Brandenburg

80. Geburtstag: Das zweite Leben des Manfred Stolpe

Der ehemalige brandenburgische Ministerpräsident wird 80 Jahre alt. Der RBB widmet ihm einen Film und ein Buch.

Manfred Stolpe (SPD) war Ministerpräsident von Brandenburg und Bundesverkehrsminister

Manfred Stolpe (SPD) war Ministerpräsident von Brandenburg und Bundesverkehrsminister

Foto: dpa Picture-Alliance / Arno Burgi / picture alliance / ZB

Potsdam.  „Es geht mir besser, als man vermuten könnte.“ Das sagt einer, der davon ausging, kaum älter als 70 Jahre alt zu werden. Etwa zwei Jahre vor seinem 70. Geburtstag hatte Manfred Stolpe die Diagnose Darmkrebs erhalten. „2004 wurde mir vorhergesagt, ich würde keine drei Jahre mehr leben“, erinnert er sich. Am 16. Mai 2016 feiert der frühere Brandenburger Ministerpräsident und ehemalige Bundesverkehrsminister nun seinen 80. Geburtstag.

Aus diesem Anlass hat der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) mit ihm gesprochen. Insgesamt sieben Stunden – über seine Kindheit in Stettin, die Flucht, die Zeit des Mauerbaus, seine Arbeit als Kirchenmann in der DDR und seine umstrittenen Stasi-Kontakte sowie über die Erfahrungen im wiedervereinten Deutschland. Aus den Erinnerungen haben RBB-Chefredakteur Christoph Singelnstein und der Journalist Jost-Arend Bösenberg einen 60-minütigen Film und ein 104-seitiges Buch gemacht. Titel: „Von Pommern nach Potsdam“.

Am Dienstagabend wurde beides in der Landesvertretung in Berlin vorgestellt. Und Manfred Stolpe war dabei. Entspannt und „fröhlich“, so wie er seinen Istzustand beschreibt. „In gewisser Weise lebe ich heute mein zweites Leben“, sagt Stolpe. „Ich bin ein Beispiel dafür, wie weit sich die Medizintechnik entwickelt hat – und ich fühle mich wohl dabei.“ Eigentlich ist es nicht erst sein zweites Leben. Er war neun Jahre alt, als der Krieg vorbei war, 25 Jahre, als die Mauer gebaut wurde, und 53 Jahre, als sie fiel.

Förster war sein eigentlicher Berufswunsch

Mehrere politische Systeme haben ihn geprägt. Geboren am 16. Mai 1936 in Stettin, verbrachte Manfred Stolpe als Kind wegen der Bombardierung im Krieg viel Zeit auf dem flachen Land. Förster wollte er deshalb später werden, erzählt er. Der Vater hatte eine Gastwirtschaft in Stettin-Altdamm, die Mutter war Postbeamtin. 1945 flüchtete die Familie nach Greifswald. Dort erlebte der Junge das Kriegsende unversehrt. Der neun Jahre ältere und mittlerweile verstorbene Bruder blieb fünf Jahre vermisst. Die Mutter hat ihn erst 1950 über das Deutsche Rote Kreuz wiedergefunden. Er war in amerikanische Gefangenschaft geraten und wurde später nach Großbritannien geschickt. Dort arbeitete er in einem Arbeitslager in der Landwirtschaft, wie Stolpe in einem früheren Buch schrieb.

In Jena studierte Manfred Stolpe Jura. Im Winter 1958/1959 begegnete er das erste Mal seiner späteren Frau Ingrid. Einer Medizinstudentin. Die beiden lernten sich bei einer Skifreizeit im Harz kennen. Sie haben heute eine Tochter und zwei Enkel. Eines der 20 Fotos in dem Buch zeigt die beiden als Brautpaar 1961 bei der heimlichen Hochzeit. „Wenn die alten Professoren hörten, dass eine Studentin geheiratet hatte, dann ließen sie sie durchfallen“, erinnert er sich. „Weil sie sagten, dass sie sowieso bald aufhören würde.“

Er pflegte auch Kontakte in den Westen

Ingrid Stolpe wurde Ärztin, ihr Mann begann bei der evangelischen Kirche als Jurist. Von 1962 an führte er die Geschäftsstelle der Evangelischen Kirchenleitungen in der DDR. Mit der Karriere ging es bergauf: Von 1969 bis 1981 leitete Stolpe das Sekretariat des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR, von 1982 bis 1990 war er als Konsistorialpräsident der Ostregion der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg tätig. Er wurde zum „Grenzgänger“, pflegte auch Kontakte in den Westen, nicht nur in Kirchenkreisen, auch zu Spitzenpolitikern. Dazu zählten Oskar Lafontaine und Johannes Rau. Helmut Schmidt schaute bei seinen „Zwischenstopps“ in Bonn in den 80er-Jahren ebenfalls mitunter vorbei.

