch auf dem Wasser landen

Foto: Bücker-Museum Rangsdorf

Wer zufällig nach Rangsdorf kommt, ahnt erst mal nichts von seiner Geschichte und von dem Leben, das sich hier einst abgespielt hat. Vor 80 Jahren fuhren viele Berliner zum Arbeiten nach Rangsdorf, heute ist es umgekehrt. Die 10.000-Einwohner-Gemeinde, zehn Kilometer südlich der Berliner Stadtgrenze, ist ein ruhiger Ort, sieht man mal von dem nahe gelegenen südlichen Autobahnring ab. Hohe Bäume säumen die Straßen, es gibt einen wunderschönen See mit Vogelschutzgebiet und Strandbad. Das ist es dann auch schon mit den Sehenswürdigkeiten. Fast. Am Ende der Walther-Rathenau-Straße ist noch ein 108 Hektar großes Areal, überwiegend Wiese mit ein paar verfallenen Gebäuden. Es ist umzäunt, das Tor verschlossen. Besuchen lässt es sich nur mit einer Sondergenehmigung – oder durch eines der Löcher im Zaun, aber das ist selbstverständlich nicht zulässig. Es ist aber auch nicht gerade einladend und ohnehin seit 1945 Sperrgebiet. Davor aber war das Areal neun Jahre lang einer der wichtigsten Flugplätze der Region.

Am 30. Juli 1936, am Vorabend der Olympischen Sommerspiele, wurde der Reichssportflughafen, so sein offizieller Name, mit dem „Internationalen Kunstflugwettbewerb um den Preis der Nationen“ eröffnet. Die Lage direkt am See ließ es zu, dass hier sowohl Land- als auch Wasserflugzeuge landen konnten. Später wurde der Flugplatz sowohl zivil als auch militärisch genutzt. Hier war Sitz der Bücker Flugzeugbau GmbH, wo erst Sportflugzeuge, später vor allem Schulflugzeuge für die Luftwaffe gebaut und eingeflogen wurden. Fast 1000 Mitarbeiter arbeiteten in den Werken.

Und hier gab es eine Reichssportfliegerschule, in der auch Beate Köstlin Schülerin war. Am 7. August 1937 absolvierte die 17-Jährige den ersten Flug ihres Lebens und lernte nicht nur zusammen mit 59 Männern Wetter- und Motorkunde, sondern auch ihren Fluglehrer, Hans-Jürgen Uhse, kennen. Kurz nach Kriegsbeginn heirateten die beiden. Sie wurde Einfliegerin von Bücker und machte nach dem Krieg bekanntlich als Unternehmerin in einer ganz anderen Branche Karriere, er zog als Jagdflieger in den Krieg und kam 1944 bei einer Kollision mit einem anderen Flugzeug ums Leben.

Am Wochenende trafen sich im Aero-Club Ernst Udet, Elly Beinhorn, Heinz Rühmann

Zum Flughafen gehörte auch noch der Aero-Club, entworfen von Ernst Sagebiel, dem Architekten, der auch Tempelhof gebaut hatte. Im Aero-Club traf sich am Wochenende die Berliner Prominenz aus Politik und Gesellschaft: Hermann Göring, Ernst Udet, Elly Beinhorn, Heinz Rühmann.

Ab Oktober 1939 war Rangsdorf sogar für ein halbes Jahr Verkehrsflughafen, weil befürchtet wurde, Tempelhof könne nach Kriegsausbruch bombardiert werden. Hier starteten und landeten nun die Verkehrsflugzeuge der Lufthansa, aber auch russische und schwedische Fluggesellschaften. Passagiere checkten bereits in Berlin, im Luftreisebüro in der Friedrichstraße, ein, dann wurden die Fluggäste mit einem Bus nach Rangsdorf gefahren. Am Vormittag wurde abgeflogen, am Nachmittag kamen die Maschinen wieder aus Wien, Rom, Sofia, Istanbul, Danzig oder Kopenhagen zurück. Doch die Luftangriffe auf Tempelhof blieben aus, und so richtig geeignet war Rangsdorf als Verkehrsflughafen wohl doch nicht. Hier gab es ja nicht mal eine befestigte Start- und Landebahn, sondern nur ein rundes Rasenfeld.

