Auszeichnung

Christina Grätz ist Unternehmerin des Jahres

Pflanzenschützerin Christina Grätz aus Jänschwalde ist die Unternehmerin des Jahres 2016 – ein Besuch in dem ausgezeichneten Betrieb

 Ausgezeichnet: Christina Grätz (M.) mit zwei Mitarbeiterinnen ihrer Firma Nagola Re auf einem Gehöft in Jänschwalde

Ausgezeichnet: Christina Grätz (M.) mit zwei Mitarbeiterinnen ihrer Firma Nagola Re auf einem Gehöft in Jänschwalde

Foto: Jan Zappner

Potsdam.  Sie war noch ein Kind, als die Bagger in ihrem Heimatort Radeweise bei Spremberg anrückten, und das Dorf unter ihre Schaufeln nahmen. Das war Mitte der 80er-Jahre, als Radeweise dem Welzower Tagebau weichen musste. Für Christina Grätz eine Erfahrung, die sie als Jugendliche in den Widerstand gegen die Braunkohle trieb. Doch irgendwann wollte sie „nicht mehr einfach dagegen sein“. Mit ihrem Unternehmen Nagola Re rekultiviert die diplomierte Biologin ehemalige Tagebauflächen, verwandelt sie in „blühende Landschaften“. Ein erfolgreiches Geschäftsmodell und ein Engagement, das man auch in der Landesregierung zu schätzen weiß: Beim Unternehmerinnen- und Gründerinnentag zeichnete Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) die 41-Jährige jetzt als „Unternehmerin des Landes Brandenburg 2016“ aus.

Zehn Jahre lang arbeitete sie nach ihrem Studium als Gutachterin im Umweltbereich, dokumentierte das Aussterben von Arten, das Verschwinden von Biotopen – und suchte nach Möglichkeiten, dem etwas entgegenzusetzen. „Ich wollte Natur retten“, sagt Christina Grätz, „nicht nur feststellen, was es alles nicht mehr gibt.“ 2011 gegründete sie ihr Unternehmen Nagola Re. Der Name kommt aus dem Sorbischen, bedeutet „auf der Heide“.

Auf dem Friedrichshof, einem abgelegenen Jänschwalder Gehöft, richtete sie ihren Firmensitz ein. Als sie den Hof mietete, war er eine Ruine. Mittlerweile hat sie ihn gekauft, macht aus dem Fachwerkgebäude aus dem 18. Jahrhundert ein Schmuckstück. Auf den Feldern ringsherum baut sie regionales Saatgut an. „Ein wachsendes Geschäftsfeld“, erklärt die Biologin. „Denn ab 2020 darf beim Straßen- und Deichbau ebenso wie bei der Bergbausanierung nur noch Saatgut aus heimischen Vorkommen ausgebracht werden.“ Mehrere Dutzend Hektar ehemals toter Kippenböden haben Christina Grätz und ihre 14 Mitarbeiter rund um Jänschwalde inzwischen in Wildwiesen verwandelt.

Brachflächen werden mit heimischem Saatgut rekultiviert

Doch sie setzt nicht nur das von ihr selbst gezogene Saatgut. „Was ich richtig super finde, ist die Mahdgutübertragung“, erzählt sie. Ihre Begeisterung für diese Rekultivierungsmethode ist unüberhörbar. Erst nehmen Grätz und ihr Team die zu begrünenden Flächen unter die Lupe, um zu ermitteln, welche Pflanzen hier am besten gedeihen können. Nach denen fahndet sie dann in der näheren Umgebung – auf Heide- und Trockenrasenflächen, auf Feuchtwiesen. Grätz lässt sie wieder mähen, legt die Mahd auf die Brachen. „Der nackte Boden ist dann sofort gesichert vor Wind- und Wassererosion“, erklärt Grätz. „Nach und nach zersetzt sich die Mahdschicht und schützt als Mulch zugleich die Samen, die millionenfach darin enthalten sind.“ Binnen zwei Jahren entstehe auf dem nährstoffarmen Boden eine neu Wild- oder Heidewiese. Und noch etwas ist der Biologin wichtig: „Indem wir die Wiesenbesitzer einbeziehen, ist das für die Menschen doch auch eine Chance, ein Stück Heimat für sich zurückzuerobern.“

Kosmetikprodukte im Blick

Nagola Re gehört in Brandenburg zu den führenden Anbietern naturnaher Begrünungen, auch über die Landesgrenzen hinaus ist das Unternehmen bekannt. Dazu haben nicht zuletzt die zahlreichen Preise beigetragen, die Grätz mit ihrer Firma binnen der vergangenen zwei Jahre abgeräumt hat: 2014 ausgezeichnet mit dem Zukunftspreis des Landes Brandenburg und Siegerin des Lausitzer Existenzgründer Wettbewerbs LEX, stand sie 2015 bei den Deutschen Gründer- und Unternehmertagen in Berlin ganz oben auf dem Treppchen – im Wettbewerb um die von der KfW-Bankengruppe verliehene Auszeichnung „Gründer-Champion“ war sie Brandenburger Landessiegerin und sicherte sich als Beste aller 16 deutschen Länder zugleich den Bundessieg.

Und nun ist die dreifache Mutter Brandenburgs Unternehmerin des Jahres. Bereits zum siebten Mal vergab das Arbeitsministerium den mit 3000 Euro dotierten Preis. Mit 42.000 Unternehmerinnen liege die Quote der selbstständigen Frauen in Brandenburg über dem Bundesdurchschnitt, sagt Arbeitsministerin Diana Golze (Linke). „Mit dem Preis möchten wir noch mehr Frauen ermutigen, diesen Schritt zu wagen.“ Frauen wie Christina Grätz, die vor Ideen nur so sprudeln. Eine davon verrät sie schon mal: Aus den mehr als 140 Wildpflanzenarten, die sie kultiviert, will sie Folgeprodukte entwickeln. „Ich denke da an Nahrungsmittel, aber auch Kosmetikprodukte.“

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