Stolpe sah sich immer als Diplomat. Als Vermittler. „Ich hatte den Eindruck, dass ich alles überblickte, mit dem System zurechtkam und in manchen Dingen besser Bescheid wusste als die meisten anderen“, wie er rückwirkend feststellt. „Die Quittung für diese Hybris bekam ich, als die Versuche gemacht wurden, mich zum Stasi-Mitarbeiter abzustempeln.“

„Persönliche Privilegien waren für mich immer tabu“

Nach dem Fall der Mauer erwehrte er sich als erster Regierungschef in Brandenburg gegen Vorwürfe, zu DDR-Zeiten unter dem Decknamen „IM Sekretär“ zu eng mit der Stasi zusammengearbeitet zu haben. Dagegen prozessierte er bis zum Bundesverfassungsgericht. 2005 entschieden die Richter, dass Stolpe nicht als „früherer IM“ bezeichnet werden dürfe.

Im Interview kommt die Frage nach seinen Kontakten zur Staatssicherheit nach dem ersten Drittel. Stolpe sagt, er habe die Erfahrung gemacht: „Wenn es ernst wird, es um Freiheit und vielleicht sogar um Menschenleben geht, dann ist die Staatssicherheit die Instanz, die am ehesten helfen kann.“ Was ihn erschüttert habe, sei „das Unvermögen von Leuten, die in einem anderen System groß geworden sind, zu begreifen, wie diese DDR eigentlich funktionierte“. Er betont: „Bei allen Gesprächen mit dem Staat waren persönliche Privilegien für mich ein totales Tabu – auf keinen Fall irgendetwas Persönliches in Aussicht gestellt zu bekommen.“

Ein Kümmerer wollte er immer sein. Als Bundesverkehrsminister unter Gerhard Schröder von 2002 bis 2005 ebenso wie in den fast zwölf Jahren zuvor als Ministerpräsident. Unermüdlich notierte er in den schwierigen Nachwendejahren die Wünsche, Sorgen und Nöte der Brandenburger. Die er vor der harten Realität bewahren wollte. Dass er auf später trotz Millionenzuschüssen gescheiterte Projekte wie den Cargolifter setzte, wirft er sich heute selbst vor. „Ich war nicht misstrauisch genug.“

Gescheiterte Länderfusion empfindet er als bitte Niederlage

Als eine bittere Niederlage empfindet Stolpe die im Mai 1996 am Widerstand der Brandenburger gescheiterte Länderfusion mit Berlin. „In einem gemeinsamen Parlament hätte der Standort Sperenberg für den gemeinsamen, neuen Flughafen eine Mehrheit gehabt“, zeigt er sich überzeugt. Und verrät: Durch Zufall habe er herausgefunden, wie man im damaligen Bundesverkehrsministerium und bei der Bundesregierung dachte. „Ein leitender Mitarbeiter in Bonn hatte mir gesagt, dass Sperenberg der einzige Flughafen in Deutschland sein würde, der rund um die Uhr angeflogen werden könne. Da man aber gerade sehr viel Geld in München ausgegeben habe, könne man diesem jetzt nicht eine solche Konkurrenz vorsetzen.“

Viel mehr aber als der Pannen-Hauptstadtflughafen dürfte ihn der Zustand der Sozialdemokratie betrüben. Brandenburg scheint inzwischen die letzte Bastion der SPD zu sein. Die Sozialdemokraten regieren ununterbrochen seit 1990. So lange gehört Stolpe, ihr erster Spitzenkandidat, der SPD an.

Der Film wird am 11. Mai 2016 um 22.15 Uhr im RBB ausgestrahlt. Das Buch „Von Pommern nach Potsdam“ ist erschienen im Verlag für Berlin-Brandenburg, ISBN 978-3-945256-59-6. Es kostet 14,99 Euro.