Potsdam

Potsdamer fordern bessere Kita-Betreuung

Potsdamer beklagen massive Probleme in den Kitas - sobald eine Erzieherin ausfällt. Weil viele Eltern pendeln,werden die Kinder dort vergleichsweise lange betreut. Eine Online-Petition hat bereits über 6000 Unterschriften

Potsdam.  Die Stadt Potsdam gilt als eine der kinderfreundlichsten Kommunen bundesweit. „Unsere Familienfreundlichkeit macht mich besonders stolz“, bekennt Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) gern, „Beruf und Familie sind bei uns vereinbar.“ Doch in der brandenburgischen Landeshauptstadt lässt sich derzeit nur schwer auf Anhieb der gewünschte Kita-Platz finden. Viele Eltern sind aber auch mit der Qualität unzufrieden. Mehr als 6000 Unterzeichner haben deshalb die Onlinepetition „Jetzt! Für eine bessere Kita-Betreuung in Potsdam“ unterschrieben. Sie läuft noch bis 2. August.

Nach Erhebungen der Plattform „openPetitionDeutschland“ stammen 4800 der Unterstützer direkt aus der Landeshauptstadt. Sie verlangen vor allem mehr Personal für die Kindertagesstätten. Die örtlichen 116 Kitas sind alle in freier Trägerschaft und werden von der Stadt und dem Land mitfinanziert. Wie Eltern und Großeltern finden, bei Weitem nicht ausreichend.

„In Potsdam werden überproportional viele Kinder über acht bis zehn Stunden betreut“, beschreibt die Potsdamerin Wiebke Kahl, eine der Initiatoren der Onlinepetition, das Problem. „Der Personalschlüssel ist in Brandenburg aber auf sechs bis acht Stunden ausgelegt.“ Laut der jüngsten Bertelsmann-Studie würden maximal 7,5 Stunden in Potsdam finanziert. „Das ist viel zu wenig“, unterstreicht Kahl.

Stadt investiert 75 Millionen Euro pro Jahr in die Gebäude

Die Situation spitze sich zu, wenn eine Erzieherin oder ein Erzieher krank wird, beklagt die 36-jährige zweifache Mutter. „Laut Landesgesetz dürfen derzeit zwei Erzieher maximal elf Krippenkinder betreuen. Als in der Babelsberger Krippe meiner Tochter eine Erzieherin schwanger wurde, mussten sich zwei Erzieher aber monatelang um 18 Kinder kümmern“, erzählt die Mutter. „In diesem Fall war das Problem, dass sich für diese Zeit keine Vertretung gefunden hat.“

Auch die Stadt sieht Handlungsbedarf. „Die Petition können wir inhaltlich unterstützen“, sagt Rathaussprecher Jan Brunzlow auf Anfrage der Berliner Morgenpost. „Allerdings haben wir nicht den finanziellen Spielraum, um auch noch das pädagogische Personal zu bezahlen. Das ist Aufgabe des Landes.“ Die Stadt investiere pro Jahr inzwischen 75 Millionen Euro in die Gebäude und deren Unterhalt. Auch die Bezahlung des übrigen Personals wie Hausmeister oder Köche fällt in ihren Zuständigkeitsbereich. „Für das nächste Jahr rechnet das Jugendamt mit einem Aufwand von 89 Millionen Euro, Tendenz weiter steigend“, so der Sprecher.

Das Land hat zwar bereits mehr Personal für die Kitas angekündigt. Doch das kompensiere nicht die spezielle Situation in Potsdam. Dort werden nur 22,2 Prozent der Krippenkinder bis zu sechs Stunden betreut. 32,1 Prozent bleiben bis zu acht Stunden – und 45,8 Prozent sogar bis zu zehn Stunden. Derzeit besuchen knapp 3400 Kleine, das sind 65 Prozent der Potsdamer Kinder bis drei Jahre, eine Krippe. In den Kindergarten gehen 5600. Damit haben 98 Prozent dieser Altersstufe einen Platz. Auch dort sind die Betreuungszeiten lang: Laut Stadtverwaltung betreuen die Erzieher dort 38,2 Prozent der Kinder über acht bis zehn Stunden.

Der Jugendhilfeausschuss und die Arbeitsgemeinschaft Kita, in der die Stadtverwaltung vertreten ist, haben inzwischen eine Resolution verabschiedet. Darin wird die rot-rote Landesregierung aufgefordert, „zusätzliche Weichen für die nächsten Schritte zur Entwicklung guter Kitas im Land Brandenburg zu stellen“. Verlangt wird ein konkreter Stufenplan zur Verbesserung der Personalausstattung sowie eine Verdoppelung der Freistellungszeiten für die Kita-Leitung. Außerdem wird Geld für zusätzliches Personal für die Betreuung von Kindern mit einem längeren Betreuungsbedarf von acht bis zehn Stunden gefordert.

Zu wenig Kita-Personal im Bundesvergleich

„Das Kita-Gesetz berücksichtigt nicht die Realität“, bestätigt der Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses in der Stadt, David Kolesnyk (SPD). „In Potsdam und im übrigen Umland pendeln viele Eltern nach Berlin und nehmen daher die längeren Öffnungszeiten in Anspruch. Der für die Qualität der Betreuung erforderliche Personalschlüssel sei in Brandenburg trotz der Bemühungen der vergangenen Jahre generell weit unterhalb der bundesweiten durchschnittlichen Erzieher-Kind-Relation, kritisiert der Politiker.

Das Bildungsministerium verwies auf Anfrage darauf, dass die rot-rote Regierungsfraktion im Doppelhaushalt 2017/18 zusätzliche Investitionen für die Kitas vorsieht. Für die Krippen im Land sei die Verbesserung bereits gesetzlich geregelt: Von August an ist für fünf Kinder eine Betreuerin vorgesehen. Bisher kam eine Erzieherin rechnerisch auf 5,5 Kinder. Bis 2018 werde es auch im Kita-Bereich in zwei Schritten eine bessere Personalausstattung geben. Dann soll eine Erzieherin für elf statt zwölf Kinder zuständig sein.

Die gebürtige Potsdamerin Wiebke Kahl, die mit etwa 15 anderen Eltern die Petition im Internet gestartet hat, kritisiert: „Stadt und Land schieben sich ständig den Schwarzen Peter zu.“ Für sie steht fest: „Das wollen wir uns nicht mehr gefallen lassen. Von einer Stadt, die sich familienfreundlich nennt, erwarten wir Eltern nicht nur ausreichende Betreuungsplätze, sondern auch eine hohe Betreuungsqualität“, lautet deshalb die Forderung an Oberbürgermeister Jann Jakobs. „Potsdam muss mehr Mittel bereitstellen, um Ausfallvertretungen und die real benötigten Betreuungszeiten berufstätiger Eltern sicherzustellen.“ Kurz nach dem Start der Petition war eine Stellungnahme im Internet aufgetaucht, wonach Jakobs die Petition ablehne. Doch ein Sprecher dementiert das. Wer das Statement dort einstellte, ist bis heute nicht geklärt.