Kunst

Auf der Achterbahn der Gefühle

Beim Fußball ist niemand einsam, meint Künstlerin Iris Klauck.Sie malt die Fans in Öl und Acryl – Bilder von Kampf und Leidenschaft.

Malerin Iris Klauck hat die Emotionen von Fußballfans als Thema entdeckt

Malerin Iris Klauck hat die Emotionen von Fußballfans als Thema entdeckt

Foto: Ronald Scholz

Ein Mann reißt die Arme hoch. Er hat den Mund weit offen. Man hört ihn förmlich jubeln. Das ersehnte Tor, es ist gefallen. „Ich habe den Fan verdoppelt“, sagt die Künstlerin Iris Klauck. „Denn er schreit für viele.“ Auf einem anderen Bild steht eine blonde Frau mit flehendem Gesichtsausdruck zwischen zwei Männern, die Hände wie zum Stoßgebet gefaltet. Die Potsdamer Malerin hat sie alle auf die Leinwand gebannt: Männer, die sich freudetaumelnd in den Armen liegen. Die bitterlich weinen oder sich vor Enttäuschung die Hände vors Gesicht schlagen. Trötende Fans mit schwarz-rot-gelben Blumen um den Hals, Frauen, Kerle und Kinder mit aufgerissenen Mündern, aus denen entsetzte oder verzückte Schreie kommen. „Fußball, das ist Kampf und Leidenschaft“, schwärmt Iris Klauck.

Mit dem Skizzenblock auf der Fanmeile und in Kneipen

Mit dem Skizzenblock war die Öl- und Acrylmalerin in Potsdamer Kneipen und auf der Fanmeile in Berlin unterwegs, beim Public Viewing lässt sie sich auch bei der laufenden Europameisterschaft wieder „in den emotionalen Sog des Fußballs ziehen“, wie sie es nennt. Sie kennt das absolute Hochgefühl, das einen aus dem Stuhl fast bis an die Decke katapultiert. Und ebenso die Wucht der Enttäuschung, die einen fast zu Boden drückt.

Sie weiß, wie es ist, wenn die Gefühle Achterbahn fahren. „Fußball lässt einen die Kümmernisse und Sorgen vergessen“, sagt Iris Klauck, „und man kann sich so schön gemeinsam freuen oder zusammen traurig sein.“ Selbst wer allein zu Hause auf der Couch gucke, sei nicht einsam. „Man hört jemandem vom Balkon tröten, die Nachbarn jubeln – und schon ist man Teil dieses Gemeinschaftserlebnisses“.

Kampf und Leidenschaft sind ihre Themen

Kampf und Leidenschaft – das sind auch eigene Themen. Beide bestimmen das Künstlerinnenleben von Iris Klauck. „Schon mit fünf Jahren wusste ich, dass ich nichts anderes werden möchte als Malerin“, erzählt sie. Ihre Lehrer im brandenburgischen Hennigsdorf belog sie zu DDR-Zeiten, aus Angst, „dass ich und meine Träume zerstört werden“. Als Berufswunsch gab sie deshalb „Kunstlehrerin“ an. Sie hoffte, so würden ihr keine Steine in den Weg gelegt.

Vielleicht spielte in ihr schon damals auch der eigene Wunsch nach einer gesicherten Existenz eine Rolle. Sich auf einen Lohnberuf stützen zu können – allein, um den Eltern keine Sorgen zu machen. Die Mutter, Chemotechnikerin, hatte ihre künstlerische Begabung nicht ausgelebt, der Vater arbeitete als Elektroingenieur in Hennigsdorf. Das Talent der Tochter blieb ihnen nicht verborgen. „Sie haben mich immer unterstützt“, sagt die Künstlerin.

Als Iris Klauck 14 Jahre alt war, fiel die Mauer. Abitur in Hennigsdorf 1993, danach der Versuch, tatsächlich Lehrerin zu werden. Nach drei Semestern Lehramtsstudium an der damaligen Hochschule der Künste in Berlin brach sie ab. „Ein Maler hat nur ein Ziel: In seinem Atelier zu sein“, sagt sie.

Neue künstlerische Heimat im Potsdamer „Rechenzentrum“

Am Ende hat Iris Klauck dann doch noch etwas Handfestes gelernt: Sie ließ sich zur Industriekauffrau ausbilden – und studierte an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg Illustration. Beides, Ausbildung sowie den Diplomstudiengang, schloss sie mit einer 1 ab. Doch zur Ruhe kam sie nicht. „Das Leben als Künstler stellt einen immer wieder vor Überraschungen“, sagt sie.

Jahrelang zog sie mit ihren Bildern von Atelier zu Atelier. Ihre Altbau-wohnung in Berlin-Mitte musste sie aufgeben, sie war verkauft worden. 2009 zog Iris Klauck nach Potsdam. Ihr Freund wohnt schon länger in der brandenburgischen Landeshauptstadt. Wieder begann die Suche nach einem Platz zum Arbeiten.

Iris Klauck landete im „Rechenzentrum“. Mehr als 110 Künstler haben sich seit September in dem vierstöckigen Plattenbau in der Potsdamer Innenstadt in der 3. und 4. Etage „eingemietet“. Ab Herbst werden weitere 100 Räume im Kreativhaus bezugsfertig sein. 80 Interessierte stehen derzeit auf der Warteliste. Sieben Euro zahlen die Mieter für den Quadratmeter.

Nicht nur Portraits malen, sondern Geschichten erzählen

Momentan arbeitet die vielseitige Künstlerin an der Vorbereitung für eine von ihr initiierten Gemeinschaftsausstellung zum einjährigen Bestehen des „Rechenzentrums“ im September. Sie will sich mit einer Serie zum Thema Sinnlichkeit beteiligen. Dieses Mal geht es aber nicht um Fußball. Die Malerin ist in ihrem kleinen Atelierraum umgeben von Frauen. Die eine, schon fast fertig gemalt, steht unbekleidet da, umgeben von einem Hagebutten-Gestrüpp. Das Leben hat Narben bei ihr hinterlassen. Die Gesichtszüge sind herb, das brünette Haar aber fällt ganz weich auf die nackten Schultern.

Auf dem großen Bild gegenüber die Unschuld. Die Erwartung. Ein junges Mädchen sitzt auf dem Bett. Mit dem Rücken zum Betrachter. Der Nacken schmal und verletzlich. Das einzige, was sie trägt, ist ein hellblauer BH. Ein Hotelzimmer, ein Ferienhaus im Süden? Die Rosentapete verstärkt die Romantik der Szene. Womöglich wird es das erste Mal sein für sie? Die Tür, auf die ihr Blick offenbar gerichtet ist, gleich wird sie sich öffnen. Oder auch nicht?

Iris Klauck will nicht nur Porträtmalerin sein. „Ich will Geschichten erzählen“, sagt sie. Das Leben ist voll davon.

Mehr Infos über Iris Klauck im Internet unter www.iris-klauck.de/ und zum Potsdamer Künstlerhaus im „Rechenzentrum“ unter kulturlobby.de