Manufakturen

Brandenburger Manufakturen: Kleine Künstler, große Wirkung

Museen und internationale Musiker kaufen, was Wolfgang Gregor und Ian McWilliams in ihren Werkstätten in Brandenburg herstellen.

Auf das richtige Holz bkommt es an: Geigenbauer Ian McWilliams in seiner Werkstatt in Brandenburg an der  Havel

Auf das richtige Holz bkommt es an: Geigenbauer Ian McWilliams in seiner Werkstatt in Brandenburg an der Havel

Foto: Katrin Starke / BM

Landin.  Den Papst persönlich hatte er nicht am Telefon. Aber dessen Außenstelle. Die Apostolische Nuntiatur in Berlin, offizielle diplomatische Vertretung des Heiligen Stuhls, fragte bei Wolfgang Gregor an, ob er nicht Lust hätte, das Wappen von Benedikt XVI. zu gießen. Das war vor vier Jahren. Der Kunstgießer ließ sich nicht zweimal bitten.

Der 67-jährige Gregor ist Quereinsteiger in der Branche. Erst 1993 zog der gebürtige Berliner ins Westhavelland. Die leer stehende Gaststätte, die er kurz vor dem Mauerfall in Landin erworben hatte, baute er zur Werkstatt um, ließ sich in der 80-Seelen-Gemeinde als Kunstgießer nieder. Seine Arbeit ist bundesweit gefragt. Er sei akribisch, das erzeuge Qualität. „Ich gebe 25 Jahre Garantie“, sagt Gregor selbstbewusst. Auf seiner Werkbank thront eine kleine Skulptur des bekannten Bildhauers Wieland Förster. Gregor soll sie gießen. „Förster ist Kenner der Materie, der vertraut nicht jedem“, ist der Kunstgießer stolz auf den Auftrag.

Mindestens drei Monate müssen die Kunden warten

Den italienischen Meistern, bekannt für ihren hauchdünnen Guss, strebe er nach, erzählt Gregor. „Was die konnten, kann ich auch bieten.“ Die gefüllten Auftragsbücher bestätigen sein Können. Drei Monate Wartezeit sind das Minimum für die Kundschaft, die etwas Handgefertigtes „echt aus Brandenburg“ bei Gregor ordert.

Am nahe gelegenen Radweg weist ein Schild auf Gregors Gießerei. „Wer klopft und mehr über den Kunstguss wissen will, wird nicht abgewiesen.“ Was Dieter Hütte, Chef der Brandenburger Tourismus-Marketing-Gesellschaft (TMB), freut. Der verweist darauf, dass Brandenburg bei Touristen immer beliebter werde. „Die Marke von zwei Millionen Übernachtungen haben wir im ersten Quartal dieses Jahres schon geknackt – und das in der Nebensaison.“ Gegenüber den ersten drei Monaten 2015 stieg die Zahl der Übernachtungen um 12,7 Prozent, die Zahl der Besucher um 10,5 Prozent. „Gäste wollen etwas erleben“, weiß der TMB-Chef. Da kommen ihm Programme wie das vom „Kulturland Brandenburg“ ausgerufene Themenjahr unter dem Motto „Handwerk zwischen gestern und übermorgen“ gerade recht. Wenn das Fazit laute, dass Handwerksbetriebe – und wenn auch nur auf Nachfrage – sich künftig Besuchern öffneten, sei viel gelungen.

„Ich bin kein Zauderer, sondern ein Macher“

Gregor hat einige bekannte Auftraggeber, das macht Eindruck. Für die Orangerie und fürs Marmorpalais in Potsdam, für die Schlösser Rheinsberg und Paretz, für die Neue Synagoge Berlin, fürs Weinhaus Huth am Potsdamer Platz, die Alte Nationalgalerie Berlin oder das Pferdemuseum in Bonn hat er Gussarbeiten angefertigt. „Die Techniken, die ich anwende, sind 2000 Jahre alt.“ Auch das Gros der Werkzeuge, die er benutzt, hat er selbst angefertigt. „Ich habe Werkzeugmacher gelernt“, erklärt er. Noch in der DDR. „Die Ausbildung war vielseitig.“ Für ihn der Grund, warum er auch in die neue Materie schnell hineingefunden habe. „Ein Vierteljahr habe ich Fachbücher gelesen, eine Gießerei besucht.“ Dann habe er einfach angefangen. „Ich bin kein Zauderer, sondern ein Macher.“

