Prozess gegen Silvio S.

Gerichtsmediziner: Elias wurde sexuell missbraucht

Ein Rechtsmediziner der Charité hat im Mordprozess gegen Silvio S. ausgesagt, dass Elias vor seinem Tod sexuell missbraucht wurde.

Das Gesicht mit einem Aktenordner verdeckend wartet Silvio S. im Landgericht auf den Prozessbeginn

Das Gesicht mit einem Aktenordner verdeckend wartet Silvio S. im Landgericht auf den Prozessbeginn

Foto: dpa

Um 14.55 Uhr des neunten Prozesstages sprach Staatsanwalt Peter Petersen den Angeklagten direkt an: „War es so, Angeklagter?“ fragte er. Silvio S. schwieg, blickte betreten nach unten. Er hat sich noch immer nicht dazu geäußert, wie Elias gestorben ist. Petersen bezog sich auf eine Frage von Silvio S.’ Verteidiger Mathias Noll an den renommierten Gerichtsmediziner Michael Tsokos, ob der sechsjährige Elias auch an einer Überdosis Chloroform gestorben sein könnte.

Es sei möglich, antwortete Tsokos, vieles sei möglich. Aber in einem war er sich absolut sicher: „Die Todesursache ist Ersticken.“ Tsokos sprach von einem „hämorrhagischen Lugenödem - der Kreislauf versagt, und das führt zu einer Überwässerung der Lunge“. So sei auch das viele Blut zu erklären, das auf der Decke gefunden wurde, in die der Leichnam eingewickelt wurde. „Elias hat aus Mund und Nase geblutet.“ Er gehe davon aus, dass es „ein viele Minuten dauerndes, qualvolles Sterben war“, sagte der Gerichtsmediziner.

Sediert und dann missbraucht

Bei der Erklärung, was geschehen sein könnte, decken sich seine Erkenntnisse mit denen der Kriminalisten: Silvio S. hat das Kind mit einem Schlafmittel sediert, hat ihm einen Stifneck angelegt (eine medizinische Halskrause, die die Bewegungsfähigkeit des Halses einschränkt), ihm einen Mundspreizer in den Mund gezwängt und eine Latexmaske übergestreift. Tsokos ging zudem davon aus, dass der Angeklagte den Jungen vor dessen Tod missbrauchte. Das lasse sich an dem Zustand des Leichnams ableiten, so der Charité-Professor.

Er habe rund 2000 Menschen obduziert. Es gab drei ähnliche Fälle. Bei jedem habe der jeweilige Täter zugegeben, sein Opfer vergewaltigt zu haben. Und dazu passten dann auch Hämatome, die an den Innenseiten des rechten Armes und an den Beinen des Kindes gefunden wurden. „Das sind Verletzungen, die wir bei Sexualdelikten sehen, Spreizverletzungen“, sagte Tsokos.

Mohamed hatte Todesangst

Vor Tsokos hatte dessen Kollege Sven Hartwig über den Tod des vierjährigen Mohamed gesprochen. In diesem Fall hatte Silvio S. nicht geschwiegen, sondern bei der Polizei die Tat geschildert. Die Erkenntnisse des Gerichtsmediziners deckten sich mit dieser Aussage: dass er das Kind in seine Wohnung nach Kaltenborn verschleppte, ihm Schlafmittel gab, es missbrauchte und tötete.

Hartwig wurde jedoch konkreter, wie Silvio S. das Kind tötete: Er habe Mohamed von hinten am Hals gepackt, ihn hochgehoben und stranguliert. Ob das Kind sehr leiden musste, wurde Hartwig gefragt. Er wisse „aus Berichten von Überlebenden, dass Strangulieren als besonders unangenehm empfanden“, antwortete er. Es sei davon auszugehen, dass Mohamed Todesangst hatte.

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Am Ende des Prozesstages sprach der Richter Theodor Horstkötter den Angeklagten noch einmal direkt an: „Ich bitte Sie, mit mir Blickkontakt aufzunehmen“, sagte er, als Silvio S. seinem Blick auswich. „Sie schütteln immer wieder den Kopf, das kann verschieden interpretiert werden“, sagte der Schwurgerichtsvorsitzende. Natürlich habe er das Recht zu schweigen. Aber es wäre vielleicht auch für ihn selber besser, wenn er reden würde.

Der psychiatrische Gutachter Matthias Lammel schloss sich dieser Aufforderung zumindest indirekt an. Er wisse, dass dem Angeklagten sehr schwer falle zu reden“, so Lammel. Er sei bereit, mit Silvio S. noch einmal zu reden. Der Angeklagte müsse nur ein Signal geben. Lammel soll am nächsten Verhandlungstag sein Gutachten vortragen.

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