Zwei Sprengladungen hatte Stauffenberg in seiner Aktentasche

Ab 1940 diente Rangsdorf ausschließlich militärischen Zwecken und war nur noch Fliegerhorst. Am 20. Juli 1944 gegen 7 Uhr stieg Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg mit seinem Adjutanten in ein zweimotoriges Kampfflugzeug der Marke Heinkel HE 111 und flog nach Ostpreußen. Sein Ziel war die Wolfsschanze. In seiner Aktentasche hatte er zwei Sprengladungen. Die erste detonierte um 12.42 Uhr. Drei Stunden später landete Stauffenberg wieder in Rangsdorf und verkündete am Telefon: „Meine Herren, Hitler ist tot.“ Er war es nicht. Stauffenberg wurde noch am selben Tag festgenommen und kurz nach Mitternacht im Bendler-Block erschossen.

An den Widerstandskämpfer erinnert in Rangsdorf heute nur eine kleine Gedenktafel am Ufer des Sees. Und es gibt die Stauffenbergallee, eine Sackgasse. Überhaupt gibt es wenig Zeugnisse der vergangenen Ereignisse rund um diesen Flughafen. Die Sportfliegerschule und die Flugzeughallen am nördlichen Rand existieren nicht mehr, und auch die Ruinen hinter dem Tor am Ende der Walther-Rathenau-Straße verraten nicht gleich, dass sie einmal die Werks- und Einfliegerhallen der Bücker-Werke waren. Der Weg dahin führt links an alten, inzwischen restaurierten Werkswohnungen von Bücker vorbei, rechts erst an Plattenbauten, dann an ein paar neugebauten Einfamilienhäusern. Nur wer eine Genehmigung hat, dem öffnet der Wachschutz das Tor. Eine Ausnahme gibt es am Tag des offenen Denkmals, der in diesem Jahr am 11. September stattfindet. Dann gibt es hier Führungen, zu denen Jahr für Jahr Hunderte Interessierte kommen. Viele seien aus der Umgebung, aber auch aus Berlin, weiß Knut Hentzschel, der die Führungen betreut.

Fast 50 Jahre war der Flugplatz Rangsdorf Sperrgebiet

Er kennt sich auf dem ehemaligen Fluggelände aus und hat den Förderverein Bücker-Museum Rangsdorf e.V. (buecker-museum.de) mitgegründet, lange war er dessen Vorsitzender. „Erst seit der Wende weiß ich, dass hier die Bücker-Werke waren“, sagt er. Der 53-Jährige lebt zwar schon seit 1969 in Rangsdorf, als Sechsjähriger zog er damals mit seiner Familie hierher, aber die Ortsgeschichte vor 1945 war in der Schule kein Thema, und das Gelände hat er zum ersten Mal 1993 betreten. Damals veranstaltete die sowjetische Armee vor ihrem Abzug aus Deutschland ein Begegnungsfest auf dem Flugplatz. Zuvor war fast 50 Jahre lang ein Kontakt zwischen Bevölkerung und Soldaten unerwünscht. Die Sowjetarmee hatte den Flugplatz am 22. April 1945 eingenommen und nach Kriegsende eine Instandhaltungseinheit für Flugzeuge, später für Hubschrauber eingerichtet. Was hinter dem Zaun passierte, blieb den Rangsdorfern verborgen. Es war Sperrgebiet. „Nur von der Bahn aus konnte ich sehen, wie die Soldaten immer Briketts aus Güterwagen in den Kohlebunker mit bloßer Hand entluden“, erinnert er sich. Manchmal hat er sich mit Freunden ganz nah an den Stacheldrahtzaun herangetraut und beobachtet, wie Soldaten und Jugendliche Tauschgeschäfte machten: Alkohol oder Zigaretten wurden rübergereicht.

