Totes Kind

Tod vor 42 Jahren - Rechtsmediziner schließt Unfall aus

Im Prozess gegen eine Mutter, die 1974 ihren Sohn mit Gas getötet haben soll, kam ein Experte zu einem eindeutigen Ergebnis.

Die Angeklagte Erna F. ist heute 74 Jahre alt. Sie soll 1974 in Schwedt (Oder) ihren schlafenden achtjährigen Sohn getötet haben. Sie selbst bestreitet die Tat. Das Gerichtsverfahren geht auf eine anonyme Strafanzeige aus dem Jahr 2009 zurück

Die Angeklagte Erna F. ist heute 74 Jahre alt. Sie soll 1974 in Schwedt (Oder) ihren schlafenden achtjährigen Sohn getötet haben. Sie selbst bestreitet die Tat. Das Gerichtsverfahren geht auf eine anonyme Strafanzeige aus dem Jahr 2009 zurück

Foto: Bernd Settnik / dpa

Es sieht nicht gut aus für die Angeklagte Erna F. Die 74-Jährige steht in Neuruppin vor Gericht, weil sie in der Nacht zum 5. November 1974 in ihrer Wohnung im brandenburgischen Schwedt ihren acht Jahre Sohn Mario mit Gas getötet haben soll. Erna F. schweigt vor Gericht. Die Richter sind auf Indizien angewiesen.

Und es ist erstaunlich, was die Ermittler noch alles zusammentrugen, nachdem am 5. August 2009 bei der Polizei ein anonymes Schreiben eingegangen war. Dort wurde erstmals behauptet, Erna F., die heute in Göttingen (Niedersachsen) lebt, habe ihren Sohn Mario umgebracht. Der Schreiber frage sich, wann die Frau „endlich verantwortlich gemacht werde für ihre grausame Tat“.

Wichtigstes Indiz war von Anfang an ein pathologisches Gutachten, das im November 1974 in der Berliner Charité gefertigt wurde. Auffällig war, dass das Blut des verstorbenen Kindes einen Kohlenmonoxidgehalt von 73 Prozent aufwies.

Experte rechnete verschiedenste Varianten durch

Dreh- und Angelpunkt in diesem Prozess ist nur, wie sich Mario so vergiften konnte oder ob er vergiftet wurde. Nach einem Gutachten, das der Gerichtsmediziner Wolfgang Mattig am Mittwoch vortrug, kann es kein Unfall gewesen sein. So hatte es Erna F. Bekannten immer mal wieder erzählt: Das Kind sei nachts wieder mal aufgestanden, in die Küche gegangen, habe am Gasherd gespielt, dabei Gas eingeatmet, habe den Herd wieder abgeschaltet, sei hernach ins Bett gegangen und dort gestorben.

Mattig hatte verschiedenste Varianten akribisch durchgerechnet. Er kam jedesmal zu dem Schluss, dass diese These nicht stimmen kann. „Wäre Mario tot in der Küche vor dem Herd mit dem ausströmenden Gas gefunden worden, hätte ich mit der Unfall-Variante kein Problem“, sagte Mattig. Der Junge habe es aber mit einem Kohlenmonoxidgehalt von 73 Prozent im Blut niemals schaffen können, die Gashähne zu schließen und ins Bett gehen.“

Die Theorie, dass eine Person das Kind gewaltsam mit dem Kopf in die Backröhre gesteckt und zum Einatmen des Gases gezwungen haben könnte, hielt Mattig für abwegig. Im pathologischen Protokoll der Charité seien keine Spuren von Gewalt am Körper des Kindes gefunden worden. Untersucht worden war aber leider nicht, ob dem Kind Schlaftabletten oder Ähnliches verabreicht wurden.

Warum musste der Achtjährige alleine schlafen?

So scheint eine mögliche Variante zu sein, dass Mario in die Küche gesetzt wurde und dort die tödliche Dosis Gas eingeatmet hat. Anschließend wurde der leblose Körper ins Bett gelegt. Nach einer zweiten Variante könnten der Täter/die Täterin den betäubten Jungen auch ins Bett gelegt und die Türen von Küche und Kinderzimmer offen gelassen haben.

In beiden Fällen muss der Täter/die Täterin nach dem Tode des Kindes die Wohnung kräftig gelüftet haben. Nur so lässt sich erklären, warum der am frühen Morgen erschienene Notarzt keinen Gasgeruch wahrgenommen hatte. Obwohl er damals sofort geahnt habe, hieß es in seiner Aussage vor Gericht, dass der Junge an einer Kohlenmonoxidvergiftung verstorben sei.

Bleibt die Frage, wer den Jungen getötet haben kann. In der Wohnung befanden sich nur Marios Schwestern und seine Mutter. Carmen W., die damals zwölf Jahre alt war, hat jetzt vor Gericht ausgesagt, dass sie und ihre Schwester Martina am 4. November ausnahmsweise im Schlafzimmer der Mutter übernachten mussten. Mario habe allein im Kinderzimmer geschlafen.

Tochter Martina F., die der Mutter noch immer sehr gewogen ist und die Anklage für abwegig hält, konnte sich bei ihrer Aussage an die Schlafsituation in der Nacht zum 5. November 1974 nicht mehr erinnern. Sie war damals erst vier Jahre alt. Aber auch sie wusste noch, dass es üblich gewesen sei, dass alle drei Geschwister gemeinsam im Kinderzimmer übernachteten.

Der Prozess wird fortgesetzt.