Tourismus

Klasse statt Masse im Spreewald

Tourismusverband und Kommunen arbeiten an einem neuen, naturverträglichen Konzept, das verstärkt auf Individualtouristen setzt.

Bei schönem Wetter zieht es viele Touristen zum Paddeln auf die Fließe  im Spreewald

Bei schönem Wetter zieht es viele Touristen zum Paddeln auf die Fließe im Spreewald

Foto: dpa Picture-Alliance / Patrick Pleul / picture alliance / ZB

Lübbenau.  Das Kanu gleitet sanft durch das Wasser. Vorbei an weißen Seerosen. Türkis schillernde Libellen mit durchsichtigen filigranen Flügeln begleiteten die Fahrt. Nur die Geräusche der Natur sind zu hören. Klü Klü. Der Ruf eines Seeadlers. Atemholen im Spreewald – und das mitten in der Hochsaison. Möglich ist das tatsächlich, abseits der stark befahrenen Fließe in den Tourismushochburgen Lübbenau und Burg. „Viele denken, bei uns herrscht ständig überall Hochbetrieb“, sagt der Lübbenauer Kanuverleiher Maik Hannemann. „Es gibt aber durchaus beschauliche Touren und ruhige Zeiten, vor allem unter der Woche.“

300 Kilometer befahrbare Fließe im Unesco-Biosphärenreservat

Der Spreewald mit seinen mehr als 300 Kilometern befahrbaren Fließen im Unesco-Biosphärenreservat setzt zunehmend auf Individualtouristen. Nicht mehr nur auf fidele Gruppen, denen der Kahnführer schon beim Einstieg den ersten Schnaps in kleinen Flaschen anbietet.

Mittlerweile können schätzungsweise mehr als 3000 Kanus gemietet werden. Diese Entwicklung sehen Experten jedoch nicht ohne Skepsis. Sie warnen vor dem Image eines überfüllten Massenkanureviers, einem „Mallorca des Paddelns“, wie es in einem Strategiepapier heißt.

Weil Kahn-, wie auch Kanufahrten florieren, wird es immer enger auf den Spreewald-Fließen. Besuchten vor fünf Jahren 545.254 Menschen die einzigartige Flusslandschaft, waren es im vergangenen Jahr bereits 653.555. Die Zahl der Übernachtungen stieg von knapp 1,4 Millionen auf fast 1,7 Millionen. Das Ranking der internationalen Gäste führen Polen, Dänemark, die Niederlande, Schweden und die Schweiz an. Diese Angaben hat das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg herausgegeben.

Steigende Besucherzahlen auch in diesem Jahr

Der Trend hält an: „Von Januar bis April verzeichnen wir im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ein Plus von 14,3 Prozent bei den Ankünften und 13,2 Prozent bei den Übernachtungen“, sagt die Sprecherin des Tourismusverbandes Spreewald, Kora Kutschbach auf Anfrage der Berliner Morgenpost. Ein einträgliches Geschäft, das sich allerdings immer mehr touristische Anbieter teilen müssen.

Die Qualität hält nicht überall Schritt. Wer Pech hat, landet in einem Gasthaus, in dem die Spreewälder Gurke das Einzige ist, was man bedenkenlos weiterempfehlen würde. Allerdings gibt es inzwischen genügend Einkehr- und Übernachtungsmöglichkeiten. Das Angebot liegt zwischen luxuriösem Verwöhnprogramm im Nobelhotel „Zur Bleiche“ in Burg und dreister Massenabfertigung an einer der Kahnanlegestellen.

Erst seit einigen Jahren arbeiten Bootsverleiher und Kahnbetreiber, Kommunen und Landkreise sowie die Tourismusinformationen und der Spreewaldverein an einem abgestimmten Konzept. Auch Vertreter des Unesco-Biosphärenreservats gehören zu einer eigens gebildeten Arbeitsgemeinschaft.

Besucherströme sollen besser gelenkt werden

Erklärtes Ziel ist es, die Qualität der Angebote zu steigern, aber vor allem auch die Besucherströme besser zu lenken. Um die Natur zu schützen. Nicht jedes Fließ soll befahren werden.