Präsent war der Flughafen auch dadurch, dass oft Hubschrauber in der Luft standen und nach der Instandsetzung alle Funktionen überprüft wurden. „Dieses stundenlange Brummen haben viele Rangsdorfer heute noch im Ohr“, weiß Hentzschel. Obendrein fürchten sie ohnehin schon den Flugverkehr durch den zukünftigen BER. Und beides zusammen ist wohl auch der Grund, wieso viele Rangsdorfer auf keinen Fall wollen, dass hier wieder Flugzeuge gebaut oder gewartet werden. So eine Idee gab es nämlich schon. Nach der Jahrtausendwende wollte ein polnischer Investor die Bücker-Werke wiederbeleben und in eine der noch funktionstüchtigen Hallen des alten Werks die Endmontage der Bü 131 Jungmann verlegen. Es sollte eher eine Manufaktur als ein großes Werk werden. Bücker-Maschinen sind heute Oldtimer, die nachgebauten Flugzeuge sind nur etwas für betuchte Liebhaber. Doch das Vorhaben scheiterte am Widerstand der Rangsdorfer. Der Investor blieb in Polen und baute die Bü 131 im schlesischen Jasienica. Nach seinem Tod bei einem Flugunfall wurde die Produktion 2006 wieder eingestellt.

Nach 55 Jahren landeten zum ersten Mal wieder Bücker-Maschinen auf dem Flugplatz

Bücker-Flugzeuge wieder an seinen ursprünglichen Standort zurückzuholen, das ist für Hentzschel eine faszinierende Vorstellung. Immerhin hat es der Förderverein Bücker-Museum Rangsdorf dreimal geschafft, Bücker-Flugtage in Rangsdorf zu organisieren. Zum ersten Mal an Ostern im Jahr 2000 landeten hier wieder nach 55 Jahren Bücker-Maschinen. Oldtimer, aber auch zwei in Polen neu gebaute Bü 131 Jungmann . „Wer eine Bücker hat, will einmal in seinem Flugbuch Rangsdorf eingetragen haben, den Ort, wo Bücker gebaut hat“, erklärt Hentzschel. 2005 wurde Rangsdorf zum letzten Mal für zwei Tage für den Flugverkehr freigegeben. Seitdem gab es keine Bewilligung mehr.

„Ich habe mich schon seit meiner Kindheit für Flugzeuge interessiert“, sagt Knut Hentzschel. Darum ist es nicht verwunderlich, dass er auch beruflich mit dem Fliegen zu tun hat. „Ich bin Simulant“, sagt er, genau genommen ist er Ingenieur für Flugsimulation in Schönefeld. Und Hobbypilot ist er auch, gerade baut er sich selbst ein Flugzeug. Eine Bücker? Er lacht, nein, das sei dann doch eine andere Dimension. Nebenbei suchen er und seine Mitstreiter vom Förderverein noch einen neuen Standort für das Bücker-Museum. 2001 öffnete das Museum im alten Seebad-Casino am Rangsdorfer See, es zeigte Dokumente, Fotos, Rekonstruktionen und auch ein paar alte Flugzeugteile. Ende 2015 musste das Museum schließen, weil der Mietvertrag ausgelaufen war. Seitdem kann der Verein nur noch eine kleine Auswahl im Rangsdorfer Rathaus zeigen. Aber auch das ist zeitlich begrenzt. Die Zukunft ist ungewiss. „Am schönsten wäre es natürlich, wenn wir auf dem Flugplatzgelände wären“, sagt Hentzschel, „aber dann müsste hier auch etwas passieren, von Fachpublikum allein können wir nicht leben“.

