Staufalle

So schlimm ist das Baustellen-Chaos auf der A10

Einfädelprobleme, zu hohes Tempo, Unfälle: Die Polizei fordert mehr Personal für Kontrollen auf der A10.

Die Dauerbaustelle A10 zwischen Potsdam und Nuthetal

Die Dauerbaustelle A10 zwischen Potsdam und Nuthetal

Potsdam/Michendorf.  Vier Jahre lang soll zwischen den Autobahndreiecken Nuthetal und Potsdam gebaut werden. Als Rainer Bomba, Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium (CDU), mit Brandenburgs Infrastrukturministerin Kathrin Schneider (SPD) Anfang April den ersten Spatenstich für den 150 Millionen Euro teuren Ausbau der A10 auf je vier Spuren setzten, war die Stimmung noch gut. Drei Monate später herrscht nur noch Frust: Lange Staus wegen Einfädelproblemen und Auffahrunfällen im Baustellenbereich machen die Fahrt auf dem meist befahrenen Abschnitt des Berliner Rings zum täglichen Ärgernis.

Weil Autofahrer und Lkw-Fahrer wegen der Baustelle auf die Landstraßen ausweichen, drängt sich der Verkehr durch die umliegenden Orte. Fünf Bürgermeister haben deshalb einen Protestbrief verfasst. Zunehmend gibt es Beschwerden darüber, dass die Polizei dem Chaos an der Baustelle tatenlos zusähe. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) fordert nun mehr Personal für die zuständige Autobahnpolizeiwache in Michendorf.

Niemand fühlt sich für die Situation verantwortlich

„Wir können die erforderlichen Geschwindigkeitsüberwachungen nicht durchführen, weil uns das Personal dafür fehlt“, sagte Andreas Schuster, Chef der größten Brandenburger Polizeigewerkschaft, am Sonntag auf Anfrage der Berliner Morgenpost. „Das wäre bei einer solchen Riesenbaustelle aber notwendig.“ Das Unfallrisiko sei enorm. „Es knallt dort auch fast jeden Tag“, sagt Schuster. „Manche Autofahrer fahren viel zu schnell in die Baustelle oder schießen hinüber auf die andere Spur, obwohl ein Wechsel nicht erlaubt ist.“ Jeder Unfall erzeugt lange Staus, denn die Unfallstelle muss ja geräumt werden.

„Die Polizei müsste eigentlich jeden Tag präsent sein“, so der Gewerkschaftsvorsitzende. Er bedauert: „Die Kollegen können das derzeit aber nicht leisten. Wir fordern deshalb, dass die zuständige Wache in Michendorf möglichst schnell personell verstärkt wird.“ Das sei schon deshalb notwendig, weil bis zur Fertigstellung der Strecke über neun Kilometer vier Jahre eingeplant sind. Verstärkte Geschwindigkeitskon­trollen sind nach Ansicht des Polizei-Gewerkschaftschefs aber nicht nur im direkten Baustellenbereich erforderlich, sondern auch an den Stellen, wo eingefädelt werde.

Offenbar fühlt sich niemand so recht verantwortlich für das Chaos. „Die generelle Lösung von Verkehrsproblemen, insbesondere die Auflösung von mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu erwartender Stauerscheinungen in der Folge geplanter Baumaßnahmen, liegt in der Verantwortung anderer Behörden“, teilte der Leiter der Pressestelle der Polizeidirektion West, Heiko Schmidt, auf Anfrage schriftlich mit.

Wer auf der Strecke derzeit unterwegs ist und das vielleicht auch noch täglich, dürfte sich vor allem über folgende Aussage wundern: „Aus polizeilicher Sicht können wir derzeit keine ungewöhnliche Entwicklung zur Verkehrslage feststellen.“ Derzeit liegen laut Polizeisprecher noch keine statistisch belastbaren Unfallzahlen vor. Tendenziell sei aber davon auszugehen, dass es zu einem Anstieg von sogenannten Blechschäden kommen wird – vor allem in Fahrtrichtung Dreieck Nuthetal.

Zuständig für die Planung und den Bauablauf ist die bundeseigene Deutsche Fernstraßenplanungs- und Entwicklungsgesellschaft (Deges). Sie hat auf die Probleme bereits reagiert. Bei der Einfahrt in die verengte Fahrbahn gilt Tempo 60, auf der Baustelle Tempo 80. „Viele halten sich aber nicht daran. Dadurch kommt es zu Unfällen und weil der Seitenstreifen fehlt, zu den Staus“, sagte Deges-Sprecher Michael Zarth. „Wir haben in den vergangenen Wochen die Einschränkung von drei auf zwei Spuren in die Nachtstunden verlegt. Das gilt bis 11. Juli.“ Tagsüber seien drei Spuren pro Fahrtrichtung freigegeben. Außerdem wurden zwei Einfädelspuren von der A115 aus Richtung Berlin auf die A10 geschaffen. „Die Strecken zum Einfädeln wurden auch verlängert“, so Zarth. „Seither fließt der Verkehr besser.“ Staus seien aber nicht zu vermeiden.

Bürgermeister klagen über „endlose Blechlawine“

In der vergangenen Woche kam es zu einem Krisengespräch zwischen Deges und den Bürgermeistern der Anrainerorte. In einem offenen Brief hatten sich die Vertreter der fünf Kommunen Beelitz, Schwielowsee, Michendorf, Nuthetal und Seddinger See über die Auswirkungen der Baustelle beklagt. Die Orte würden „buchstäblich erdrückt von einer schier endlosen Blechlawine“. Diese bringe „das Leben in unseren Städten und Gemeinden zum Erliegen“. Das Protestschreiben war auch an das Bundesverkehrsministerium, das Brandenburger Infrastruktur- und das Innenministerium adressiert. Deges, Bürgermeister, der Landesbetrieb Straßenwesen und Polizei vereinbarten, sich künftig regelmäßig auszutauschen. Die Deges will ein elektronisches Anzeigesystem installieren. Bei Staus sollen vor allem Lkw-Fahrer informiert werden, dass Abfahren sich nicht lohnt. Die Polizei sagte zu, an Tagen mit absehbar hoher Verkehrsbelastung stärker an belasteten Kreuzungen präsent zu sein.

Nach den jetzigen Planungen sind laut Deges-Sprecher Zarth zunächst keine weiteren Einschränkungen geplant. Nach dem 11. Juli blieben an der Baustelle drei Streifen pro Richtung befahrbar. „Nach aktueller Planung kommen wir erst im Herbst in die nächste Bauphase.“ In den kommenden Tagen – voraussichtlich Montag, Dienstag und Mittwoch – soll die Autobahn in Fahrtrichtung von Nuthetal nach Potsdam kurzzeitig komplett gesperrt werden. „Wir bauen Verkehrszeichenbrücken ab“, so Zarth.