Schloss Sacrow

Ausstellung zeigt Zerstörung der Landschaft für DDR-Grenze

Im Schloss Sacrow wird jetzt die systematische Zerstörung der Potsdamer Sehnsuchtslandschaft für DDR-Grenzanlagen gezeigt - trimedial.

Anbei erhalten Sie einige Fotos der Ausstellungsräume von heute. Alle Bilder sind (c) KRANZ PR / ANJIKO

Anbei erhalten Sie einige Fotos der Ausstellungsräume von heute. Alle Bilder sind (c) KRANZ PR / ANJIKO

Foto: KRANZ PR / ANJIKO / BM

Machtlos muss Karl Eisbein zusehen, wie die Planierraupen vor dem Schloss Babelsberg auffahren und mit ihrem Werk der Zerstörung beginnen. Wege werden vernichtet, Bäume entwurzelt, Pflanzen herausgerissen, Erdreich wird weggebaggert. „Ich hatte nur einen Gedanken“, erinnert sich der frühere Leiter des Babelsberger Parks an diese Szene während des Kalten Krieges: „Merk dir, wohin die Erde geschoben wird, damit du es deinem Nachfolger sagen kannst.“ Gut 150 Jahre alt ist der Park zu dieser Zeit. Eisbein ist sich nur in einem sicher: „Irgendwann in den nächsten 150 Jahren wird die Grenze fallen. Und dann wird die Kulturlandschaft wieder hergestellt.“

Die Folgen der deutschen Teilung waren für die Landschaft verheerend

Dass er das noch erleben wird, selbst mit Hand anlegen darf, um den Parkanlagen ihre ursprüngliche Gestalt zurückzugeben, hatte er damals nicht zu hoffen gewagt. Vor laufender Kamera kommen Eisbein, dem heute 72-Jährigen, die Tränen. Eingefangen hat sie Dokumentarfilmer Jens Arndt (56). Der gebürtige Berliner hat sich in den vergangenen vier Jahren mit einem besonderen Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte beschäftigt: mit den Folgen der Teilung für die im 19. Jahrhundert von Peter Joseph Lenné und Hermann Fürst Pückler geschaffene Sehnsuchtslandschaft zwischen Potsdam und Berlin. In den Fokus hat der Autor und Filmemacher dabei den Park Babelsberg, den Neuen Garten und den Park Sacrow gerückt.

Unter dem Motto „Gärtner führen keine Kriege“ präsentiert Arndt nun seine Trimediale: Neben einem in Kooperation mit dem Rundfunk Berlin-Brandenburg entstandenen, auf DVD erhältlichen Film und einem reich bebilderten Sachbuch hat er eine bis zum 13. November laufende Ausstellung mit umfangreichem Begleitprogramm im Schloss Sacrow kuratiert.

Mauer, Grenzzäune, Todesstreifen statt romantischer Uferwege

Mit dem Bau der Mauer 1961 wird das auf König Friedrich Wilhelm IV. (1775–1861) zurückgehende Preußische Arkadien an der Havel in weiten Teilen vernichtet. Zum Ende der DDR sind mehr als 35 Hektar in Mitleidenschaft gezogen. Statt romantischer Uferwege bestimmen 28 Jahre lang Mauer, Grenzzäune mit Stacheldraht, Wachtürme und Todesstreifen das Bild an der Wasserlinie, scheint es endgültig vorbei zu sein mit den besonderen Lennéschen Sichtachsen. Denn den Begriff Sicht interpretieren die Grenzer auf ihre ganz eigene Weise. Ihnen geht es um ein freies Sicht- und Schussfeld, um etwaige Flüchtende am Grenzübertritt zu hindern.

Tonnenweise werden deshalb Herbizide gespritzt und gestreut, mächtige Baumriesen gefällt. An anderen Stellen wiederum regiert der Wildwuchs, dürfen Gehölze bewusst nicht zurückgeschnitten werden, um den Ausblick „in den Westen“ zu verhindern, oder werden historische Kleinode wie die 1796 im Neuen Garten errichtete Eremitage abgerissen, um mögliche Fluchtverstecke zu eliminieren.