Vandalismus und Altmetall-Tourismus zeigen ihre Spuren

Doch wer in die verfallenen Hallen schaut, braucht Fantasie, um sich eine neue Nutzung vorzustellen. „Als die sowjetischen Soldaten 1994 abzogen, war hier zwar viel verändert, aber noch alles gut erhalten“, weiß Hentzschel. Die Dächer seien dicht gewesen und sogar die großen Tore ließen sich noch öffnen. Aus der einen Einfliegerhalle haben Sowjets später eine Turnhalle gemacht. Turngeräte stehen noch herum, an den Wänden hängen Basketballkörbe und Losungen auf Kyrillisch.

In den 20 Jahren danach war das Gelände dem Verfall, dem Vandalismus und dem „Altmetall-Tourismus“, wie Hentzschel es nennt, preisgegeben. Zwar ist es umzäunt und es gibt einen Wachschutz. Doch es gibt eben auch viele Löcher im Zaun. Auch an diesem Nachmittag sieht man ein Pärchen über das Gelände laufen. Es ist allerdings schnell wieder verschwunden, als es den Wachschutz sieht. Die Ruinen gehören heute zu den sogenannten „hidden places“, Relikten meist aus der DDR-Vergangenheit, die wegen ihres morbiden Charmes, ihrer Mischung aus Verbotenem und Verfallenem, von vielen als großer Abenteuerspielplatz betrachtet werden und einen ganz eigenen Tourismus geweckt haben. Mal werden hier Mutproben veranstaltet, erst vor einigen Monaten ist ein Jugendlicher hier von einem baufälligen Dach gestürzt und hat sich schwer verletzt, mal finden hier illegale Partys statt.

In den verfallenen Hallen wachsen zum Teil schon Bäume

Allein das Land Brandenburg hat nach dem Fall der Mauer 100.000 Hektar Fläche von den sowjetischen Streitkräften übernommen, mehr als 90 Prozent davon werden heute zivil genutzt. Für zehn Prozent, darunter den Flughafen Rangsdorf gibt es noch kein Konzept. Allerdings Ideen. Neulich hat Hentzschel Mitarbeiter des Technik-Museums aus Berlin hier herumgeführt. Das Museum braucht dringend mehr Platz und hatte das Gelände als mögliche Außenstelle begutachtet, um seine Flugzeuge ausstellen zu können. Für das Bücker-Museum wäre das eine Chance, sich anzuschließen. Es gibt auch Pläne, auf dem ehemaligen Flugplatz und in den Hallen Sportanlagen zu errichten. Daran habe Rangsdorf zwar großen Bedarf, sagt Hentzschel, aber dazu fehlt der Gemeinde das Geld. Also wachsen in den Hallen vorerst weiter die Bäume, bis ein Investor gefunden ist.

Wobei sich doch schon so manches getan hat. Vor zehn Jahren hat der Künstler André Butzer das ehemalige Verwaltungsgebäude von Bücker sowie die Kantine gekauft und denkmalgerecht saniert. Heute lebt er hier mit seiner Familie und einigen Schafen. Immer mal wieder dringt ihr Blöken über das Gelände. Der Künstler mag offenbar die Einsamkeit an diesem Ort und empfängt nicht gern fremde Besucher. Aber der Blick auf die restaurierten Gebäude lässt erahnen, wie es hier vor 80 Jahren mal ausgesehen haben mag.

Im einst mondänen Aero-Club ist heute ein privates Gymnasium untergebracht

Auch der Aero-Club vor dem Rangsdorfer See ist vollständig saniert und erstrahlt in seinem alten Glanz. Er ist heute Sitz der privaten Seeschule, eines Gymnasiums mit Internat und etwa 250 Schülern. Es war erste Gebäude, das auf dem Gelände überhaupt hergerichtet wurde. „Das war schon eine abenteuerliche Idee, hier eine Schule zu errichten“, erinnert sich Christoph Schmidt, Geschäftsführer der Schule und einer ihrer Gründer. Die Lage des Aero-Clubs direkt am Wasser sei traumhaft, das war dem leidenschaftlichen Segler gleich klar, als er im Jahr 2000 den Ort zum ersten Mal besucht hat. Aber ansonsten habe es hier schlimm ausgesehen, betont der 52-Jährige. „Der Weg zur Schule führte über rumpelige Straßen, zwischen verlassenen Kasernen hindurch, überall waren kaputte Häuser und lagen Scherben“, erzählt Schmidt. Die Eltern, so der Geschäftsführer im Rückblick seien, „ganz schön mutig gewesen, dass sie ihre Kinder hierhergeschickt haben“. Heute ist die Stauffenbergallee, die zur Schule führt, gesäumt von Neubauten.

