Potsdam

„Bundesweit um Studenten werben“

Brandenburgs Wissenschaftsministerin Martina Münch (SPD) sieht Land im harten Konkurrenzkampf

Potsdam. Vor knapp vier Monaten hat Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) die Landtagsabgeordnete der SPD, Ärztin und Mutter von sieben Kindern, Martina Münch, wieder zur Wissenschafts- und Kulturministerin berufen – weil Sabine Kunst als HU-Präsidentin nach Berlin wechselte. Sie stößt auf neue Herausforderungen.

Frau Münch, Sie sind seit fast vier Monaten wieder auf Ihrem alten Posten. Von Herbst 2009 bis Februar 2011 waren Sie schon einmal Wissenschafts- und Kulturministerin in Brandenburg, danach bis 2014 Bildungsministerin. Wie wurden Sie empfangen?

Martina Münch: Ich wurde sehr freundlich empfangen. Es hat sich ein bisschen angefühlt wie nach Hause kommen. Die Dinge haben sich aber weiterentwickelt seit meiner ersten Amtszeit. Dazu gehört, dass sich die Belegschaft – wie auch in anderen Ministerien – verjüngt hat.

Bei der Opposition kam Ihre erneute Berufung nicht so gut an. Zitat CDU-Chef Ingo Senftleben: Offensichtlich hat Ministerpräsident Woidke niemand Besseren gefunden als eine Ministerin, die bereits als gescheitert in die Geschichte eingegangen ist.

Es ist das Recht der Opposition, ihre Meinung zu äußern. Ich sehe nicht, dass ich bei meinen bisherigen Aufgaben gescheitert bin. Das Bildungsressort, das ich zuletzt führte, ist naturgemäß sehr streitbefangen. Das ist ein bisschen wie beim Fußball. Jeder meint, der bessere Trainer zu sein.

Keine Fehler gemacht?

Doch. Rückwirkend muss ich sagen: Ich bin einige Dinge zu schnell angegangen. Heute würde ich eine geringere Schlagzahl vorlegen. Gerade im Bildungsbereich gibt es einerseits einen hohen Reformbedarf, anderseits sollte sich aber möglichst wenig verändern. Unterschätzt habe ich vor allem, dass die Inklusion schwächerer Schüler in Regelschulen mehr Vorbereitung braucht. Es war für mich aber eine sehr wertvolle und wichtige Zeit, ich habe viel gelernt.

Kann Brandenburg die Studierendenzahlen halten?

Das ist unser Ziel. Derzeit haben wir rund 48.000 Studierende. Wegen der demografischen Entwicklung in den Regionen könnte die Zahl weiter sinken. Das ist aber keine Brandenburger Sonderentwicklung. Wir konkurrieren mit anderen Bundesländern und werden deshalb künftig noch intensiver werben. Die Brandenburger Hochschulen sind jünger und weitaus kleiner als etwa die Universitäten in Berlin oder München. Wir bieten allerdings damit den Vorteil, an überschaubaren Hochschulen mit guter Betreuung studieren zu können.

An der BTU Cottbus-Senftenberg gehen die Zahlen nach der Fusion der Technischen Universität mit der Fachhochschule Lausitz stark zurück. Sogar in Potsdam leicht.

In Potsdam haben wir derzeit insgesamt knapp 25.000 Studierende. Dort mache ich mir keine Sorgen. Wir müssen allerdings schon stark dafür werben, dass man an einer der Hochschulen fernab von Berlin auch sehr gut studieren kann. Wir bereiten derzeit eine bundesweite Marketingkampagne vor, um für Studierende in Brandenburg zu werben. In Cottbus wird sich manche Unsicherheit bald legen, da bin ich zuversichtlich – man ist in der Konsolidierungsphase und auf einem guten Weg. Mit der BTU Cottbus-Senftenberg ist eine neue Hochschule entstanden. Durch die Kombination von fachhochschulischen und universitären Studiengängen, bieten sich zusätzliche Möglichkeiten, etwa bei der Verbindung von Wissenschaft und Praxisnähe.