Arndt ist zur Recherche tief abgetaucht, hat Akten, Weisungen, Protestbögen, Fotos und Briefe aus den Archiven der heutigen Schlösserstiftung, dem Militärarchiv in Freiburg sowie Stadt- und Landesarchiven ans Licht geholt. „Mir ging es um das Sichtbarmachen erlebter Geschichte, erzählt aus der Perspektive der Gärtner.“ Diejenigen, die von den sieben Gestaltungssäulen – Wasser, Wege, Wiesen, Pflanzen, Bäume, Sichten und Architektur – nur noch träumen konnten, die einen englischen Landschaftsgarten ausmachen und den Gartenkünstlern im 19. Jahrhundert in Potsdam als Vorbild galten.

Denn Jahr für Jahr wurde das System Grenze ausgebaut und perfektioniert. „Der Alltag der Parkgärtner war geprägt vom unermüdlichen Kampf gegen diese Grenze und von schmerzhaften Einschnitten, mit denen sie leben mussten“, hat Arndt in etlichen Gesprächen erfahren.

Bis zu 38.000 Nagelmatten im Todesstreifen rund um West-Berlin

Die Wunden seien verheilt, die Narben geblieben, hat ihm Harri Günther gestanden. 35 Jahre lang war Günther als Gartendirektor verantwortlich für die Parkanlagen. „Umso wichtiger war es mir, auch die Heilung dieser Landschaft zu zeigen“, unterstreicht Arndt. Ein Rückgewinn, der trotz allem immer wieder zu schmerzhaften Auseinandersetzungen mit dem Vergangenen führt.

Arndt deutet auf die in einem Ausstellungsraum drapierte Nagelmatte, mit der Flüchtlinge gestoppt werden sollten. Er selbst hat sie ins Schloss getragen. Ein Schaudern kann und will er nicht unterdrücken. Nicht anders der stellvertretende Gartendirektor Heinrich Hamann. Als der im Frühjahr 1990 das erste Mal den Grenzstreifen im Babelsberger Park betreten darf, entdeckt er im Wasser einer kleinen Bucht an der Glienicker Lake am Maschinenhaus den sogenannten „Stalinrasen“. Und ist schockiert: „Die langen Nägel hat man im Wasser nicht gesehen.“ Bis zu 38.000 dieser Nagelmatten wurden in den 1980er-Jahren im Todesstreifen rund um West-Berlin ausgelegt. Neun Menschen kamen zwischen dem Mauerbau und 1975 im Bereich der Kulturlandschaften ums Leben.

Grenztruppen suchten das Wasser mit Scheinwerfern ab

Zahlen, die Arndt, den gebürtigen Zehlendorfer, nicht kaltlassen: Als junger Mann habe er sich in einer warmen Sommernacht mit Freunden im Park Klein-Glienicke getroffen. „Plötzlich bemerkten wir ein Boot der Grenztruppen, die mit einem Scheinwerfer das Wasser absuchten.“ Eine gespenstische Ruhe habe sich über das Wasser gelegt. „Kurz hörten wir ein Platschen, konnten aber niemanden entdecken.“

Doch auch der Filmemacher hat sich das Stück Heimat zurückerobert. Mit dem Wassertaxi ist er von Potsdams Hauptbahnhof aus durch die Kulturlandschaft geschippert. Und ist begeistert. „In nur einer Dreiviertelstunde erlebt man, was Lenné und Pückler vollbracht haben.“ Nicht von ungefähr hat Arndt einen besonderen Service für Ausstellungsbesucher eingefädelt: „Wer mit dem Wassertaxi zum Schloss Sacrow anreist, braucht bei Vorlage des Ausstellungstickets die Rückfahrt auf dem Wasser nicht zu zahlen.“

Ausstellung: „Gärtner führen keine Kriege – Preußens Arkadien hinter Stacheldraht“ im Schloss Sacrow, Krampnitzer Straße 33 in Potsdam. Bis 13. November 2016, Öffnungszeiten: Fr.– Mo. 11 – 18 Uhr, Eintritt: 9 Euro. Infos unter: www.gaertner-fuehren-keine-kriege.de