2001 hatte die Schule mit 24 Internatsschülern in einem Nebengebäude angefangen, das die Sowjets für ihre Kinder als Grundschule gebaut hatten. Parallel fand die Sanierung des Aero-Clubs statt. Das Haus musste wieder in seinen ursprünglichen Zustand von 1936 gebracht werden, so die Denkmalschutzauflage. Die Umbauten waren aufwendig, weil die sowjetische Armee, die hier ein Nachrichtenregiment unterhalten hatte, auch dieses Gebäude stark verändert hatte. So war zum Beispiel der Laubengang teils zugemauert, um mehr Raumfläche zu gewinnen. Fünf Jahre dauerten die Arbeiten. Die Spuren der Sowjets sind dabei fast ganz verschwunden. „Alles, was sich abmontieren ließ, haben die Soldaten nach ihrem Abzug mitgenommen – sogar Badewannen und Heizkörper“, erzählt Schmidt. Nur im Keller gibt es noch eine Vitrine mit ein paar Relikten, die der Hausmeister in der Nähe im Wald gefunden hat: ein Kessel, ein Blechnapf, Besteck, ein alter Stiefel, eine Tafel mit Anweisungen in kyrillischen Buchstaben. Im heutigen Lehrerzimmer war ein Fries an der Wand mit einer Soldatenszene. Eigentlich wollte Schmidt es erhalten, aber er durfte nicht, weil das Fries nicht von 1936 war.

Bei einem Treffen der Bücker-Mitarbeiter begegnete ein Testpilot nach 60 Jahren seiner Sekretärin

Berührungen mit der Vergangenheit gibt es dennoch, erzählt Schmidt. Immer mal wieder stehe ein älterer Mann vor dem Haus und frage, ob er sich umschauen dürfe, er sei hier früher stationiert gewesen. Bis vor einigen Jahren seien auch schon mal hochbetagte Männer gekommen, die noch in den alten Bücker-Werken gearbeitet hatten. Der Förderverein Bücker-Museum hat solche Begegnungen ehemaliger Werksmitarbeiter sogar selbst einige Male organisiert. „Beim ersten Mal haben sich ein Testpilot und seine Sekretärin nach mehr als 60 Jahren wiedergetroffen“, erinnert er sich. Ein berührender Moment für alle, die dabei waren. Das letzte Treffen fand vor zehn Jahren statt, inzwischen lebe kaum noch jemand von der Bücker-Generation.

Wer heute auf der Terrasse des Aero-Clubs steht und auf den See schaut, der kann sich vorstellen, wieso es so viele Berliner früher hierherzog. Allein dieser Blick war es wert. Aber es gab noch mehr zu sehen. Auch nach den Olympischen Spielen fanden in Rangsdorf immer wieder Kunstflugveranstaltungen statt, zu denen aus Berlin viele Schaulustige anreisten. Die Hautevolee fuhr im eigenen Wagen vor. Im Keller des Aero-Clubs waren für die Automobile große Garagen vorgesehen. Der Schauspieler Heinz Rühmann kam zum Beispiel oft am Wochenende. Es gibt eine alte Filmaufnahme, da sieht man den Schauspieler mit seiner Frau auf der Terrasse Kaffee trinken, während sein Dackel das Bein an den Rabatten hebt. Vorher war er mit seiner „Motte“, einer de Havilland D.H. 60 Moth, geflogen. Sein Freund, der Jagd- und Kunstflieger Ernst Udet, hatte ihm den Stellplatz für den Flieger in einem Hangar von Rangsdorf verschafft. Das Flugzeug verwendete der Schauspieler auch für Aufnahmen zu seinem Film „Quax, der Bruchpilot“. Für die Schüler werden solche Erinnerungen in diesem Haus lebendig. Anderswo können Jugendliche kaum noch etwas mit Heinz Rühmann anfangen. In der Seeschule ist das anders: „Jedes Jahr schauen wir die Feuerzangenbowle“, erzählt Schmidt.