Und einer, der sich gern ausprobiert. Ein Musikstudium hat er nach seiner Lehre angefangen und wieder abgebrochen. An der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig studierte er Fotografie, arbeitete unter Frank Castorf an Projekten an der Berliner Volksbühne mit, stellte seine Fotos international aus. „Irgendwann wollte ich alle meine kreativen Zweige bündeln.“ Die Antwort habe er in dem alten Kunsthandwerk gefunden. Was den Potsdamer Handwerkskammerpräsidenten und Metallbaumeister Robert Wüst für ihn einnimmt. „Wir können auf 136 Ausbildungsberufe im Handwerk verweisen“, sagt er.

Handwerksbetriebe oft auch die wichtigsten Ausbildungsbetriebe

Der Bedarf an Fachkräften sei hoch, Nachwuchs sei gefragt. „Oft sind in kleinen Städten und Dörfern Handwerksbetriebe die wichtigsten Arbeitgeber und Ausbildungsbetriebe“, betont Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD). 2015 haben im märkischen Handwerk mehr als 3000 Betriebe über 6700 Lehrlinge in 102 Betrieben ausgebildet. Gregors Sohn allerdings, der Ingenieurwissenschaften studiert, will die Gießerei nicht übernehmen. Gregor hat damit kein Problem. „Denn es kommt doch auf die Leidenschaft für den Beruf an. Man muss für etwas brennen.“

Das sieht Ian McWilliams genauso. In seiner Werkstatt in Brandenburg an der Havel fertigt der gebürtige Kanadier Geigen, Bratschen und Cellos. Ahorn für Kopf, Boden und Zargen, die Decke aus Fichte, wenn es um die Geige geht. Pappel und Weide nimmt er fürs Cello. „Wichtig ist, dass man Holz von langsam gewachsenen Bäumen verwendet, wie sie in den Bergen vorkommen – beispielsweise in den italienischen Alpen oder in Bosnien“, erklärt McWilliams. Des schönen Klangs wegen. Stumpf töne es sonst, wenn man das falsche Material verwende. Fachwissen, das bei Musikern ankommt.

Die Instrumente verkauft er auch nach Paris oder London

Nicht nur für die einheimischen Symphoniker der Havelstadt produziert der 36-Jährige. Seine Instrumente verkauft er nach Berlin, Paris, London, Kopenhagen, Schanghai und New York. Obwohl der Geigenbauer sich erst noch weltweit einen Namen erarbeiten will. „Das fängt jetzt langsam an“, sagt Ehefrau Almuth hoffnungsvoll. Auch sie ist Geigenbauerin, restauriert für eine Werkstatt in Berlin-Charlottenburg schadhafte oder historische Instrumente. Beruf und Familienzuwachs haben sie nach Brandenburg geführt. „Wir wünschten uns mehr Raum zum Leben und Arbeiten. In Potsdam oder Berlin ist das nicht bezahlbar, hier in Brandenburg schon.“

Die Familie kaufte 2010 ein verfallenes, denkmalgeschütztes Haus von 1680. McWilliams schliff die Böden, sanierte, statt wegzureißen und baute im Hof eine Werkstatt im Fachwerkstil. Tradition zu schätzen, ist die Lebensphilosophie der Familie. Die einzig moderne Maschine in seiner Werkstatt ist die Bandsäge. Ansonsten baut sich McWilliams nach historischer Vorlage seine Werkzeuge selbst, verwendet alte Techniken und Materialien. 200 Arbeitsstunden braucht er für den Bau einer Geige, 12000 Euro kostet eine Violine, 23.000 Euro ein Cello. Jedes Instrument ist ein Unikat. Denn: „Jedes Holzstück ist anders, ist leicht zu händeln oder zickig.“ Letztlich sei der Geigenbau eben doch mehr Kunst als Handwerk, meint McWilliams.