„Wir wollen vor allem Klasse statt Masse“, sagt der Sprecher des federführenden Spreewaldvereins, Andreas Traube. Im sogenannten „Masterplan für einen naturverträglichen Wassertourismus“ wird die zunehmende Bedeutung des Bootsverleihs hervorgehoben. Das Gewerbe sei von einem geringen Professionalisierungsgrad mit vielen Kleinstanbietern gekennzeichnet, heißt es in der 110-seitigen Analyse mit Handlungsempfehlungen.

Ein Drittel der Anbieter besitze weniger als zehn Boote. Auf die Kanuvermieter kommt es an, die oft unerfahrenen Kanuten einzuweisen und sie mit Kartenmaterial auf dem Weg durch das Wasser-Labyrinth zu versorgen. Die Paddelbootverleiher vermissen aber – wie ihre Kunden – immer noch eine ausreichende Beschilderung der Fließgewässer. Immerhin wurden in den vergangenen zwei Jahren rund 400 Wegweiser an 150 Standorten aufgestellt. Außerdem stehen inzwischen an einigen Wasserwander-Rastplätzen große Info-Tafeln mit Sehenswürdigkeiten und Übersichtskarten.

Schilder zum Bahnhof führen zu Irritationen

Fast jeder zweite Kanute äußerte sich bei einer Befragung unzufrieden mit der Beschilderung. Die neuen grünen Schilder an den Fließen weisen nun mit weißer Schrift zu Orten wie dem Spreewald-Dorf Lehde oder nach Lübben. Mit Kilometerangaben. Der Kanuverleiher Maik Hannemann im Kleinen Hafen in Lübben lobt die neuen Hinweisschilder zu den Orten. „Sie sind schon mal eine enorme Verbesserung“, sagt er.

Allerdings fände er es übersichtlicher, wenn die Touren zugleich nummeriert würden. „Die Leute sind verwirrt, wenn es mal 2,5 Kilometer nach Lehde sind und kurz darauf plötzlich doppelt so viele“, so Hannemann. Es kommt aber einfach darauf an, welchen Weg sie dorthin wählen. Viele beschwerten sich auch, dass der Weg zum Bahnhof mit ausgeschildert sei. Das führe in die Irre. Denn dieser sei mit dem Kanu gar nicht zu erreichen.

Auf eine ebenfalls notwendige einheitliche und durchgehende Beschilderung der Fließe konnten sich die Akteure in der Arbeitsgemeinschaft bislang jedoch nicht einigen. „Das Problem ist, dass es häufig mehrere Namen für ein Fließ gibt“, erklärt Andreas Traube vom Spreewaldverein. „Nach dem Volksmund, eine amtliche und die niedersorbische Bezeichnung.“ Lediglich die Gemeinde Burg habe sich jetzt dazu entschlossen, die Beschilderung der Gewässer vorzunehmen. „Sie begründen das mit dringendem Handlungs­bedarf“, so Traube. Er hofft, dass sich bald endlich auch eine Lösung für den restlichen Spreewald findet.

Auch die Fließgewässer sollten beschriftet werden

Auch Kanuverleiher Hannemann plädiert dafür, dass auch die Fließgewässer möglichst bald beschriftet werden. „Manche der Holztafeln sind verwittert, an einigen Orten fehlen sie ganz“, sagt er. Die Kanuten hätten zwar bisweilen Probleme bei der Orientierung, nur selten aber bekomme er einen Anruf, dass sie sich verirrt haben. „Unsere Karten sind recht übersichtlich“, sagt er, „doch viele biegen rechts ab, wenn die Tour sie eigentlich nach links führen würde.“ Mitunter, weil sie Scheu hätten, eine Schleuse zu befahren. 55 Schleusen und 50 Wehre gibt es im gesamten Spreewald. Zur Beruhigung: Verloren gegangen ist noch niemand im Spreewald – und Unfälle in der Schleuse sind sehr selten.