Für eine Reichsmark konnten Berliner aus der Stadt an den Rangsdorfer See fahren

Für Berliner ohne eigenes Auto gab es am Sonnabend und Sonntag einen Busverkehr zwischen dem Haus der Flieger am Leipziger Platz in Berlin und dem Aero-Club in Rangsdorf. Eine Fahrt kostete eine Reichsmark und die dauerte nicht einmal eine Stunde, weil die B 96 damals schon existierte. Außerdem gab es seit Ende des 19. Jahrhunderts schon einen Bahnverkehr zwischen Berlin und Dresden, den viele Berliner ohnehin schon nutzten, um zum Strandbad am Rangsdorfer See zu gelangen. In den 1920er-Jahren wurde die beliebte Badestelle sogar zum Seebad ausgebaut. Aus Berlin wurde dafür eine Glashalle erworben, die vorher Bierhalle war und nun zum „Strand-Casino“ wurde. Mit dem Bau des Flughafens erlebte das Strandbad dann weiteren Aufschwung. Zeitweilig galt es sogar als „Lido des Berliner Südens“. Auch deshalb wurde bis 1940 die Berliner S-Bahn bis Rangsdorf verlängert.

Nicht nur die Verkehrsanbindung an den Rangsdorfer Flughafen war damit mustergültig. Auch die Bauzeit des Flughafens war beispielhaft. Im März 1935 hatte eine Delegation die Wiesen und Felder zwischen der Bahnlinie und dem See begutachtet und für einen Flugplatz als geeignet erachtet. Kurz danach fiel im Reichsluftfahrtministerium die Entscheidung zum Bau und sofort begannen die Arbeiten. Schon im Herbst begann dann die Produktion von Flugzeugen in den Bücker-Werken, der Flugplatz selbst war im Juli 1936 fertig. Die ersten Flugzeuge konnten hier schon vor der offiziellen Eröffnung am 30. Juli landen – nach nur 14 Monaten Bauzeit.

Brandschutz gab es in den 30er-Jahren kaum. Darum kam es 1939 zum Großbrand

Vergleiche zu einem anderen Flughafenbau sind dennoch kaum angebracht, denn dem Brandschutz wurde damals wohl nur wenig Beachtung geschenkt. Das rächte sich dann allerdings drei Jahre nach der Eröffnung. Früher, so erklärt Hentzschel, war es üblich, dass die Flugschüler ihre Maschinen bei laufendem Motor verließen und ein anderer Mitschüler einstieg. Den Motor immer wieder neu von Hand zu starten, dauerte zu lang. Am 21. Mai 1939 hatte dann offenbar ein Flugschüler beim Ausstieg aus dem Schulflugzeug Focke-Wulf namens „Stieglitz“ versehentlich den Gashebel erwischt und das Flugzeug ist unbemannt in die Einfliegerhalle gerast. In der Halle standen fast 50 auslieferungsbereite, vollbetankte Flugzeuge. Es kam zur Explosion, die Halle ging in Flammen auf. Sämtliche Feuerwehren der Region rückten aus, doch sie konnten nichts mehr retten. Ein Jahr später stand allerdings schon eine neue Einfliegerhalle – sie war doppelt so groß und steht heute auch unter Denkmalschutz. Geschützt wirkt sie aber nicht, auch sie ist heute verfallen, mehr Zeugnis der wechselvollen Geschichte dieses Ortes als Denkmal.

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