Brandenburg sucht in den nächsten Jahren Tausende von neuen Lehrern. Bildungsminister Günter Baaske wirbt dafür, dass das Land selbst mehr ausbildet. Werden Sie dafür sorgen?

Die Universität Potsdam leistet bei der Lehrerbildung bereits eine Menge: Wir haben aktuell mehr als 600 Erstsemester im Lehramt. Im letzten Jahr schlossen 445 Lehramtskandidaten ihr Studium ab. Das Problem liegt letztlich woanders: Deutschlandweit werden Lehrer in einigen Fächern sogar über den Bedarf ausgebildet, während Studienplätze in Mangelfächern frei bleiben. Es ist, wie bei den Medizinern, vor allem ein Verteilungsproblem. Nicht alle, die in Brandenburg studieren, wollen hier Lehrer werden – und nicht alle, die hier Lehrer werden wollen, haben die passenden Fächerkombinationen. Wir müssen verstärkt darüber nachdenken, attraktive Bleibeperspektiven zu entwickeln, insbesondere an ländlichen Schulen.

Bildet Brandenburg nicht auch Flüchtlinge als Lehrer aus?

Die Uni Potsdam hat das Weiterbildungsprogramm „Refugees Teachers Welcome“ aufgelegt. Mit großem Erfolg. Auf die 60 Plätze haben sich Hunderte von Geflüchteten beworben. Es gibt aber noch viel mehr Integrationsaktivitäten der Hochschulen: Mehr als 200 Flüchtlinge besuchen derzeit studienvorbereitende Kurse der Brandenburger Hochschulen. Das Land unterstützt die Hochschulen dabei. In diesem Jahr stellen wir für entsprechende Programme knapp 1,5 Millionen Euro zur Verfügung.

Sind die Universitäten inzwischen besser ausgestattet?

Es ist gelungen, in dieser Legislaturperiode einen deutlichen Aufwuchs in der Hochschulfinanzierung zu erreichen. 100 Millionen Euro mehr stehen zur Verfügung. Das katapultiert uns von einem der hinteren Plätze der Finanzierung im bundesweiten Vergleich in das Mittelfeld. Mit der Finanzausstattung der Fachhochschulen stehen wir auf dem siebten Platz bundesweit.

Wie will Brandenburg von der Exzellenzinitiative profitieren?

Bundesweit werden elf Hochschulen als Eliteuniversität gefördert. Der größte Teil der Mittel wird aber für die Exzellenzcluster eingesetzt. Die Universität Potsdam bereitet derzeit einen solchen Clusterantrag vor. Ist sie damit erfolgreich, wird sie auf dem Gebiet über sieben Jahre gefördert. Eine Chance für unsere Hochschulen ist auch das Bund-Länder-Programm „Innovative Hochschule“ und das Programm zur Förderung von Nachwuchswissenschaftlern.

Haben Sie sich schon mit Ihrer Berliner Amtskollegin getroffen?

Sandra Scheeres und ich kennen uns gut und wir tauschen uns regelmäßig aus. Ich freue mich auch, mit meiner damaligen Nachfolgerin und heutigen Vorgängerin Sabine Kunst als HU-Präsidentin in Berlin kooperieren zu können. Es gibt viele spannende Projekte und Wissenschaft kennt keine Landesgrenzen.

Sie sind Mutter von sieben Kindern. Was sagen die zu Ihrem neuen alten Job?

Die haben sich für mich gefreut und mich beglückwünscht. Sie sind schon daran gewöhnt, dass ich viel unterwegs bin.

Wie alt sind die Kinder?

24, 22, 21, 19, 17, 14 und 12. Vier wohnen noch zu Hause. Der Zweitälteste, der an der BTU Cottbus-Senftenberg Umweltingenieurwesen studiert und die drei Jüngeren, die noch zur Schule gehen. Der Diskussionsstoff geht uns nicht aus.